Dreiländereck der Natur

Jahrhundertelang war das südliche Burgenland Schauplatz von kriegerischen Einfällen. Heute jagt hier der Bergmolch

VON RALF LEONHARD

Sanft gleitet das Kanu durch die Mäander der Raab. Hie und da steigt ein Schwan auf, immer wieder fliegt ein Wildentenschwarm schnatternd über die winterlichen Auen. Dünne, rot-weiß-rote Pfosten in der Uferböschung markieren die Grenze, die wegen des gewundenen Flussverlaufs auf wenigen Kilometern mehrmals gequert wird. Wo einst der Eiserne Vorhang das Ende der westlichen Welt signalisierte, gibt es sonst kein sichtbares Zeichen für den Übergang von einem Land in ein anderes.

Der Naturpark Raab im südlichen Burgenland geht unmittelbar über in den Örség-Park auf der ungarischen Seite. Am Wehr eines Kraftwerks muss man umkehren oder das Kanu aus dem Wasser ziehen und ein paar Meter tragen. „Im Sommer warten hier ungarische Freunde mit einem Kesselgulasch“, sagt Walter Fenz, der schon viele Gruppen sicher über den Fluss geleitet hat. Der 71-jährige Wassersportler versteht es, die Paddelstöße unerfahrener Mitfahrer so geschickt auszugleichen, dass sie glauben, sie selbst könnten das leichte Kunststoffboot steuern.

Jahrhundertelang war diese Gegend Schauplatz von kriegerischen Einfällen der Osmanen, die Teile Ungarns rund 150 Jahre besetzt hielten. In der Schlacht von Mogerdorf konnte das kaiserliche Heer 1664 die gegen Wien ziehende, weit überlegene Streitmacht des osmanischen Sultans zurückschlagen. Die Natur kam ihm dabei zu Hilfe: Nach starken Regenfällen führte die Raab Hochwasser, und die Türken konnten nur einen Teil ihrer Truppen in Stellung bringen. An die 10.000 Toten, die damals auf dem Schlachtfeld zurückblieben, erinnern ein Holzkreuz und eine Kapelle auf dem Schlösslberg über der kleinen Ortschaft.

Die Kanufahrt ist nur eine der Attraktionen, die der Naturpark zu bieten hat. Karl Kahr, der Projektkoordinator des Parks, zählt eine ganze Liste von Ausflugszielen auf, die sich für Tages- oder Halbtagstouren eignen: die Jostmühle, eine noch aktive Wassermühle, wo Bauern ihr Korn mahlen lassen; ein Hügelgräberfeld aus der Römerzeit samt Römermuseum und Bauernladen, oder die Schnapsbrennerei.

Am Dreiländereck, wo Österreich, Ungarn und Slowenien zusammenstoßen, steht ein dreiseitiger Obelisk zur Erinnerung an die Friedensverträge von St. Germain (1919) und Trianon (1920), in denen nach dem Ersten Weltkrieg die Grenzen gezogen wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg trennten diese Grenzen nicht nur die germanische, magyarische und slawische Sprachfamilie, sondern auch drei Gesellschaftssysteme. Die Grenze zwischen Josip Broz Titos Jugoslawien und dem Westen war durchlässiger als die zwischen dem Westen und den moskautreuen Staaten. Auf einem Waldweg, der von Budinci, Sloweniens nördlichstem Dorf, in die ungarische Ortschaft Orfalu führt, verweist eine Schranke darauf, dass hier vor noch nicht allzu langer Zeit ein Todesstreifen verlief.

Budinci liegt im slowenischen Goriko-Park, dem größten der drei angrenzenden Naturparks. Die Verwaltung ist im Schloss Grad (ehemals Gornja Lendava) untergebracht. In einigen Räumen sind Büros und Versammlungsräume untergebracht, andere dienen als Museum für das bodenständige Handwerk und die Fauna der Region. Für Tierbeobachtungen muss man sich Zeit nehmen und Liebe fürs Detail mitbringen. Denn die Flusskrebse oder Amphibien wie Bergmolch und Salamander in den Bächen und Wäldern bleiben den Eiligen verborgen. Fischotter zeigen sich manchmal den Kanufahrern auf der Raab.

Stanka Denik, die Leiterin des Parks, organisiert regelmäßig Wanderungen, bei denen auch die Labung nicht zu kurz kommt. Die Fluss- und Hügellandschaft liegt im Einzugsgebiet von nicht weniger als 15 Thermenoasen in den drei Ländern. Egal ob man per Bus, per Rad oder zu Fuß unterwegs ist, die Grenze ist kein Hindernis mehr. Nach und nach wurden Nebenstraßen und Fußpfade, die jahrzehntelang gesperrt waren, wieder zugänglich gemacht.

Der Eiserne Vorhang hatte aber auch seine Vorteile: Nirgendwo in Ungarn findet man so viel Primärwald. Und auch die Siedlungsstruktur der Haufendörfer hat sich nur hier erhalten. Örség, das heißt Verteidigungsgürtel. Das war dieser Streifen schon, als auf der einen Seite die ungarischen Siedler, auf der anderen die deutschsprachigen Bauern lebten.

Unberührte Gebiete rufen gewöhnlich ehrgeizige Politiker auf den Plan, die dort möglichst schnell vorzeigbare Projekte aus dem Boden stampfen wollen, weiß Alois Lang, der als Koordinator das Netzwerk des Green Belt in 23 Ländern aufgebaut hat: „Populistische Politiker wollen schnelle Erfolge.“ Es sei aber, freut sich Lang, gelungen, die Parks vor solchem Zugriff weitgehend zu schützen.

RALF LEONHARD ist Österreich-Korrespondent der taz www.naturpark-raab.at, www.suedburgenland.at, www.park-goricko.org/de/prvastran.asp. Die ungarische Homepage hilft leider in Fremdsprachen nicht viel weiter. www.nationalpark.hu