Sylt und Sühne

Unter den 300 Literaturpreisen, die in Deutschland verliehen werden, sind 23 Stipendien für „Stadtschreiber“ – zur Freude brotloser Künstler. Gedanken zum literarischen Bewerbungszirkus

VON TOM WOLF

Vor mir liegt die Ausschreibung zum „9. Sylter Inselschreiber“, und ich versuche fasziniert, zu begreifen, wie das da abläuft: Eine Getränkefirma gibt das Geld, die Insel Sylt kassiert das Lob der Kulturwelt und den Dank der Literaten – vorerst aber … Manuskripte! Vier Seiten DIN A4 müssen’s sein. Thema: „Schuld und Sühne“ …

Das bereitet mir Kopfzerbrechen. Will ich wirklich, wie es in der Sylt-Ausschreibung wörtlich heißt, „mindestens“ zwei Wochen in Südafrikas „Boomtown“ Johannesburg verbringen? Und anschließend zehn Wochen auf der Milliardärsinsel Sylt, wo man jeden scheel anschaut, der nicht mit dem eigenen Flugzeug eingetroffen ist? Bloß 5.000 Euro würde man mir als Entschädigung für meine vier DIN-A4-Seiten zahlen … Warum zwei Wochen Johannesburg – ist das etwa auch eine Insel? Warum „mindestens“? Zwei Wochen Südafrika versus zehn Wochen Deutschland, weshalb? Warum „Schuld und Sühne?“ Warum eine Getränkefirma? Und überhaupt: Warum Sylt?

Kümmern sich in der Stadtverwaltung die einen um Klärwerke, Kitas, Sport- und Spielplätze, sollen die durch städtische Stipendien geförderten Autoren als Stadtschreiber literarische Handwerker und Botschafter der Freude an der deutschen Sprache sein – und gut fürs Image. Kommunale Arbeitsteilung, die schmückt. Allgemeine Bedingung: Lebe und arbeite in der Stadt, die dich engagiert. Die Wohnungssuche ist überflüssig, die Leihpoeten hausen stets mietfrei und möbiliert. Jeder, der ohne Sorge über steigende Heizkosten endlich das schreiben will, was das Herz schon lange bedrückt und den Kopf vor lauter Gedanken fast zum Platzen bringt, der sollte sich bewerben, muss jedoch einer Jury gefallen. Ein Versuch lohnt: Pauschal 20.000 Euro beispielsweise erhält der Stadtschreiber von Bergen für zwölf Monate, wohnt in einem eigenen Haus ohne Verpflichtungen – außer natürlich, den Festreden im Bierzelt beizuwohnen. FX

Der ehemalige Pressesprecher der Gruppe 47, Franz-Josef Schneider, hatte 1974 die Idee, in Deutschland einen Ableger der US-amerikanischen „Stadtschreiber“-Idee zu kultivieren. In Bergen(-Enkheim) wurde mit Wolfgang Koeppen der erste seiner Art platziert. Er „verdiente“ es damals, einer gemischten Jury aus Intellektuellen und einfachen Bürgern zufolge, eine materielle und ideelle Ungestörtheit auf Zeit zu erleben. Wo die echten Stadtschreiber des Mittelalters viel beschäftigte, auf Geheimhaltung vereidigte Kanzlisten und Ratssekretäre waren, meist auch noch Chronisten, erhielt Koeppen sein Amt und Salär wie alle folgenden Stadt-, Burg-, Alb- oder Inselschreiber ehrenhalber.

Ich durfte ebenfalls einmal als Stadtschreiber auftreten, im gastfreien Rheinsberg, und daher weiß ich: Heutige Stadtschreiber haben bei Licht besehen ein schönes Los. Nur die ungewohnte Umgebung, in die zuvor in ihrer Klause hart arbeitende Schreiber plötzlich versetzt werden, wenn sie denn die „Residenzpflicht“ so ernst nehmen, wie ich es tat, kann ihnen zum Unheil gereichen.

Statt zu schreiben, hatte ich in Rheinsberg viel mehr mit dem Bogenschießen im Park zu tun, mit der Landschaftserkundung, der Picknickorganisation oder auch nur damit, die hübsche kleine Marstallwohnung umzudekorieren bzw. Touristen mit dem Fernglas zu beobachten. Auf Sylt, neben den diamantkettenbehängten Reichen und Schönen, und auch irgendwo im Busch, neben den Diamantminen Südafrikas, wäre an echte Schreibarbeit überhaupt nicht zu denken.

Unter den 300 Literaturpreisen, die in Deutschland verliehen werden, sind derzeit 23 Stadtschreiberstipendien. Die bekanntesten: Bergen, Mainz, Baden-Baden, Dresden, Otterndorf und Rheinsberg. Die Bezeichnungen variieren etwas: In Flensburg gibt es einen „Krimistadtschreiber“, in Esslingen einen „Bahnwärter“, in Eisenbach einen „Dorfschreiber“, in Beeskow einen „Burgschreiber“, bei Schwäbisch Hall den „Comburgschreiber“ und freilich den „Inselschreiber“ auf Sylt – wobei diesem Eiland eine handfeste Konkurrenz auf Juist erwächst. In der „Inselschreiber“-Ausschreibung Juist heißt es schlicht: „Tatort Töwerland, zwei Wochen kostenlos auf Juist“. Das klingt gut. Es klingt nach einer feuchtfröhlichen Selbstmordgeschichte.

Freilich locken noch viele luxuriöse Aufenthaltsorte, etwa die Villa Massimo, die Schlösser Solitude und Wiepersdorf, Günter Grassens altes Haus in Wewelsfleth, das Kloster Cismar oder das Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop, doch keines dieser Villenschreiberstipendien vermittelt den Reiz der Apostrophierung „Stadtschreiber“. „Guck mal, da kommt der Stadtschreiber!“ Das hatte schon was … kurios immerhin wirkt das Konstrukt „Bremer Netzresidenz“ im „virtuellen Literaturhaus Bremen“: Drei Monate Writer-in-Internet-Residence plus „vierwöchiger Aufenthalt auf Sylt“. Aha! Die Getränkefirma wieder.

Epidemisch vermehrt haben sich wochenweise Writers-in-Residence-Pöstchen, meist mit wenig mehr als Ehre und einem Zimmer im Uni-Gästehaus dotiert. Mit dem WiR beim MPIWG sei man bestrebt, „die Erforschung der Beziehungen literarischen und biologischen Wissens“ zu stärken. MPIWG? Na, das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin! Hier würden mich die Fragen quälen: Literarisches Wissen? Gibt es das? Kann es überhaupt a priori eine Beziehung zum biologischen Wissen eingehen? Warum? Ob die Wissenschaftsgeschichte wohl Quantensprünge vor Freude macht, wenn sie sich mit einem Schriftsteller schmücken darf?

Schmücken ist das Stichwort für die Suche nach dem Sinn der Stadtschreiber-Idee für die Kommunen, Institutionen und Getränkefirmen. Schon englische Adelige im späten 18. Jahrhundert, ebenso vermögend wie gelangweilt, liebten es etwa, in den Landschaftsparks ihrer Schlösser Eremiten anzusiedeln. Einer baute, berichtet Edith Sitwell in „English Eccentrics“, „nachdem er eine Anzeige für einen Eremiten aufgegeben hatte, […] auf einem steilen Hügel in seinen Besitzungen einen Zufluchtsort für eine solche dekorative, wenngleich zurückgezogene Persönlichkeit.“

Gälten die Forderungen, die dieser Gentleman an seinen „Schmuckeremiten“ stellte, auch für Stadtschreiber, gäbe es Bewerbermangel: Sieben Jahre in einer Art Erdhöhle hausen, nur mit Bibel, Fußmatte, Strohsack und Stundenglas ausgestattet, zudem ein kratziges Gewand tragen müssen, sich weder Haare, Bart noch Nägel schneiden und kein Wort mit den Dienern wechseln dürfen, welche die Essensreste aus dem Herrenhaus vor der Höhle ausschütten …

Der früheste schreibende Eremit und der erste und bisher einzige bekannte im Ehrenamt verstorbene Aufenthaltsstipendiat war Johann Georg Hamann. Auf Kosten seines Gönners Franz Caspar Bucholtz hatte er 1787/88 für ein halbes Jahr in einer feuchten kalten Stube im westfälischen Wasserschloss Welbergen knapp überm Wasserspiegel des Burggrabens gehaust, philosophiert und geschrieben. Das gab ihm gesundheitlich den Rest. Bucholtz handelte sich für seine Freigebigkeit nur Schelte ein.

Heute ist das „Residieren“ auf Zeit für Autoren aller Sparten bequem und leicht zu erwirken und kaum gesundheitsschädlich, insofern man täglich joggt, um die Folgen des Nichtstuns zu minimieren. Eine andere Möglichkeit, Kalorien abzubauen, wäre, sich unentwegt die Liste rauf und runter fortzubewerben. Selbst die abgelehnten Bewerbungstexte könnte man als Buch veröffentlichen, darin Kapitel wie: „Sylt und Sühne – und wieder abgelehnt“. Der sich stets vergrößernde Pool an Aufenthaltsstipendien und Stadtschreiber-Posten birgt für die bewerbungslustigen Schriftsteller die Gefahr, vom Eigentlichen abzulenken, der eigenen Entwicklung …

Die echten Stadtschreiber des Mittelalters waren noch Chronisten Heutige Stadtschreiber haben bei Licht besehen ein schönes Los

Truman Capote schrieb darüber in „Erhörte Gebete“: „So wie der Wert von Diamanten in ihrer Seltenheit liegt, beruhte Miss Langmans Prestige auf dem beschränkten Umfang ihres Oeuvres; und mit diesem Maßstab gemessen, war sie […] die Königin des, wenn man so will, ‚Stadtschreiber‘-Schwindels, […] der Schützling der Literaturfondsscheiße für immerdar strebend sich mühende Autoren. Sämtliche einschlägigen Institutionen […] waren irgendwann ganz einfach dran, sie mit steuerfreien Scheinchen vollzustopfen […], und ähnlich wie Zirkus-Liliputaner, deren Existenz flötengeht, wenn sie zwei oder drei Zentimeter wachsen, war sich Miss Langman stets der Tatsache bewusst, dass ihr Prestige über Bord gehen würde, wenn die breite Masse sie zu lesen und zu belohnen begänne. Unterdessen harkte sie die Wohlfahrtsjetons ein wie ein Croupier – genügend, um sich davon ein Apartment in der Park Avenue zu leisten, klein aber fein.“

Capotes gehässige Abrechnung mit der lebenslangen Nischenexistenz des literarischen Dauerstipendiatentums träfe viele der heutigen Bewerbungskünstler, und er konnte jene ehrbare Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim, Mainz, Minden und Rheinsberg gar nicht kennen, der seine „Miss Langman“ namentlich so trefflich nachgebildet zu sein scheint …

In Rheinsberg, übrigens, kann man sich nicht bewerben. Zu Rheinsberg wird man berufen. Das gefiel mir. So sollten Ehrungen ablaufen.

Wo man sich erst bewerben muss, ist man der Willkür der Veranstalter ausgeliefert. Das Schriftstellerleben nach Bewerbungsterminen einzurichten und sich mit Aufgaben und Rahmenbedingungen à la Dostojewski herumzuplagen, die nur der Chefetage einer Sylter Getränkefirma entsprungen sein können, das tut der Literatur nicht gut! Meine Schuld, dass ich so lange mit dem Gedanken spielte! Zur Sühne war dieser Text einfach nötig. Und darauf ein Glas „Sylt“-Quelle …

Tom Wolf, geboren 1964, ist Schriftsteller (u. a. „Kreideweiß – Letzte Schreie“, Bebra Verlag). In Kürze erscheint: „Feuersetzen“, Europäische Verlagsanstalt