Flüsterthema im Museum

Ersatzflüssigkeit, Flexiwings und Dri-weave-Gewebe kennt jedes Kind. Aber wie überlebte frau, bevor der Tampon erfunden wurde?

Wir waren Ski fahren in Österreich, der letzte Mädchenurlaub, danach war sie Frau. An einem Spätnachmittag stampfte ich mit voller Blase und in Schneematsch getränkten Skistiefeln an der entsetzten Pensionsleiterin vorbei zum Klo. Die Tür war zu. Meine Schwester hatte sich eingeschlossen, wollte mich nicht reinlassen. Ich trommelte gegen die Tür. Nichts. Ich geriet in Panik, die Blase drückte unter einer riesigen Kleidermenge, von der ich mich noch irgendwie befreien musste. Skiunterwäsche, Skihose, Skijacke … Ich trommelte.

Ich weiß nicht mehr, ob sie weinte, aber es klang weinerlich, als sie schließlich sagte: „Ich blute.“ Mein Moment war gekommen. Zwei Jahre jünger, glänzte ich altklug mit Gelassenheit: „Kein Problem. Frau Behnke hat uns das in Bio erklärt. Du hast deine Tage.“ Danach, unaufhaltsam und eindeutig: Tränen.

Zu Recht. Trotz Flexiwings und saugstarkem Ultrakern: Meine Schwester ahnte, was Frau Behnke, Always Ultra und Johnson & Johnson immer verschweigen, wenn sie von den unbeschwerten Tagen faseln und nebenbei Dri-Weave-Oberflächen mit ein bisschen blauer „Ersatzflüssigkeit“ beträufeln. Seit 53 Jahren vermittle o.b. Tampon Frauen „eine völlig neue Lebensqualität“, lügt Johnson & Johnson auf seiner Internetseite, extra für die Lobhudelei der Ohne-Binde-Produktpalette eingerichtet. Sich ohne Hemmungen frei bewegen, sich wohl fühlen; wir erinnern uns: Reiten, Schwimmen, Fliegen …

Fliegen vielleicht nicht unbedingt, aber reiten konnten Frauen auch schon vor hundert Jahren. Ohne Tampon. Der erste Tampon namens „fax“ wurde erst 1930 von der Firma Kotex in den USA verkauft. Eine Zellulose-Baumwollwurst ohne Bändchen, die ursprünglich für die Wundversorgung im Ersten Weltkrieg kreiert worden war. Und davor? Eine waschbare Menstruationsbinde gab es, die Livius Fürst in seinem 1894 erschienenen Buch „Die Hygiene der Menstruation in normalem und krankhaftem Zustande“ beschreibt: Knöpfe an der Vorderseite des Beckengurtes, vorne und hinten Kissen mit Holzwollwatte, ein Gummiüberzug fürs Mittelstück. Selbst 1899 ist das Angebot an Frauen befreienden Produkten so erbärmlich, dass jedes eigene Unglück mit Tampon oder Binde eigentlich lächerlich erscheinen müsste.

Ist es aber nicht. Alle wollten ins Wellenbad, ich auch. Also entspannen, so stand’s auf der Anleitung „o.b.-Tampons – einfach, sicher und nicht zu spüren“. Hände waschen, Schutzhülle aufreißen, Hüllenteil entfernen, Rückholbändchen lösen, Spitze des Zeigefingers in die Unterseite des Tampons drücken, am besten sitzend auf der Toilette oder im Stehen einführen, ein Bein hochgestellt. Erst aufwärts, dann leicht schräg nach hinten. Die Toilette im Schwimmbad war klitschnass, meine Hände aufgeweicht und zittrig.

Schlimmer ist nur das Einführen eines Tampons auf einer wackelnden Zugtoilette: die Schuhe in der Urinpfütze des Vorgängers platziert, Hose auf den Knien, die Fahrkarte in der einen, der Tampon in der anderen Hand. Ein Leben ohne Angst, dass der Tampon nicht sitzt oder etwas neben die in der Unterhose verklebten Flexiwings läuft, die entweder zu weit vorne oder zu weit hinten saugen – je nachdem, ob man steht oder liegt – gibt es nicht.

Bis 1899 ließ man der roten Flüssigkeit einfach freien Lauf: „Eng anliegende Binden oder Schwammkissen waren fast nur in Theaterberufen in Gebrauch, und nur wenige Frauen trugen Unterhosen oder benutzten schon Binden, die sie aus Tüchern oder Leinwandlappen gefertigt hatten“, schreiben Almut Janker und Eva Stille in ihrem Buch „Zur Geschichte der Unterwäsche 1700–1960“ (Frankfurt am Main 1988, vergriffen).

Vor 104 Jahren aber ebnete eine Ärztin mit ihrem in Stuttgart erschienenen Buch „Die Gesundheit im Haus“ den Weg für das unglaubliche Abzockegeschäft mit Frauenhygieneartikeln. Der Supermarkt neben meinem Büro verlangt für 32 „o.b. normal“ 3,99 Euro. Das sind mehr als zwölf Cent für einen Wattestöpsel! Aber die Frau Doktor mit dem unmöglichen Namen Hope Bridges Adams Lehmann hätte sich sicher gefreut, wenn es dieses besonders gedrehte Stück Watte mit den extralangen Rillen, das im März 2003 von der Stiftung Warentest mit „sehr gut“ ausgezeichnet wurde, schon früher gegeben hätte. Sie findet nämlich: „Es ist höchst unappetitlich, das Blut im Hemd aufzufangen, und gar dasselbe Hemd vier bis acht Tage zu tragen ist infectionsgefährlich.“

Dass alle Frauen bis vor hundert Jahren wie die deutschen mit blutverschmierten Hemden rumliefen, ist allerdings ein Trugschluss. Das „Museum of Menstruation & Women’s Health“ (MUM) gibt’s wirklich, und es hat Kopien von griechischen und hebräischen Schriften, die den Gebrauch von Stoffen zur Verhütung beschreiben. Daraus wagt der Leiter des MUM zu folgern, dass frau in der Antike auf diese Weise auch Menstruationsblutungen stillte.

Harry Finley hat noch von ganz anderen Dingen Beweise, die bis vor kurzem in meiner auf Stöpsel und Einlagen reduzierten Vorstellung nicht einmal ansatzweise Platz fanden. Wie und warum, fragt frau sich, kommt ein Mann, der Philosophie studiert hat, mit 51 Jahren auf die Idee, in Maryland ein Museum für Menstruation zu eröffnen? „Ich begann mich für Menstruation zu interessieren“, schreibt er auf meine Anfrage, „als ich in Frankfurt für eine amerikanische Zeitschrift als Artdirector arbeitete. Ich suchte nach Ideen für Layouts. Ich sammelte hunderte von Anzeigen aus Zeitschriften. Dabei erstaunten mich besonders die für Damenhygieneartikel. Als ich Firmen wie Kotex und Tampax fragte, ob es ein Museum für Menstruation gebe, waren sie geschockt. Also beschloss ich, selbst eines zu eröffnen. Ich wollte etwas kulturell Bedeutendes tun. Ich wusste, dass ich dafür kritisiert werden würde. Ein Verwandter behauptet noch immer, ich hätte den Namen unserer Familie in den Dreck gezogen. Dass Leute fanden, ich sollte die Finger von diesem Tabuthema lassen, machte mich erst recht neugierig.“

Das Museum in seinem Haus gibt es inzwischen nicht mehr. „Es wurde mir zu anstrengend.“ Aber im Internet erfährt frau unter www.mum.org immer noch, was zum Beispiel ein „menstrual cup“ ist. In Deutschland habe ich dieses Gummiding nicht gefunden. Dabei tauchte es schon 1930 zum ersten Mal auf. Damals setzte es sich nicht wirklich durch. Aber Mitte der Achtzigerjahre hat in den USA eine Ökofront begonnen, Frauen ein schlechtes Gewissen einzureden, obwohl sie eigentlich genug gestraft sind mit verspannten Brüsten, elektrisierten Haaren, die bei jeder Berührung zu Berge stehen, Verdauungsstörungen und Todessehnsüchten, die sich oft genug selbst nicht mit riesigen Blöcken Zartbitterschokoloade, Brennnesseltee, Fußreflexzonenmassagen, geschweige denn Wärmflaschen besiegen lassen.

Sieben Milliarden Tampons im Jahr und zwölf Milliarden Binden landen auf nordamerikanischen Müllkippen, behaupten die Verkäufer von „The Keeper“. Eine Frau alleine soll in ihrem Leben angeblich bis zu 15.000 Binden verbrauchen. Die Gummiglocke aus Naturkautschuk hält dagegen zehn Jahre, wird ähnlich verwendet wie ein Tampon, lässt sich aber ausspülen und sofort wieder benutzen. Genau wie der Sea Pearls Naturschwammtampon – benutzbar für acht Zyklen.

Es bleibt mir ein Rätsel, warum gerade die Amis mit Naturschwämmen und Gummiglocken umgehen können und ein Harry Finley im Internet Kunstobjekte ausstellen kann, bei denen Tampons von der Decke regnen und einem aus weißen Unterhosen Selbstporträts in rotem Acryl entgegenlächeln. Ich führe keinen Menstruationskalender, bei meiner Frauenärztin werde ich jedesmal wieder knallrot, wenn sie mich nach dem letzten Tag meiner Periode fragt. Immer wieder vergesse ich Ersatztampons, die ich in Kneipen flüsternd von Tischnachbarinnen zu organisieren versuche. Bachblüten und Schmerztabletten sind ein Thema, aber als ich das Menstruationsmuseum zum ersten Mal anklickte und auf meinem Bildschirm plötzlich die Tampons regneten, drehte ich mich geschockt und verschämt um – aus Angst, ein Kollege könnte hinter mir stehen.

„Du musst dich nicht schämen“, tröstete ich meine Schwester in jenem Skiurlaub und fühlte mich selbst für alles gewappnet. Als ich das erste Mal meine Tage bekam, beschloss ich, kein Wort darüber zu verlieren, nicht gegenüber meiner Schwester, nicht gegenüber meiner Mutter. Selbst meine beste Freundin sollte nichts erfahren. Einen Tag hielt ich durch. Danach reichte es, wenn jemand meine Schulter berührte, schon brach ich in Tränen aus. Seitdem habe ich nie wieder behauptet, dass ich irgendetwas in Bio erklärt bekommen, geschweige denn begriffen hätte.