Argentinien-Ausstellung

Vielfältig und gut vernetzt

Argentinier, die in Deutschland gelebt haben, Deutsche, die in Argentinien gastierten: Das Hamburger Museum für Völkerkunde zeigt wieder aktuelle Kunst.

Knallbuntes Metropolenleben: Mariano Tester von der Gruppe "Run dont walk" bei der Arbeit   Bild: Museum für Völkerkunde, Hamburg

HAMBURG taz | Mit der Macht des Betons bricht die Autohochstraße, die ins Museum führt: Sehr deplatziert wirkt das Rohbaufragment in der Ecke der Ausstellungshalle. Für ein Modell ist es zu groß, und derart umtost vom Straßenlärm – und mit dem Müllhaufen darunter – ist es auch keine autonome Plastik. Ein verstecktes Guckloch zeigt, dass es ein Vorbild für solch ein Störelement gibt: In einem Park in Buenos Aires steht diese nie fertiggestellte Autobahn. Den Portenos, den Einwohnern von Buenos Aires, fällt das längst nicht mehr seltsam auf, wohl aber der dorthin eingeladenen Hamburger Künstlergruppe We are Visual.

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Die argentinische Hauptstadt ist Thema dieser wesentlich auf private Initiative gegründeten Ausstellung, die von solchen Brüchen und schrägen Stimmungen erzählt. Etwa zwei Dutzend fragten sich, was sich mitbringen lässt vom Rio de la Plata: Fotos und Bilder, Filme und die oft durchleuchteten Reisekoffer selbst. Aber auch Macheten der Fischer aus dem Chaco. Und unbedingt sollte das verwirrende Straßenbild der Stadt mit ihren etwa 13 Millionen Einwohnern vermittelt werden, voll von wilder Werbung und Street-Art und Müll. Dazu wurde vieles erst vor Ort im Hamburger Museum installiert: Die Wände wurden mit Werbung beklebt und besprüht, an Masten wurden die typischen privaten Kleinplakate für Kredite und Krempel, für Billigjobs und Massagen, für Wahrsagerei und Aufhebung von Verhexungen montiert und durch Überarbeitung kommentiert. Eine Assemblage von Pappen verweist mit schwarzem Bild und dem weißen Text „Dein Müll ist mein Schatz“ auf die vielen, die nachts nicht Tango tanzen, sondern Kartons sammeln.

Die meisten der von Teresa Majewski zusammengebrachten jungen Künstler kommen aus Argentinien und arbeiten in Gruppen. Einige von ihnen haben längere Zeit in Berlin gelebt und die beteiligten Deutschen sind in dieses Netzwerk eingebunden. Unter dem Aspekt solcher Globalisierung wundert es nicht, dass manches an ihrem Blick auf die südamerikanische Stadt gar nicht so besonders fremd erscheint. Zu sehen ist eine Kunst, vielfältig und gut vernetzt und in verschiedenen Bereichen zwischen akademischer Ausbildung, Straßenkunst und Musikszene changierend.

So ist die naiv anmutende, tief von den alten, auch indianischen Mythen durchdrungene Malerei von Paula Duró nur ein Teil von deren Schaffen: Duró ist auch als Bühnenbildnerin, in der Vermittlung und als Video-Jockey in der Club-Szene tätig. Die Stylistin und Fotografin Kris Tsai zeigt in ihren bunt zusammengestellten Fotografien die durchaus auch glamouröse Jugendkultur. Seltsam nostalgisch dagegen betrachtet Elías Santis die Welt: Die neoromantisch, oft im Dunklen hin gelagerten Freunde der Gruppe „No Definitivo“ geben sich rätselhaften Spielen hin und werden auch schon mal in surreale Wolken gehüllt.

Weniger abgehoben kritisiert Orilo Blandini seine Zeit: Er dokumentiert, wie er am Flughafen von Montreal festgehalten wurde, und zeigt das Durchleuchtungsbild seines Koffers. Dazu hat er böse Kleinskulpturen im Raum verteilt, vom elektrischen Stuhl oder einem Selbstmordattentäter bis zu einem Mauseloch aus dem Disco-Lichter blitzen.

Wieder einmal ist neueste Kunst im Völkerkunde-Museum zu entdecken. Und dieser immer noch ungewohnte Rahmen funktioniert: Wenn die Kunst ohnehin auf den neutralen weißen Ausstellungsraum verzichtet und sich ganz bewusst auch mit den Belangen ihrer direkten Umwelt auseinandersetzt, kann sie auch von einem anderen Ort berichten. Und die Ethnologen brauchen nicht mehr von außen auf eine andere, vielleicht gar nicht so verschiedene Kultur zu blicken, sondern vermitteln besser das, was der seltsame und fremdartige Stamm eingeborener Künstler thematisiert.

Dabei bedient sich die Kunst selbst mitunter fast ethnologischer Methoden. Lena Szanky porträtiert die selten in dieser Weise wahrgenommene, scheinbar ganz normale Mittelschicht bei einem Fest auf dem Lande in 22 standardisierten Bildern in der Art von August Sander. Und Nicholas Novali von der Gruppe „No Definitivo“ untersucht die Macho-Rituale der meist tätowierten Fischer aus San Pedro Pescador im Chaco und graviert in deren unverzichtbare Messer und Macheten Muster und Motti nach ihrer Wahl.

Das begleitende umfangreiche Programm von Kurz- und Musikfilmen zeigt unter anderem einige eher befremdliche Wahrnehmungen. So baut sich in einer schönen, von Vogelgezwitscher gesättigten Landschaft in gespannter Ruhe und Langsamkeit ein komplexes Mordszenario auf, oder die Wahrnehmungen von Fassaden und Sound der Großstadt erscheinen in erschreckender Fragmentierung.

Dass manche Klischees zwischen Steakkultur und Evita-Kult durchaus zutreffend sind, vermittelt Karen Naundorf sehr schön in dem kleinen Katalog. Und wenn in der filmischen Dokumentation der Projekte von „Ciudades Paralelas“ von Lola Arias und Stefan Kaegi ein Erblindeter einige Menschen auf ein Hochhausdach im Zentrum führt und über den Lichtern der nächtlichen Stadt zur Gitarre singt, dann ist sie doch wieder da, die tangobekannte Melancholie.

 
17. 07. 2012

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