heute in bremen

„Selbstbestimmt entscheiden“

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Doris Achelwilm, 42, ist Sprecherin für Gleichstellungs-, Queer- und Medienpolitik der Bundestagsfraktion der Linken und lebt in Bremen.

Interview: Eiken Bruhn

taz: Frau Achelwilm, warum lehnen Sie den Regierungsvorschlag ab, dass neben „männlich“ und „weiblich“ auch „divers“ im Personenstandsregister stehen soll?

Doris Achelwilm: Die Linksfraktion lehnt natürlich nicht ab, dass es die dritte Option geben soll. Das Bundesverfassungsgericht hat den Weg dafür bereitet, dass es einen positiven Geschlechtseintrag auch für inter- und transgeschlechtliche Menschen gibt. Diesen Ansatz löst der Gesetzentwurf nicht einmal zur Hälfte ein. Außerdem bleibt es faktisch bei der Attestpflicht, die für uns untragbar ist.

Wenn alle eintragen können, was sie wollen: Wird es dann nicht sehr unübersichtlich?

Nein, im Alltag ist die Geschlechtervielfalt auch nicht unübersichtlich. Alle, die mit ihrem bei Geburt festgestellten Geschlecht okay sind, können das bleiben. Alle anderen sollen über ihren Geschlechtseintrag selbstbestimmt entscheiden können. Je weitgehender die Hürden dafür gesenkt werden, desto unkomplizierter würde ein geschlechterrechtlicher Paradigmenwechsel, wie er in vielen Ländern derzeit diskutiert oder umgesetzt wird. So lange es die staatliche Geschlechterregistrierung gibt, so lange wäre es am einfachsten, den Geschlechtseintrag per Verwaltungsakt im Standesamt ändern zu können. Danach geht es nur noch darum, in Datenbanken ein m, w oder x einzutragen – längst internationaler Standard.

Film und Diskussion

über intergeschlechtliche Menschen und die Änderung des Personenstandsgesetzes, nach der es in Zukunft möglich sein soll, ein drittes Geschlecht einzutragen. 19 Uhr, Infoladen, St.Pauli-Straße 10.

Warum lehnen Sie ein ärztliches Attest ab?

Ärztliche Atteste ergeben einfach keinen Sinn. Es gibt kein valides Testverfahren zur Feststellung von Geschlecht, so neu das für manche klingen mag. Auch Gerichte und Wissenschaft haben bestätigt, dass Geschlecht nicht allein von genetischen oder körperlichen Merkmalen abhängt, sondern psychosoziale und andere Faktoren eine Rolle spielen bei der Geschlechtsidentität. Die Pathologisierung von inter- und transgeschlechtlichen Menschen hat lange genug Leid verursacht, ohne für irgendetwas gut oder nötig zu sein.