Anja Maier
Bauernfrühstück

Gebt dem Gott des Lärmes, was des Gottes ist

Foto: Foto:Ute Mahler/Ostkreuz

Oh mein Gott, wird das großartig. Groß-ar-tig! In nicht einmal zwei Wochen erwartet der lärmgewordene Distinktionsgewinn die politisch korrekte Netzgemeinde. „Silvester ohne Böller“ ist der Titel jener Sause, zu der sich per Facebook-Klick verabredet, wer auf sich hält. 50.000 nehmen teil. 500.000 sind interessiert. Der Lärm! Die Gefahr! Das Tierwohl! Der Hunger in der Welt! Meine Schwiegermutter! Es gibt so viele öffentlich ausstellbare Gründe, die Silvesternacht in der gebotenen zivilisierten Ruhe verbringen zu wollen. Aber der allerbeste Grund ist doch immer noch jener, bei den Guten dabei zu sein und das öffentlich raushängen zu lassen.

Als ausgewiesene Provinznudel sage ich dazu: So nicht, Freunde! Knallen gehört zu Silvester. Verriegelt eure Briefkästen, kauft euch Ohrböppel, tragt euer Manufakturrad hoch in den dritten Stock. Denn geknallt werden muss. Ich meine, was kommt als nächstes? Weihnachten ohne Geschenke? Rausch ohne Alkohol? Lachen ohne Witz? Leude!!! Ich weiß es, ihr wisst es. Und alle zusammen wissen wir doch, dass ihr selbstverständlich ballern werdet. Wenn auch natürlich – öhöm – nicht ganz freiwillig.

Am Neujahrstag wird es dann wieder heißen: Nicht meine Schuld; es ist über mich gekommen. Weil John, Paul, George und Ringo (oder wen immer ihr kennt) – trotz gegenteiliger Absprachen in der Threema-Gruppe!!! – dann doch was mitgebracht hatten. Erst legten sie unauffällig ein bisschen Feuerwerks-Dope neben den Raclette-Grill auf den Tisch des Hauses: Wunderkerzen, Tischfeuerwerk, so was. Um dann kurz vor zwölf strahlenden Blickes ein paar schöne Turbolader unter dem Mantelstapel im Flur hervorzuziehen. Double Thunder, Devil Scream, Mega Shot – das volle Besteck.

Und ihr, nicht faul, werdet ebenfalls eine Kleinigkeit vorbereitet haben. Werdet ächzend die sauteure Titan-Salut-Kiste aufs Trottoir wuchten und dem Gott des Lärmes geben, was des Gottes ist. Zehn Minuten Leuchtfeuer auf die Balkone und Dachterrassen der umliegenden Baugruppen-Spießer, die eure gekränkte Mieterseele schon lange nerven. Ein bisschen Spaß muss sein. Und ja, ihr werdet feiern, beobachten zu dürfen, wie sie ängstlich ihre Kinder hinter die bodentiefen Fenster ihrer Immobilie zurückziehen.

Die Fünftage-vorschau

Do., 20. 12.

Hannah

Reuter

Blind

mit Kind

Fr., 21. 12.

Peter

Weissen-

burger

Eier

Mo., 24. 12.

Mithu Sanyal

Mithulogie

Di., 25. 12.

Doris Akrap

So nicht

(auf taz.de)

Mi., 26. 12.

Franziska

Seyboldt

Psycho

(auf taz.de)

kolumne@taz.de

Wir da draußen, in der Provinz, wir kennen derlei Gefühle nicht. Wir ballern ehrlichen Herzens rum. Muss man sich nicht für schämen, machen schließlich alle bei uns. Bis um zwölf wird ungesund gegessen und zu viel getrunken. Mitternacht wird sich kurz abgeknutscht und dann geht’s raus auf die Straße, wo schon die Nachbarn den Pyromanen rauslassen. Anschließend alle wieder rein, weiter trinken und beim Bleigießen ein paar schöne Brandlöcher in der Tischdecke produzieren. Aber oh, halt, stopp, Bleigießen ist ja neuerdings auch sehr böse. Die Dämpfe! Die Spritzer! Die Kiiiiiinder! Ach Scheiß drauf. Ich brauche ein Orakel. Und zwar pronto!