Das Ende der goldenen Jahre

von CAROLIN CALLENIUS

Wie alt sie ist, weiß sie nicht genau. Vielleicht sechzig, vielleicht auch schon achtzig Jahre alt. Als die Frafrafrau in ihrem Dorf am Rande des Sahels in Nordghana zur Welt kam, wurde die Zeit dort nicht in Jahren gemessen. In jedem Fall ist sie alt, so alt, dass sie jetzt an der Spitze von Haushalt und Dorfgemeinschaft steht. Aporinyangas goldene Jahre sind angebrochen.

Die Ghanerin kann die Frage nach ihrem Alter zwar nicht genau beantworten, aber sie ist stolz darauf, die Älteste zu sein. Für viele Europäer wäre die gleiche Frage ein Tabubruch. Alt zu sein macht die Menschen hier nicht stolz, im Gegenteil. Bei einem interkulturellen Seminar sollten sich die TeilnehmerInnen nach ihrem tatsächlichen Alter aufreihen und danach den Platz in der Reihe einnehmen, der ihrem Wunschalter entspräche. Nach dem Plätzetausch war ein kultureller Unterschied klar: Während viele NordeuropäerInnen sich jünger machten, rückten einige AfrikannerInnen freiwillig auf die Plätze der Älteren.

Eine Position wie die der ghanaischen Dorfältesten Aporinyanga ist in Afrika begehrt. Sie steht an der Spitze der Gemeinschaft, wird konsultiert, wenn wichtige Entscheidungen im Dorf anstehen, bei Familienstreits hat sie die Funktion einer Richterin. Die Familie kümmert sich mit viel Fürsorge um die Älteste. Zweimal am Tag bringen ihr die Schwiegertöchter eine warme Mahlzeit. Trotzdem sitzt sie nicht untätig herum. Obwohl ihr Augenlicht nachgelassen hat, töpfert sie nach wie vor die traditionellen schwarzen Essschalen, die auf dem Markt verkauft werden. Und sie bestellt noch immer ihre Felder, allerdings wurden ihr im Alter Stücke zugewiesen, die näher am Haus liegen. Bohnen und Erdnüsse erntet sie. Diese und ihre Einnahmen aus der Töpferei kann sie verwenden, wofür sie mag. Oft macht sie ihren Kindern und Enkeln Geschenke, ein bisschen Geld bewahrt sie für Notfälle und für die Ausbildung der Enkel auf. Für sich selbst braucht sie wenig. Sie lächelt: „Im Alter sind die Menschen hier auf dem Dorf durch die Familie abgesichert.“ Für Aporinyanga ist die Welt noch in Ordnung.

Kein Wunder, dass so mancheR AfrikanerIn beim Anblick von vereinsamten SeniorInnen in Deutschland Mitleid empfindet. Während Menschen in Deutschland ihr Altern meist als Verlust von Gesundheit, Schönheit, Freiheit und gesellschaftlicher Anerkennung erleben, wächst die Bedeutung von Männern und Frauen in den traditionellen afrikanischen Großfamilien mit den Jahren. Schritt für Schritt erklimmen sie im Laufe ihres Lebens die Stufen in der Dorfhierarchie.

Der Weg der Frafrafrau Aporinyanga ins Weisenalter war steinig. Als junges Mädchen wurde sie gegen ihren Willen verheiratet, im Haus ihres Mannes musste sie sich dem Diktat der Schwiegermutter unterwerfen, im Haushalt und auf dem Feld schuften und den Mund halten. Nur langsam, vor allem mit der Geburt ihrer Kinder, nahm ihre Bedeutung im Familienclan zu. Aporinyanga hat zehn Kinder geboren, sechs davon starben als Säuglinge oder Kleinkinder, doch die verbleibenden vier haben ihr eine große Nachkommenschaft hinterlassen: 39 Kinder, Schwiegertöchter, Enkel und Urenkel wohnen derzeit in ihrem Gehöft.

Doch nicht alle Ghanaer können den Lebensabend so auskosten wie Aporinyanga. Ein hohes Alter erreichen zwar dank besserer medizinischer Versorgung auch in den Ländern Afrikas immer mehr Menschen. Die späten Jahre sind aber nicht mehr für alle die goldenen an der Spitze der Großfamilie. Ihre Kinder arbeiten immer häufiger fern vom heimatlichen Dorf, und sie arbeiten hart, um trotz schwieriger Wirtschaftslage zu überleben. Viel Zeit und Geld für die Eltern bleibt nicht, die traditionellen Familienverbände bröckeln.

Azuma ist 45 und Sozialarbeiterin in Accra, der Haupstadt Ghanas. Ihre Mutter lebt viele Autostunden entfernt in einer Kleinstadt im Norden des Landes bei Verwandten. „Als ich aufwuchs, ehrten die afrikanischen Familien ihre Alten und garantierten ihre Versorgung. Doch schon in unserem Lebensentwurf ist das nicht oder fast nicht mehr zu verwirklichen“, sagt Azuma. Gemeinsam mit ihren Geschwistern versucht sie trotzdem, so gut es geht für ihre über achtzigjährige Mutter da zu sein.

Der Generationenvertrag wird im Falle von Azuma und ihren Geschwistern noch einigermaßen erfüllt. Ihre Eltern ermöglichten allen Kindern den Besuch einer weiterführenden Schule. Nach dem Studium fand Azuma eine Stelle bei einer Nichtregierungsorganisation in Accra, auch ihre Brüder und Schwestern schlossen eine Ausbildung ab und leben jetzt in der Stadt, einige sogar in Europa. Doch die Eltern blieben zurück. Die Kinder schicken der mittlerweile verwitweten Mutter regelmäßig Geld für das tägliche Leben.

Nur wenige Ghanaer können sich das leisten. Selbst Azuma sagt, sie würde ihre Mutter gerne öfter besuchen, aber auch für sie sind häufige Busreisen zu teuer. Viele Freunde aus ihrer Kleinstadt fanden keine feste Anstellung und schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch, andere bieten Waren in den Straßen zum Verkauf an. Ihnen bleibt kein Geld zur Versorgung der Eltern, und in ihren winzigen Stadtwohnungen können nicht einmal die engsten Verwandten mit untergebracht werden.

Zur räumlichen Trennung der Generationen kommt ein schleichender Kulturwandel. Lange wurde das gesellschaftliche Leben auf dem Dorf durch ein kompliziertes Geflecht aus einem gegenseitigen Geben und Nehmen der verschiedenen Generationen bestimmt. Die Alten hielten die Großfamilie zusammen, verwalteten Besitz und Geld. Sie verteilten das Land und brachten den Jungen Ackerbau, Viehzucht und Hauswirtschaft bei. Und sie stellten den in den Naturreligionen Afrikas so wichtigen Kontakt zu den Ahnen her – die Weisheit der Verstorbenen konnten nur die empfangen, die ihnen am nächsten waren, die Ältesten also. Die Jungen akzeptierten, dass die Alten auch über Persönliches wie die Wahl der Ehepartner oder die Namen der Enkel entschieden.

Heute strömen die Jungen in die Städte in der Hoffnung, etwas zu finden, was es auf dem Lande vielerorts nicht mehr gibt: Arbeit. Ihre Jobs, und seien sie unstetig und schlecht bezahlt, machen die Jungen unabhängig von den Familienressourcen. Im Stadtleben ist das ländliche Erfahrungswissen der Alten ohne Bedeutung. Schon vor mehr als zehn Jahren erklärten 81 Prozent der jungen GhanaerInnen in einer Umfrage, dass das Zusammenleben mit den Eltern nicht mehr in die heutige moderne Zeit passe.

Noch haben die jungen Afrikaner das System der innerfamiliären Altersversorgung nicht aufgekündigt, auch wenn sie fern der Eltern leben, bemühen sie sich um deren Versorgung. Dennoch sind für die Alten in Afrika schwierige Zeiten angebrochen. Soziale Sicherungssysteme gibt es nicht, keinen Afrikaner erwartet im Alter eine satte Rente. Wer nicht von der Familie versorgt wird, dem droht die Verarmung am Rand der Gesellschaft. Psychische und physische Misshandlung folgen oft, ebenso wie Erbschaftsmorde, die Diffamierung alter Frauen als Hexen oder schlicht die schlechte Versorgung mit Dingen des täglichen Lebens.

Alte Menschen durch Fremde zu betreuen ist in Afrika unbezahlbar und kulturell verpönt. In ganz Ghana gibt es kein einziges Altersheim. In einigen großen Städten entstanden in den letzten Jahren Tageszentren für Alte, die Betreuung und eine warme Mahlzeit anbieten. Meist sind sie dem Engagement von Nichtregierungsorganisationen zu verdanken, wie beispielsweise HelpAge in Accra. Die Organisationen versuchen darüber hinaus, ehrenamtliche Unterstützung für Kranke zu organisieren, die sich nicht mehr selbst versorgen können.

Nana Apt, Professorin für Soziologie an der Universität von Legon in Ghana, beschäftigt sich mit der Veränderung der Bevölkerungsstruktur ihres Landes und sagt dramatische Veränderungen in den nächsten Jahrzehnten voraus: Fünfmal mehr Alte erwartet sie bis 2025 in Ghana. Das Land, das Strukturanpassungsprogrammen des IWF unterliegt und seine Sozialausgaben nicht erhöhen kann, steht vor einem Dilemma. Eine teure staatliche Versorgung der Alten ist nicht möglich. Wie können sie dennoch sozial abgesichert werden?

Nana Apt fordert die Anerkennung der Bedeutung der Familienstrukturen. Egal ob Wirtschaftspolitik, Stadtentwicklung oder Sozialpolitik, alle Bereiche müssten dahingehend überprüft werden, ob sie dazu beitragen, die Familienstrukturen zu unterstützen. Die afrikanische Großfamilie, ihre solidarischen Prinzipien und Strukturen dürften nicht länger als ein Entwicklungshemmnis betrachtet werden, sondern als eine Grundvoraussetzung für eine nachhaltige soziale Entwicklung für alle.

Dass die Familien ohne die Alten nicht auskommen, macht eine andere traurige Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent deutlich: das massenhafte Sterben der mittleren Generation an Aids. Die Großmütter der Aidswaisen übernehmen wieder die Mutterrolle und sind gezwungen, länger als früher ökonomisch aktiv zu bleiben, selbst dann, wenn sie eigentlich selbst Unterstützung brauchen.

Auch im Dorf der alten Aporinyanga fehlt zunehmend die leistungsfähige Generation der Zwanzig- bis Vierzigjährigen. Der alten Frau ist klar: Die Unterstützung ihrer Söhne und Schwiegertöchter ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Trotzdem, für sie hat sich noch der alte Grundsatz bestätigt: „Wohl denjenigen, die viele Kinder in die Welt setzen und gesund großziehen konnten.“

CAROLIN CALLENIUS, 41, lebt als freie Journalistin in Stuttgart. Bei einer Recherchereise nach Ghana besuchte sie 2002 das Dorf wieder, in dem sie zwölf Jahre zuvor ein Jahr gelebt hatte, und traf dort die alte Aporinyanga