Autor und DJ über seine Gesprächsreihe

„Zwei Leute hören Platten“

Zusammen Musik auflegen und darüber sprechen ist ein großer Spaß. Das sagt der Autor und DJ Thomas Meinecke zu seiner Reihe „Plattenspieler“ im HAU Theater.

Ein Mann, Thomas Meinecke

Bis heute ist Thomas Meineckes (Foto) Reihe „Plattenspieler“ oft ausverkauft Foto: Barbara Braun

taz: Herr Meinecke, Sie feiern bald das zehnte Jubiläum ihrer Reihe „Plattenspieler“ im Theater HAU. Sie sitzen dabei mit wechselnden Gästen auf der Bühne und reden vor Publikum über Schallplatten. Hätten Sie damals gedacht, dass dieses Format ein derartiger Dauerbrenner werden könnte?

Thomas Meinecke: Damals hätte ich das natürlich nie gedacht. Zumal es ja eigentlich vor zehneinhalb Jahren schon los ging mit so einer Art Prototyp des „Plattenspielers“, noch bevor es als Reihe angedacht war. Damals gab es so eine Lecture-Performance-Veranstaltung im HAU. Und ich hatte mir mit dem damaligen Style-Redakteur der Zeitschrift De:Bug, Jan Joswig, überlegt, zu untersuchen, ob man auf den Hüllen von Schallplatten auch das sieht, was man hört. Die Koteletten, der Schnitt des Hemdkragens oder der Gesichtsausdruck der Person auf dem Cover: Bekommen wir das auch in der Musik gespiegelt? Das war so unterhaltsam, dass es den damaligen HAU-Intendanten Matthias Lilienthal auf die Idee brachte, das als Reihe zu machen.

Und diese Idee hat Ihnen gleich gut gefallen?

Darauf hatte ich sofort Lust. Ich finde ja auch, das HAU ist ein Ort, mit dem ich mich gut identifizieren kann. Inzwischen, glaube ich, habe ich die längste Reihe, die im HAU je gebucht wurde. Dabei ist das Format ja das einfachste der Welt: Zwei Leute hören Platten.

Bei diesem Prototypen des „Plattenspieler“, von dem Sie sprachen, war also noch das Plattencover wichtiger als die Musik?

Es wedelte bei diesem ersten Mal vielleicht noch der Schwanz mit dem Hund, jetzt ist es andersherum. Aber es geht immer noch um die Relation zwischen Musik, Ästhetik, Mode und die darin sich zeigenden Lebensentwürfe. Mal ist das politischer, mal theorielastiger, mal ästhetischer angelegt oder vielleicht auch mal auf einer Trash-Ebene. Aber natürlich geht es schon die ganze Zeit um die Verweishölle, durch die man sich als Popist bewegt.

Gab es mal Überlegungen, Ihren „Plattenspieler“ auch in einer anderen Stadt aufzuführen?

Ich werde ganz oft von anderen Häusern in anderen Städten gefragt, ob ich das auch bei ihnen machen möchte. Nachfragemäßig könnte ich die ganze Zeit mit dem Format herumtingeln. Ich will aber auch nicht der Heini sein, der überall diese „Plattenspieler“-Veranstaltung macht. Ich finde Musik nach wie vor die schönste aller Künste, spiele auch in einer Band, bin DJ und Radio-DJ, aber eigentlich bin ich Schriftsteller und muss sehen, dass ich Zeit dafür finde, den jeweils nächsten Roman zu schreiben. Ich finde es auch einfach schön, dass der „Plattenspieler“ exklusiv mit dem HAU verbunden ist.

Die Reihe „Plattenspieler“ im Berliner HAU Theater feiert in diesem Jahr Jubiläum. Seit 10 Jahren unterhält sich der Schriftsteller, DJ und Musiker (Band F.S.K.) Thomas Meinecke (Jahrgang 1955) mit wechselnden MusikerInnen über Musik, ihre kulturelle Bedeutung und visuellen Ausdrucksformen im oft ausverkauften Saal. Die einzigen Requisiten: zwei Turntables, eine Kamera mit Beamer, zwei Mikros und eine Leinwand.

Aktuell ist die Berliner Musikerin Ziúr eingeladen, die harschen Noise und Breakbeats mit zerhackten Rihanna-Samples zu dialektischen Tracks zwischen Schock und Euphorie verschaltet.

„Plattenspieler“ mit Ziúr: HAU 1, Stresemannstr. 29, 16. 4., 20 Uhr, 9/5 €

Welche Vorabsprachen treffen Sie eigentlich mit Ihren Gästen?

Es gibt nach wie vor nie keine Vorabsprache. Ich packe rein spekulativ Platten in meinen Koffer, von denen ich denke, sie könnten interessant sein.

Und das funktioniert dann immer?

Eigentlich schon. Ich hatte erst letzten Monat die Künstlerin und Musikerin Michaela Meise bei mir sitzen und mich irrtümlicherweise darauf eingestellt, fast nur liturgische Musik zu spielen, weil sie ein Album mit Kirchenliedern (Anm. d. Red.: „Preis dem Todesüberwinder“) aufgenommen hatte. Aber sie brachte dann sehr viel deutsche Schlager mit. Das ging dann auch irgendwie.

Suchen Sie sich immer die Gäste selber aus oder lassen Sie auch Wünsche des HAU gelten?

Mal so, mal so. In der Regel sind das aber schon Leute, die ich kenne und verehre, die ich nicht unbedingt persönlich kenne, aber von denen ich vielleicht auch Fan bin.

Hat es mal mit einem Gast so gar nicht funktioniert?

Eigentlich nur einmal. Mit einem maßgeblichen Label-Macher aus Teheran. Den beispielsweise kannte ich vorher gar nicht, den habe ich mir einreden lassen. Er meinte dann während der Veranstaltung, der Jazz solle mal wieder von den Afroamerikanern weggeholt werden, weil er sei doch eigentlich eine europäische Kunstform. Bei Platten, die ich aufgelegt hatte, sagte er ständig, die Musiker könnten doch gar nicht richtig spielen. Und als ich fragte, wie er das eigentlich finde, dass Frauen in Iran gar nicht in der Öffentlichkeit singen dürfen und was er mit seinem Label in solch einer Situation machen würde, da sagte er nur, das stimme zwar, aber er würde auf seinem Label auch überhaupt keine Musik von Frauen veröffentlichen.

Sie sind ein erklärter Fan von Schallplatten, also Vinyl. Wie wichtig finden Sie es, dass auch wirklich mit „echten“ Platten auf der Bühne gearbeitet wird?

Dieser Text erscheint im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und Brandenburg immer Donnerstags in der Printausgabe der taz

Ich kann gut damit leben, wenn es mal kein Vinyl gibt. Das Ganze soll ja auch keine Nostalgieveranstaltung sein. Die Autorin und Filmemacherin Helene Hegemann hatte als mein Gast zum Beispiel ihr Taschentelefon mit der zerbrochenen Glasplatte unter den Projektor gehalten. Das ging auch.

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