Das Genie-Gen von Handorf

Poststelle (3): Was passiert, wenn zwei Schriftsteller einen Briefwechsel beginnen? Henning Ahrens hat die Geschichten rund um das „Schwarze Schloss“ in seinem Wohnort Handorf erforscht. Jetzt ist Jochen Missfeldt scharf auf eine Schlossbesichtigung – zumal Goethe dort seine Gene verbreitet hat

Handorf, 10.01.2008

Lieber Jochen Missfeldt,

Sie werden erstaunt sein, weil es sich nicht um das nahe Schloss Derneburg handelt, das bis vor kurzem Georg Baselitz gehörte – doch auch hier, im Dorf, in dem ich lebe, gibt es eines. Im Volksmund wird es das „Schwarze Schloss“ genannt, denn zu Anfang der zwanziger Jahre ist einer der zwei Flügel abgebrannt (angeblich durch Brandstiftung; den mutmaßlichen Täter entdeckte man eine Woche später tot im Wald, man hatte ihm mit einer Axt den Schädel gespalten; sein Mörder wurde nie gefasst; aber drei Wochen später fand man eine Frauenleiche im Bruch, auf deren nackter Brust mit Blut das Wort „Mörderin!“ geschrieben stand – genau so, mit Ausrufezeichen), und der Rest ist bis heute rußgeschwärzt, daher der Name.

HENNING AHRENS, Jahrgang 1964, lebt als Schriftsteller und literarischer Übersetzer in Handorf bei Peine, Niedersachsen. 2001 erhielt er den Friedrich-Hebbel-Preis. Sein letzter Roman „Tiertage“ erschien 2007.

Rußgeschwärzte Reste

Bezeugt ist es seit dem 13. Jahrhundert, und schon damals war es im Besitz derer von Haddendorpe – der Ortsname „Handorf“ ist eine abgeschliffene Form dieses Familiennamens. In seiner heutigen Gestalt ist es jedoch ein neogotischer Bau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, ähnlich wie die Marienburg, nur bescheidener, versteht sich. Viel, viel bescheidener, denn die von Haddendorpes gehörten zum niederen Adel. Nun, der Punkt an der Sache: Als Goethe im Jahr 1780 seinen berühmten Ritt absolvierte, vor sich auf dem Sattel einen seiner zahllosen Bastarde, jenen Ritt, der ihn zwei Jahre später zum „Erlkönig“ inspirieren sollte, machte er Station im Schloss derer von Haddendorpe. Am abgebrannten Flügel war sogar eine Plakette angebracht – „Hier nächtigte Goethen während seines berühmten Rittes und kühlte sein wundes Hintertheyl.“ Leider ist diese Plakette zu Asche zerfallen. Und während Goethe sein wundes Hinterteil kühlte, beschlief er, munter wie üblich, die jüngste, zu jenem Zeitpunkt gerade einmal dreizehn Jahre alte Tochter derer zu Haddendorpe, die ihm, er war längst wieder losgeprescht, einen weiteren Bastard gebar.

Sie fragen sich sicher, warum ich dies erzähle. Also: Dieser Bastard, dessen Mutter nach der Deflorierung durch Goethe, von der sie sich nie wieder erholte, weil es der beste (und einzigste) Sex ihres Lebens blieb, im Alter von fünfzehn Jahren an Fleckfieber starb – nun, dieser Bastard, der auf den Namen Balthasar von Haddendorpe hörte – dieser Bastard schrieb Gedichte, denn Goethes Same hatte den dichterischen Genius in die Eizelle der jungen Amalie von Haddendorpe eingeschmuggelt. Toll, was? Damit bin ich aber immer noch nicht zum Kern der Sache vorgedrungen. Denn Balthasar von Haddendorpe, mit Hasenscharte und Buckel geboren, fand keine Frau, die ihn heiraten mochte, und deshalb vergnügte er sich wie weiland Heinrich der Löwe (von dem in der hiesigen Gegend angeblich jeder zweite abstammt) mit Dienstmägden und Bauerntöchtern (deren so gezeugte Nachkommen immer noch einen Großteil der hiesigen Dorfbevölkerung stellen). Allen diesen Mädchen schrieb er jeweils ein Gedicht, und er veröffentlichte diese Gedichte 1841 in einem Bändchen mit dem schönen Titel „Die Allmende der Jungfrauen“ (gedruckt zu Braunschweig und fünfundneunzig Seiten umfassend). Am Ende seines langen Lebens – er wurde über hundert Jahre alt – fand er doch noch eine Frau, und zwar die blinde Maria-Lucille von Gera-Wolpertshausen. Bei der Heirat war sie nicht viel älter als Balthasars Mutter zum Zeitpunkt ihres Beischlafs mit Goethe, und wie man erzählt, ritt sie gern auf dem Buckel ihres Gatten, den sie mit einer Reitgerte antreiben musste, weil er im Alter an Gicht litt (Sadisten behaupten, sie habe auch Sporen getragen).

Goethes Genie-Gen

Doch zurück zum Thema: Maria-Lucille gebar einen Sohn, sehr spät von ihrem greisen Gatten gezeugt, der bald darauf verstarb. Dieser Sohn war Otto von Haddendorpe, ein Freund Manfred von Richthofens und wie dieser im Ersten Weltkrieg (diesem vergessenen Krieg) ein berühmter Kampfflieger, der, so geht die Legende, während eines Luftkampfes Hermann Göring das Leben rettete (leider!). Auch Otto trug Goethes Genie-Gen in sich, nur dass sich seine literarische Produktion auf Sonette beschränkte, in denen er den Krieg verherrlichte, und um endlich, ja, endlich, endlich auf des Pudels Kern zu kommen: Als Otto von Haddendorpe zu Beginn der „gottlosen Weimarer Republik“ (wie er, der immer noch treu zum Kaiser stehende Soldat, die neue Zeit in seinen Briefen beschimpfte) in den Gewölben seines Schlosses eine Granate in einen Aschenbecher umzuschmieden versuchte, denn er war leidenschaftlicher Zigarrenraucher, sprengte er sich aus Versehen mitsamt des Schlossflügels, unter dem sich das Gewölbe befand, in die Luft. Der Tote im Wald, die Tote im Bruch - umsonst gestorben, denn es war überhaupt keine Brandstiftung! Ein Hohn, wie?

Und das ist die Moral der Geschichte.

Sehr herzlich, Ihr

Henning Ahrens

Lieber Henning Ahrens,

nun habe ich Sie mit meiner Antwort ein wenig lange hängen lassen! Dafür bitte ich um Nachsicht. Ich befinde mich z. Zt. in Graal-Müritz an der Mecklenburgischen Ostseeküste, den 29. Januar 2008. Auf Auto-Achse also; die Reise soll weitergehen via Köln und Frankfurt, dann wieder zurück in meinen Norden, der bisschen nördlicher reicht als der Ihre in Niedersachsen.

Mir geht immer wieder die Geschichte von Goethe in Handorf, um Handorf und um Handorf herum durch den Kopf. Und ich frage mich, ob Sie mir (schon wieder) einen kleinen Roman, eine Art Münchhausen-Geschichte, erzählen, oder ob die Geschichte von Schloss und Dichter, Bastard und Gedicht auch wirklich wahr ist!

JOCHEN MISSFELDT, Jahrgang 1941, lebt in Oeversee bei Flensburg. Sein jüngster Roman „Steilküste“ erschien 2005. 2006 erhielt er den Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein.

Jay-Jays Geschichten

In der ersten Staffel meines alten Aufklärungsgeschwaders, das nur noch in der Erinnerung der alten „Zweiundfünfziger“ lebt, hatte ich einen Kameraden, der nicht nur ein sehr guter Flieger war, sondern auch gute Geschichten erzählen konnte. Immer, wenn wir wegen schlechten Wetters nicht fliegen konnten, der Dienst also doof und öde war, dann hieß es: „Los, Jay-Jay, erzähl mal eine Geschichte; sie muss auch nicht unbedingt wahr sein!“ Und dann erzählte er; und keiner wusste, ob seine Geschichte wirklich passiert war oder gut erfunden oder eine Mischung aus Wirklichpassiert und Guterfunden.

Jedenfalls waren seine Geschichten immer gut. Darum war es wurscht, aus welchem Wasser er sie schöpfte. Und wenn eine Geschichte gut ist, wenn sie Eifer und Neugier weckt, Zauber und Witz transportiert, dann ist die Frage „Wie wahr ist denn eigentlich die Geschichte?“ gegenstandslos. Warum? Weil sie dann über eine eigene Wahrheit verfügt, die nie verhandelt werden kann.

Schlossbesichtigung

Und doch nagt mir da immer was! Sollte ich Sie, lieber Henning Ahrens, irgendwann einmal in Handorf besuchen, dann ist aber eine Schlossbesichtigung fällig! Dann will ich die Reste sehen, dann müssen Sie mir die Brand- und Mordspuren zeigen! Vor allem aber möchte ich die Gedichte sehen und lesen, die Goethes Bastard gedichtet hat, und die Gedichte des Bastard-Sohnes, Flieger im ersten Weltkrieg, Görings Fliegerkamerad und Lebensretter noch dazu! Sollten die Gedichte gut sein, dann interessieren sie mich mehr als die Biografie ihrer Verfasser. Sollten sie schlecht sein, dann liefern ihre Verfasser interessanten biografischen Stoff, den ich mir merken werde.

Schlechte Bücher

Ist es nicht so, dass hinter dem, was künstlerisch misslungen ist, oft interessante Biografien stecken und umgekehrt hinter dem Gelungenen wir schlechte Zeugnisse von nervtötenden Unsympathen finden? Was habe ich doch viel gelernt von jämmerlich geschriebenen Autobiografien, welchen Stoff haben diese Bücher mir geliefert! Wie merkwürdig haben die Verfasser gelogen und verbogen. Wie gut konnte ich sie mir vorstellen, wie nahe hatte ich sie vor Augen! Ich habe also eine Menge gelernt von schlechten Büchern. Zwangsläufig, denn beim gelungenen Kunststück interessiert der Urheber doch erst in zweiter Linie. Da will das Kunststück – wir sprechen von Büchern – nicht weg vom Leser.

„Hätten Sie Lust, für die taz in einen Briefwechsel zu treten?“, haben wir die Autoren Jochen Missfeldt und Henning Ahrens gefragt. „Als Kollegen sozusagen, und sich austauschen über die Bedingungen, Schwierigkeiten und Freuden des Lebens als Schriftsteller?“ Sie hatten. Was sie verbindet: Jochen Missfeldt und Henning Ahrens haben sich beide sowohl in der Lyrik als auch in der Prosa umgetan, beide leben im Norden - und dort auf dem Land. Was sie trennt: Eine Generation. Wie nah ihre Vorstellungen und Erfahrungen vom Leben als Schreibende im Übrigen sind, erfahren Sie in dem Briefwechsel der beiden, der seit Silvester 2007 in loser Folge an dieser Stelle erscheint. TAZ

Spannend ist sie ja doch, Ihre Goethegeschichte. Das Detail aus Goethes Handorf-Zeit mit alledem, was da von ihm hinterlassen wurde, hat mich fest im Griff. Warum hat mich diese kleine Episode aus Goethes Leben so neugierig gestimmt? Er war doch ein guter und kein schlechter Dichter, und er fiele doch nach meiner Formel „Guter Autor = biografisch uninteressant“ und „Schlechter Autor = biografisch interessant“ eigentlich unter den Tisch! Warum ist er mir in der biografischen Nebenspur von Handorf trotzdem interessant?

Sie müssen mir also demnächst Rede und Antwort stehen, dann sehe und komme ich weiter, und darauf freue ich mich schon jetzt, weil ich mit Ihrer Hilfe (schon wieder) etwas gefunden habe, was mich antreibt. Herzlich grüßt Ihr

Jochen Missfeldt