Eiken Bruhn über den Kopftuchstreit in Hamburg

Das Kopftuch ist ein veganes Würstchen

Mal angenommen: Eine Erzieherin fährt in den Urlaub, lernt dort die vegane Küche kennen und beschließt, fortan keine tierischen Produkte zu sich zu nehmen. Daraufhin kündigt ihr der Kindergarten, der Fall landet vor Gericht, Medien berichten, Redaktionen überlegen, wie sie das finden, so rein moralisch betrachtet. Einerseits soll jede machen, wie ihr beliebt, aber andererseits ist irgendwie doch auch der Kindergarten zu verstehen. Es könnte doch sein, dass die Erzieherin jetzt die Kinder zu kleinen Veganer*innen umerziehen will! Am Ende entwickeln die sich noch zu radikalen Tierschützer*innen und töten die Vorstandsvorsitzenden von Fleischfabriken?!

Niemand würde das ernsthaft denken oder gar laut sagen. Aber wenn das vegane Würstchen ein Kopftuch ist wie aktuell im Hamburger Fall, sieht das anders aus. Klar, die Wurst in seiner veganen Variante lässt sich nur schwer als Symbol für die Unterdrückung der muslimischen Frau betrachten – aber im Kern geht es um dasselbe.

Auch wenn es gute Gründe gibt, als Feministin bei aller Freiheitsliebe das Kopftuch einfach nur doof zu finden, dürfen diese persönlichen Befindlichkeiten keine Rolle dabei spielen, ob jemand anderes seinen oder ihren Job behält. Ob Veganerin oder Kopftuchträgerin: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich“, so steht es im Artikel 4 des Grundgesetzes.

Entsprechend hat das Bundesverfassungsgericht vor zwei Jahren den Streit einer Erzieherin aus Baden-Württemberg mit ihrem Arbeitgeber beendet, in dem es entschied, dass das Grundgesetz auch für Muslime gilt.

Der Hamburger Kindergarten, der seiner Mitarbeiterin wegen des Kopftuchs gekündigt hat, beruft sich daher auch nicht auf das Urteil Bundesverfassungsgerichts, sondern des Europäischen Gerichtshofs. Das kann man machen. Besser wäre es aber, Unterschiede und Ambivalenzen einfach auszuhalten und Kindern zu ermöglichen, dass sie den Umgang mit ihnen lernen.