Autobiografie eines Journalisten

Zwei zu eins für Deutschland

Keine Opfergeschichte: In seinem Buch „Das deutsche Krokodil“ erzählt der Journalist Ijoma Mangold von Fremdheit bei totaler Assimilation.

Ijoma Mangold geht in grünem T-Shirt und Jackett an einem Bahnsteig entlang

Ijoma Mangold pflegt das Dandyhafte – aber mit Bruch Foto: Karsten Thielker

Er würde vor der Studentenkneipe sitzen, gegenüber der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg, hatte er gesagt, aber wo genau ist die? Lange muss nicht gesucht werden, denn Ijoma Mangold ist von Weitem zu erkennen am charakteristischen Scherenschnitt im Profil, an den kurzen Dreads, kontrastiert durch einen dandyhaften Stil, der mit den Insignien bürgerlicher Herrenmode spielt. Wenn Ijoma Mangold nicht Anzug, Hemd, gern auch Krawatte trägt, dann zumindest ein Jackett.

Wie kam der Literaturchef der Zeit mit noch nicht mal 50 dazu, ein autobiografisches Buch zu schreiben, in dem die Familie eine zentrale Rolle spielt? Im Trend liegt er damit allemal. Allein in den vergangenen Monaten erschien eine Reihe autofiktionaler Erzählungen und Erinnerungsbücher, in die man Ijoma Mangolds „Das deutsche Krokodil“ stellen kann.

Natascha Wodin erkundete die Lebensgeschichte ihrer Mutter, einer ukrainischen Zwangsarbeiterin. Arno Frank erinnerte sich an seinen Vater, der ein Hochstapler war. Tom Kummer erzählte von der geliebten Frau, die an Krebs starb. Deborah Feldman berichtete über ihre Erlebnisse, nachdem sie mit ihrem Sohn ihre ultraorthodoxe Gemeinde verließ und sich als Deutsche neu erfand.

Obwohl der Autor seine Motive nicht offenbart, glaubt man als Leser doch eine Idee zu haben, warum Mangold seine Geschichte aufschrieb. „Aber die ist falsch“, schießt es aus ihm heraus. Sein Buch lade zwar dazu ein zu glauben, es sei einem inneren Drang gefolgt. Entstanden aber sei es, weil er während eines Sabbaticals Zeit hatte, darüber nachzudenken, wie ein anderes, nichtjournalistisches Schreiben aussehen könnte. Nach dem Tod seiner Mutter waren viele Erinnerungen aus seiner Kindheit zurückgekommen, die er aufzuschreiben begann, weil sie, wie er zurecht annahm, „eine kleine Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik“ erzählen könnten.

Das Verlässliche ist nicht das Authentische

„Das deutsche Krokodil“ ist also das Protokoll einer Reise in die eigene Geschichte. Die aber ist nicht ohne Hindernisse, weil „unsere verlässlichsten Erinnerungen die am wenigsten authentischen sind. Wir haben sie, wie das Meer den Stein schleift, allen Regeln der Erzählkunst unterworfen“, schreibt Mangold. Gerade die besonders vertrauten Erinnerungen sind demnach „Erinnerungen an Erinnerungen“.

Ijoma Mangold: „Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte“. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017, 352 Seiten, 16,99 Euro

Was dem Literaturchef der Habitus ist, war dem kleinen Ijoma – über den der Autor anfangs in der dritten Person spricht, treten wir unserem frühen Selbst doch wie einer fremden Person gegenüber – sein zweiter Vorname. Am Telefon meldet er sich mit neun Silben, Ijoma Alexander Mangold. „Es ist der Versuch, sein Schicksal abzuschwächen. Sein zweiter Vorname, das ist die Hoffnung, soll die Exotik seines ersten Vornamens mildern. Wenn man es so betrachtet, steht es eigentlich zwei zu eins für Deutschland. Aber nur, wenn es ihm gelingt, den anderen die Existenz seines zweiten Vornamens in Erinnerung zu rufen.“

Ijoma Mangolds Buch erfasst die sozialen Tatsachen ebenso genau wie die Sprache und die Blicke der anderen

Kinder betrachten Abweichungen von der Norm mit Unbehagen. Sie spüren, dass Anderssein zwar als besonderer Ausweis von Individualität betrachtet werden kann (wie man ihnen allenthalben versichtert), aber auch die Drohung heraufbeschwört, Gegenstand von Spott und Ausschluss zu werden. Ein Wort wie „negativ“ im Mund des anderen alarmiert den Jungen bereits, ist doch beim Aussprechen der ersten Silbe noch nicht ausgemacht, wie die Sache ausgehen wird. Er selbst gewöhnt sich an, beim Treffen mit Unbekannten sofort zu sprechen, um die Frage nach der Zugehörigkeit gar nicht erst aufkommen zu lassen.

An den Vater erinnern sein Vorname und ein schwarzes Krokodil, das im Wohnzimmer der Familie einen Ehrenplatz erhalten hat. Vor allem aber das, was der Junge als sein Schicksal begreift: dunkle Haut, schwarze, krause Haare, die es kurzzuschneiden gilt. Bis er sie eines Tages wachsen lässt – was seiner Umgebung Anlass ist, ihm mitzuteilen, nun habe er endlich die biologische Wahrheit seiner Herkunft angenommen, die ihm selbst doch nur ein weiterer Signifikant im Gesellschaftsspiel ist.

Gesinnungspreuße an der Spitze der Coolheitspyramide

Das Gefühl des Andersseins wird aus einer weiteren Quelle gespeist. Ijoma wächst bei seiner Mutter in Dossenheim bei Heidelberg auf. Der Vater, so erinnert er es, so erzählt er seine Geschichte, hat die Familie verlassen, als Ijoma zwei war, um nach seinem Medizinstudium für sein Dorf in Nigeria zu arbeiten. Wer aber hat im Dossenheim der Siebziger eine alleinerziehende Mutter, noch dazu eine, deren Wohnzimmerteppich ausgefranst ist, die Geldsorgen hat und den unaussprechlichen Beruf der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin ausübt?

Im humanistischen Gymnasium begreift der pubertierende Ijoma schnell die Machtverhältnisse. An der Spitze der Coolheitspyramide tummeln sich Mädchen aus reichem Elternhaus, die jeden Elitebegriff von sich weisen, um sich ihrer eigenen Privilegien bloß nicht bewusst werden zu müssen. Ijoma ist bald selbst ganz oben angelangt (Bildung ist tatsächlich Macht), weil er in der Thea­tergruppe mitmacht, über ein beeindruckendes Reservoir an Fremdwörtern verfügt und als interessant gilt, weil er Richard Wagner liebt und sich als Gesinnungspreuße definiert.

In Deutschland spricht man ungern über Klassenfragen. Dass die Privilegierten es nicht tun, liegt in der Natur der Sache. Dass die weniger Privilegierten es nicht tun, mag damit zusammenhängen, dass die Idee der Volksgemeinschaft noch immer nachwirkt, die erfunden wurde, um dem Sprechen über Klassen und Schichten das Vokabular zu entziehen.

Es zeichnet Ijoma Mangolds Buch aus, dass es die sozialen Tatsachen ebenso genau erfasst wie die Sprache und die Blicke der anderen. „Es überrascht mich oft, wie blind viele Leute gegenüber sich selbst und ihren Privilegien sind. Ich vermute, dass mein großes Interesse an Gesellschaftsromanen – Proust etwa beschreibt vor allem das Finetuning von Machtverhältnissen – in meinem eigenen Aussehen, meiner eigenen Sonderrolle begründet liegt: Es schärft den Blick, wenn man begreift, dass man über die Klasse die Rasse neutralisieren kann.“

Gut aufgehoben, statt fremd

An seiner Schule hat es keine Ausländer gegeben, erzählt er. „Es gab an meinem Heidelberger Gymnasium nur mich. Man diskriminiert nicht Einzelmenschen, man diskriminiert die Gruppe.“ Das aber gilt nur für den sozialen Nahbereich.

Ganz allein ist Ijoma in Heidelberg nicht. Eines Tages wird er von einem jungen Mann angesprochen, der sich als Afrodeutscher bezeichnet. Kofi ist Rapper bei der HipHop-Crew Advanced Chemistry, die 1992 mit dem Stück „Fremd im eigenen Land“ bekannt wird. Der junge Ijoma fühlt sich aber nicht gemeint: „Damals war das einfach nicht meine Erfahrung. Ich hatte mich nie fremd im eigenen Land gefühlt, sondern immer gut aufgehoben“, erinnert er sich im Buch.

Man könne es dem populären Genre der migrantischen Literatur zuordnen, sagt er, zugleich falle es aus ihr heraus: „Weil es keine Opfergeschichte erzählt, sondern die Frage stellt, was Fremdheit bei totaler Assimilation ist. Ich wollte eine ganz individuelle Geschichte erzählen. Ich wollte zeigen, dass es sie gibt, und dass sie sich durch die Diskurse, die sonst im Schwange sind, nicht abbilden lässt. Mein Ehrgeiz war, ein Buch zu schreiben, aus dem man keine These ableiten kann.“

Allein ist der junge Ijoma mit seiner Geschichte. Die bringt es mit sich, dass er kaum etwas über seinen Vater weiß, aber viel über die Vertreibungsgeschichte der Familie seiner Mutter erfährt. Man verlässt die schlesische Kleinstadt, als die Rote Armee näher rückt, kehrt für kurze Zeit zurück, flüchtet aber bald erneut vor den Schikanen der nun polnischen Behörden ins Brandenburgische. Dort kommt die Familie in einem Schloss derer von Ribbeck unter, die in Fontanes Gedicht verewigt sind, das Mutter Mangold oft ihrem Sohn Ijoma vorliest.

Das Leben als Epos und psychologischer Roman

Die Vaterlosigkeit hat unvermittelt ein Ende, als ein Brief des Vaters eintrifft, der den Sohn nach Nigeria einlädt. Hier findet Ijoma zwar herzliche Aufnahme, aber das Leben bleibt ihm fremd, weil es den Gesetzen des Epos, nicht des psychologischen Romans folgt, wie Mangold nüchtern festhält.

Das ist eine überraschende Feststellung für einen Autor, der seine Skepsis gegenüber der Psychoanalyse und ihrer Idee der Verdrängung nicht verhehlt. Dabei ist es einmal mehr die Aufdeckung des Verdrängten, hier durch einen im Nachlass gefundenen Brief der Mutter an den Vater, die es Ijoma Mangold am Ende ermöglicht, das Familiengeheimnis zu entschlüsseln.

Und was hat es mit dem „deutschen Krokodil“ auf sich? Es ist eine Lokomotive. Ijoma bekommt sie zu Weihnachten, Baureihe 194, grün lackiert. Sie hat so starke Motoren, dass sie lange Güterzüge selbst die Geislinger Steige hochziehen kann.

 

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