So viel Kritik muss sein: Teresa Wolny über „Miss Terry“ im Bremer Kriminaltheater

Mord im Bauschuttcontainer

Franziska Mencz gerät als Nita Theri in Bedrängnis F: Claudia Hoppens/BKT

Die Diskriminierung fängt schon beim Namen an. „Mein Name ist Nita Theri“ – „Ah, Miss Terry!“ folgert ihre Umgebung. Für ihre SchülerInnen ist sie „Mistery“. „Miss Terry“ ist dann auch der Titel der Inszenierung, basierend auf Liza Codys gleichnamigen Roman. Regisseur Ralf Knapp hat aus der Vorlage im Bremer Kriminaltheater eine eindrückliche und aktuelle Uraufführung geschaffen.

Wenn es denn nur der falsch ausgesprochene Nachname wäre, mit dem könnte Nita Theri, eine Britin mit pakistanischem Hintergrund, vermutlich leben. Aber dabei bleibt’s nicht. Die Sache fängt ganz harmlos an, mit einer Baustelle im Haus gegenüber von Theris kürzlich bezogener Londoner Eigentumswohnung. Der Lärm nervt die ganze Guscott Road. Viel schlimmer für Miss Theri aber ist der rote Bauschuttcontainer, der als stiller Protagonist neben der ersten Reihe vor der Bühne steht.

„Abferkelndes Eisenschwein“ oder „Müllgöttin“ wird er auch genannt. Und diese Göttin wird Theri zum Verhängnis. Als in dem Container eines Tages die Leiche eines Babys „mit multiethnischer Abstammung“ gefunden wird, fällt der Verdacht schnell auf Miss Theri als der einzigen dunkelhäutigen Frau in der Nachbarschaft.

Damit beginnt für sie, von Franziska Mencz überzeugend verzweifelt dargestellt, ein Martyrium. In regelmäßigen Abständen tauchen nun wahllos dreiste Polizeibeamte bei der passionierten Hobbyköchin auf, stellen krude Fragen und verlangen DNA-Abstriche.

Ralf Knapp und Heiko Windrath lassen in ihrer minimalistischen Kulisse fast das gesamte Stück über ein paar Töpfe auf dem Herd der freistehenden Küche mitten auf der Bühne vor sich hin dampfen, so wie der Verdacht ständig weiter köchelt: Man schickt ihr blutige Babykleidung, sie verliert ihren Job als Lehrerin, Eltern ihrer SchülerInnen beschimpfen sie als „Paki-Schlampe“. Eine aus Angst zurückgezogene Anzeige wegen Vergewaltigung in der Vergangenheit erhärtet den Verdacht des Kindsmordes und wird ihr, wenn man schon mal beim Thema ist, auch gleich zum Vorwurf gemacht: Janina Zamani als fiese Kriminalbeamtin wirft ihr an den Kopf, dass es an Frauen wie ihr liege, dass die richtigen Opfer nicht ernst genommen würden.

Mehr noch als vor diskriminierenden Behörden muss sich Theri aber vor ihrer pakistanischen Familie fürchten. Der bedrohliche Kreis um sie zieht sich immer enger, böse Gesichter auf großen Stöcken symbolisieren ihre Verwandtschaft, von der sie wegen ihrer liberalen Lebensweise als „Unrat“ beschimpft wird. Die Stöcke werden von ihren TrägerInnen rhythmisch bedrohlich auf den Bühnenboden gerammt, sie nähern sich langsam aber stetig: Die überraschend abstrakte Szene macht die bedrohliche Stimmung greifbar.

Die fünf SchauspielerInnen wechseln zwischen zahllosen Rollen hin und her, dadurch verzeiht man ihnen so manche Überzeichnung, wie die Darstellung des homosexuellen Medizinstudenten-Paares, die von Anfang bis Ende auf Nita Theris Seite stehen. Man hilft sich eben unter Marginalisierten.

Miss Terry, Bremer Kriminaltheater, Theodorstr. 13a, 28219 Bremen, Wieder am 23., 24., 28. 29. und 30. November sowie 1.Dezember jeweils 20 Uhr