Noch 83 Tage, um das Eis zu brechen

Riskante Strategie der UN-Klima-Verhandler: Probleme werden bis zur nächsten Konferenz vertagt. Derweil brechen „Klimapilger“ auf und planen einen Gottesdienst in Hambach

So schmilzt die Hoffnung: Neue Studien warnen vor Eisschmelze und tauendem Permafrost in der Arktis Foto: Vlad Sokhin/laif

Von Bernhard Pötter

Unter dem Motto „Geht doch!“ sind am Sonntag rund 30 Menschen aus Bonn zu einem „ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit“ ins polnische Kattowitz aufgebrochen. Die Gläubigen begannen ihren Marsch über 78 Etappen und 1.700 Kilometer zur UN-Konferenz COP24. Auf der Route liegen unter anderem „Schmerzpunkte“ wie der Hambacher Forst bei Aachen. Dort soll am Mittwoch ein Gottesdienst gefeiert werden.

Ähnlich steinig und voller Schmerzpunkte wird der Weg nach Kattowitz auch für die UN-Klima-Verhandler aus 195 Staaten. Sie beendeten am Sonntag im thailändischen Bangkok ihr letztes offizielles Vorbereitungstreffen. Aber anders als die Pilger sind die Diplomaten mit schwerem Gepäck unterwegs: Der Verhandlungstext ist etwa 300 Seiten lang, viel zu umfangreich für eine Entscheidung durch die Minister. Es hake besonders beim Geld und bei den Verpflichtungen zum Klimaschutz, berichten Teilnehmer. „Sehr schwierig und politisch heikel“ nannte die Chefin des UN-Klimasekretariats, Patricia Espinosa, die Finanzfrage in Bangkok.

Bei der COP24 in Kattowitz müssen die Delegationen das Pariser Abkommen zum Klimaschutz mit Leben füllen. Es geht um eine Fülle technischer Details in einem „Regelbuch“, die politisch und ökonomisch sehr wichtig sind: Wie genau müssen die Staaten offenlegen, was sie für den Klimaschutz tun? Müssen industrialisierte Länder höhere Ansprüche erfüllen als Entwicklungsländer? Wie funktioniert die Bilanz der Fort- oder Rückschritte, die alle fünf Jahre aufgestellt werden soll? Wie weisen die reichen Länder nach, dass sie genug Geld für die Opfer des Klimawandels bereitstellen?

Weil es dabei ums Eingemachte geht, waren schon die UN-Verhandlungen in Bonn im Mai so langsam, dass das zusätzliche Treffen in Bangkok nötig wurde. Dort gab es nun „eine sehr konstruktive Atmosphäre“ und weitgehende Einigungen bei „einigen Themen wie etwa Technologie“, sagt die Leiterin der deutschen Delegation, Nicole Wilke. Sie sieht „nicht so viel Fortschritt wie gewünscht“, aber bei konstruktiver Arbeit sei ein Erfolg in Kattowitz möglich. Für den Sprecher der ärmsten Länder (LEDC), Gebru Jember Endalew, war „der Fortschritt trotz der Dringlichkeit langsam. Auf uns wartet ein immenser Berg von Arbeit.“

Am Ende hängt ein Erfolg in Kattowitz an der Balance zwischen Pflichten und Finanzen. China etwa drängt darauf, dass die Schwellenländer weniger strenge Pflichten bei Transparenz und Anstrengungen im Klimaschutz erfüllen müssen. Die Industrieländer wehren sich gegen diese „Differenzierung“ und verweisen darauf, dass Staaten wie China, Indien, Brasilien oder Mexiko inzwischen ähnliche Verantwortung tragen wie die USA oder Europa. Die armen Länder wiederum fordern von den Reichen verbindliche Fahrpläne und Zusagen über Finanzhilfen: Mindestens 100 Milliarden Dollar sollen ab 2020 für Hilfen für Klimaschutz, neue Techniken und für Anpassung an Hitze, Dürre und höheren Meeresspiegel von Nord nach Süd fließen.

Wie immer vor Klimakonferenzen wird die Zeit knapp. Eine Kommission soll in den nächsten Wochen das 300-Seiten-Papier so kürzen, dass es politisch entschieden werden kann. Und hinter den Kulissen laufen die informellen Verhandlungen weiter: Ab Mittwoch auf dem „Klima-Aktionsgipfel“ in San Francisco, Ende September bei der UN in New York und bei den Vortreffen des polnischen Konferenzvorsitzes. Die Lage ist so dramatisch, dass UN-Generalsekretär Antonio Guterres am Montagabend nach Redaktionsschluss seine erste große Rede zum Klimawandel halten will.