Ein süßes Geheimnis

Schluss mit dem Klammer-Blues! Zu ihrem 275. Geburtstag muss es mal gesagt sein: Zahnspangen machen sexy – zumindest wenn sie selbstbewusst getragen werden

Sie ist tatsächlich unsichtbar: ohne die mit aufgeweichtem Brot verzierten Drähte, Bänder und Bügel, einfach eine Schiene hinter den Zähnen versteckt. Sonst nichts. Die gibt’s schon seit drei Jahren, gesehen habe ich sie aber noch nie. Erst neulich freute ich mich mal wieder zu früh: Da sah ich eine erwachsene Frau, die schob ihre Kiefer so seltsam hilflos vor. Na endlich, dachte ich, jetzt habe ich sie entdeckt: die unsichtbare Zahnspange, die es für etwa fünftausend Euro gibt. Die Kasse zahlt keinen Pfennig dazu.

Es war auf einem klassischen Konzert, irgendwo bei Stuttgart. Männer spielten Trompete, Geige und Pauke, eine Frau mit Opernstimme sang dazu. Die Frau mit der Zahnspange saß ganz hinten, in der letzten Reihe, neben mir. Dazu zwei blonde, süße, zur Trompete kreischende Kinder in Ringelpullis und ein schwerverdienender Ehemann. Das war unübersehbar. Er war nicht dick, sondern dünn vom vielen Schuften im Büro bis tief in die Nacht. Dick wird der Mann später, wenn seine Söhne gestreifte Krawatten tragen und die Zähne seiner Frau endlich gerade stehen.

Seine Frau gefiel mir gar nicht. Es hatte irgendwie mit dieser Zahnspange zu tun. Es war nicht die Zahnspange selbst. Ich wäre die Letzte, die etwas gegen Zahnspangen sagt. Ich habe auch mal eine getragen und war mächtig stolz. Besonders auf die Accessoires: die rote, nach einer Zahnbürste mit niedergewetzten Borsten stinkende Dose, die ich immer, wenn mein Deutschlehrer mit der Rückgabe der in fiesen Plastikhüllen eingeschlagenen Diktathefte drohte, heimlich unter der Schulbank öffnete, um an ihr zu schnüffeln.

Auch sonst trug ich meine Dose immer griffbereit und für alle sichtbar am selbst gestrickliselten Band. Denn nicht selten gelüstete es mich auf dem Pausenhof, meinen Körper wie ein Schwein an der Reckstange baumeln zu lassen. Falls die untrainierten Puddingbeine von der Stange rutschen und das Gesicht auf den Teerboden klatschen sollte – 1981 gab’s noch genug Kinder, da lagen noch nicht unter jeder Turnstange kuschelweiche Holzspäne –, steckte ich mein schönes Gestell vor den Turnübungen zur Sicherheit in meine Box. Ganz weit vorn natürlich auch die Kukis-Reinigungstabletten, die man gar nicht braucht, um seine Klammer sauber zu halten, wie ich jetzt unter www.mczahn.de herausfand: Am einfachsten werden die Zahnspangen mit einer harten Zahnbürste und etwas Zahnpasta gereinigt, steht da. Sprudelt aber nicht, hat keinen Showeffekt und schmerzt sicher irgendwann im Handgelenk.

Die Frau, die wie ich den Trompeten lauschte, hatte von all diesen Dingen keine Ahnung: Sie hatte zwar keine unsichtbare Zahnspange, wie ich nach unaufhörlichem Glotzen feststellte, sondern eine dezente, weil zahnfarbige feste Klammer, auch Keramik-Brackets genannt. Aber genau das war es, was mich störte. Nicht nur war ich wieder mal auf meiner Suche nach der unsichtbaren Zahnspange gescheitert, sondern hatte einen Menschen vor mir, der etwas auf ungeschickte Art und Weise versucht zu verheimlichen.

Obwohl er es gar nicht nötig hat. Durchsichtige Brackets tragen ist so schlimm wie das Tragen randloser Brillengläser. Irgendwie hängt da was im Gesicht, das jeder sieht, aber nicht sehen soll. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Aus purem Geiz. Die kann sich doch, oder eben ihr schwerverdienender Ehemann, eine unsichtbare Zahnspange leisten: die Kontaktlinse unter den Zahnspangen. Dann hätte ich sie endlich mal gesehen. Oder aber, und auch da halte ich es mit den Zahnspangen wie mit den Brillen, mit einem sichtbaren, farbigen Modell dazu stehen, dass sie gerade ihre Zähne reguliert. Dann hätte ich nicht ewig glotzen und mich fragen müssen, was da nicht stimmt in dem Gesicht. Warum dieser Kiefer so seltsam vorgeschoben ist.

Nicht dass ich von ihr erwartet hätte, dass sie als Klammerträgerin immer und überall erkannt werden will. Oder sich wie ich von dem Geruch ihrer Zahnspange trösten lässt und selbst dem doch zuweilen kaum erträglichen Schmerz, kurz nachdem der Kieferorthopäde die Schrauben der Spange nachgezogen hat, noch etwas abgewinnt. Jammern war bei mir dann immer erlaubt und brachte Streicheleinheiten von Mami und von Herrn Dr. Siegel ein fingernagelgroßes Tierchen aus Vollgummi.

Natürlich weiß ich, dass eine erwachsene Frau, die irgendwo in der Nähe von Stuttgart Klassikkonzerten lauscht, also die dreißig sicher überschritten haben muss, nicht mit einer roten, durch die Ritzen nach alter Zahnbürste stinkenden Spangenbox rumrennen will. Ich bezweifle auch, dass sie irgendjemand ernst nehmen würde, wenn sie sich ihr Drahtgestell mit neongrünen Schmuckringen aufgepeppt hätte. Die Amis haben auch „pink“, „slime green“ und „monster purple“ im Angebot. Aber was Passendes zu ihrem Abendkleid, zu ihrem Typ? Goldfarbene Brackets?

In den USA, so berichtet der New Jersey Record schon 1996, stimmen die Kids ihre Zahnspangen je nach Stimmung und Klamotte ab, passend zu Party oder Skianzug. 1998 erklärte die Zeitschrift Anbiss dann endlich auch in Deutschland die Zahnspange zum „Kultobjekt des Jahres“. Und da ist immer noch etwas dran, wenn man Ulfert und ekul glauben darf, mit denen ich auf der Seite www.bracesonline.de folgendes Vergnügen hatte:

Hallo Leute, für alle „Faszinierten“ sind Mädels mit Spange absolute Highlights. Klaro, dass wir hier von Erwachsenen oder fast Erwachsenen sprechen. Wichtig ist auch, dass diejenige ihre Spange mit Überzeugung und Selbstbewusstsein trägt. D. h. nicht versteckt oder darunter leidet. Einer solchen jungen Dame wird bald auffallen, wie viele Männer einen Blick riskieren. Es gibt viele, denen die Ästhetik eines schönen Silberlächelns gefällt. Ohne jetzt gleich bekennender Zahnspangenfan zu sein. Kurz gesagt, es setzt der ohnehin tollen erotischen Ausstrahlung einer attraktiven Frau die Krone auf. Entschuldigung, aber das musste einfach mal gesagt werden. Gruß, Ulfert

tjo, ich hab es ja schon immer gewusst, ich bin nicht der einzige, der bei mädchen ein strahlendes silberlächeln süß findet. wie hier eben schon gesagt wurde, verleiht das einer frau irgendwie das besondere etwas, und wenn sie vorneweg schon gut aussah, dann sieht sie nach dem einsetzen der spange erst richtig umwerfend aus. ich selbst bin 19 und finde daher mädchen in meinem alter mit spange am anziehendsten. mfg ekul

So sieht’s aus. Während in den 80ern die High-School-Zicken mit ihren Zahnspangen dauergewellt und blöd in der Ecke rumstanden, verleiht eine Zahnspange einer Frau heutzutage irgendwie das besondere Etwas, erst recht „wenn sie vorneweg schon gut aussah“. Keiner schämt sich mehr, egal wie alt. Auch Tom Cruise hat gerade eine kieferorthopädische Behandlung abgeschlossen. Das Einzige, was ihn dabei angeblich gestört hat: Er konnte den Mund nicht richtig schließen.

Mit dem Küssen habe es aber nie Probleme gegeben, schließlich sei er ein begnadeter Küsser und seit Jahren im Training. Als er acht war, soll ihn seine Schwester schon als Versuchsobjekt genutzt haben. Und spätestens seit Melanie Griffith Jeromy Irons in „Ein unmoralisches Angebot“ verführt hat und dabei nicht nur lasziv ihr Kaugummi ans Bein geschmiert, sondern lachend ihre Spange in sein Glas geworfen hat, ist der Sex-Appeal von zahnregulierenden Drahtgestellen unbestreitbar.

Nachdem Dr. Siegel gestorben war – und das nehme ich ihm immer noch etwas krumm, denn er starb, bevor meine Behandlung abgeschlossen war –, habe ich überlegt, ob ich meine Zahnspange einfach so weitertragen soll. Doch schon nach kurzer Zeit passte sie nicht mehr und stank irgendwann so erbärmlich, dass sie selbst mich nicht mehr tröstete. Jetzt hoffe ich bei jedem Zahnarztbesuch, dass endlich einer zu mir sagt: „Na, Sie haben aber schiefe Zähne! Das belastet doch die Kiefergelenke, und an die Zahnzwischenräume kommen Sie gar nicht mehr ran, alles voller Karies, das Zahnfleisch entzündet. Wollen Sie nichts dagegen tun?“ Ich würde Gold nehmen.