Susanne Messmer denkt mal nach

Erinnerungsorte, überall

Es ist der 33. Berliner Denkmaltag, und der oberste Denkmalpfleger des Landes, Christoph Rauhut, eröffnet die dazugehörige Veranstaltung im Rathaus Kreuzberg am Freitag mit den Worten, dass authentische Orte der Erinnerung trotz wachsender Stadt zu bewahren seien. Gerade weil Berlin so reich sei an solchen Orten sei, gerade weil sie „tagtägliche Begleiter des Alltags“ seien. Klar, dass an einem solchen Tag weder die Topographie des Terrors noch die Stiftung Berliner Mauer fehlen dürfen – beide haben diesmal den Tag mitgestaltet –, schön aber auch, dass kurz nach Rauhuts Rede zwei HistorikerInnen weniger bekannte Orte vorstellen, die bis jetzt weder ganz erforscht noch für die Öffentlichkeit erschlossen wurden.

Zuerst berichtet Thomas Irmer über die Geschichte der Verlagerung der unterirdischen Telefunken-Rüstungsfabrik in den Keller einer ehemaligen Brauerei in der Fidicinstraße: Hier wurde vor allem Elektronik für das deutsche Heer gefertigt. Das Areal wurde 2015 an eine Aktiengesellschaft verkauft, die Wohnungen und Gewerbe bauen wird, sich allerdings bereit erklärt hat, einen Teil der Neubaufläche an eine städtische Wohnungsbaugesellschaft und das Bestandsgebäude an eine Stiftung zu verkaufen – außerdem ist sie einverstanden, dass ein Teil der Keller, die Telefunken teilweise von Zwangsarbeiten für ihre Zwecke herrichten ließ, Lernort wird. Noch gebe es keinen Ort in Berlin, wo an die Rüstungsindustrie erinnert werde, schließt Irmer seinen Vortrag: „Dies wäre ein idealer Ort.“

Ein anderer, um dessen Erhalt der Denkmalschutz aktuell ringt, ist ein erst kürzlich entdecktes Kriegsgefangenenlager in Lichterfelde-Süd. Die Groth-Gruppe will dort eine kleine Stadt mit 2.500 Wohnungen errichten, hat aber bereits mit dem Denkmalamt abgestimmt, dass auch ein Gedenk­ort entstehen muss, in welcher Form auch immer. Barbara Schulz, die das Lager aktuell erforscht, gibt spannende Einblicke: Das Lager existierte von 1939 bis 1945, die Wehrmacht hatte dort 2.600 Kriegsgefangene untergebracht, die meisten kamen aus Frankreich.

Schulz hat herausgefunden, dass die Holzbaracken mehrmals bombardiert wurden, bis man sie durch steinerne Baracken ersetzte. Auf eindringliche Art erklärt sie, dass jeder noch so unscheinbare Betonrest wichtig sei, um sich den Alltag in so einem Lager auch nur ansatzweise vorzustellen zu können. Bei einer Begehung konnte Schulz nachvollziehen, dass in einen der rudimentär erhaltenen Waschräume höchstens 14 Menschen passten, er aber von 140 Menschen genutzt werden musste. Die Gefangenen besuchten ihn wohl im Schichtbetrieb.