Berlin.Marathon

"Dieser Lauf ist eine Legende"

Horst Milde hat den Berlin-Marathon zu einem Markenzeichen der Stadt gemacht. Im Interview mit der taz erzählt er, wie ihm das gelang.

Jeder läuft für sich allein? Teilnehmer des Marathons auf dem 17. Juni.   Bild: dapd

taz: Herr Milde, 1981 wollten Sie mit Ihrer damals noch kleinen Marathonveranstaltung in die City West gehen. Es gab erheblichen Widerstand. Wie haben Sie das doch geschafft?

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Horst Milde: Die Stadt wollte uns damals durch den Grunewald rennen lassen, wir aber wollten in die Stadt, auf den Ku’damm. Das waren zähe Verhandlungen mit der Polizei und der Stadt. „Die Straßen sind für Autos da“, haben die gesagt. Im ersten Jahr haben sie dann doch 200 Meter Straße am Kranzlereck für uns abgesperrt. Mehr dürften es nicht werden, hat die Polizei gesagt – heute werden 42 Kilometer abgesperrt. Nach dem 11. September hat man aus Angst vor Anschlägen 2001 erstmals alle Autos weggeräumt. Mittlerweile sind Polizei und Stadt stolz auf diese Veranstaltung und räumen bereitwillig alles.

War 1981 dank der prominenteren Strecke auch der Wendepunkt, von dem an der Berlin-Marathon so groß wurde?

1981 war in der Tat besonders. Kurz zuvor war der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay bei Protesten von einem Bus erfasst worden und gestorben. Der Lauf sollte aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. Der Tag des Marathons hat die Stadt dann ein Stück weit befriedet, es war eine besondere Stimmung in der Stadt. Umso mehr Strecke wir in der Stadt hatten, desto mehr Teilnehmer kamen dann dazu.

Letztlich hat auch der Lauf der Geschichte dazu beigetragen, dass der Berlin-Marathon inzwischen einer der fünf größten der Welt ist.

Ja. Der Fall der Mauer, das war natürlich Glück in Reinform. Aber in Deutschland stellten wir auch vorher schon den größten Marathon. Frankfurt hat immer besonders mit uns konkurriert. Aber die kriegen uns nicht mehr, das ist vorbei. Man will natürlich immer den größten Lauf haben – und man will Rekorde.

Hier gab es die immer wieder.

Ja, noch im letzten Jahr, als Patrick Makau den neuen Weltrekord aufgestellt hat. Ich zittere immer bei den anderen Marathons mit. Wir wollen ja unseren Rekord halten.

73, wohnt in Tempelhof und ist gelernter Konditor und Diplomkaufmann. Milde betrieb bis 1998 eine Bäckerei am Tempelhofer Damm. Er war selbst guter Mittelstreckenläufer beim SC Charlottenburg. 1964 führte er seine erste Laufveranstaltung am Teufelsberg durch, 1974 veranstaltete er den ersten Marathon für alle im Grunewald. An den bis 2004 von Milde organisierten Läufen haben offiziell insgesamt 1.268.649 Menschen teilgenommen. Wenn alles nach Plan läuft und das Wetter mitspielt, könnte Marathon-Mann Geoffrey Mutai am Sonntag Weltrekord laufen. Der Kenianer will die erst ein Jahr alte Bestmarke seines Landsmanns Patrick Makau auslöschen.

Insgesamt haben sich fast 41.000 LäuferInnen und Power Walker für die 39. Auflage gemeldet, der Startschuss für das Elite-Feld fällt am Sonntag um 9 Uhr. Eurosport und nt-v übertragen live von der 42.195 Meter langen Strecke mit Start und Ziel auf der Straße des 17. Juni.

Wegen des Marathons sind am Wochenende zahlreiche Straßen gesperrt. Die Veranstalter empfehlen deswegen, öffentliche Verkehrsmittel jenseits der Straße zu nutzen.

In diesem Jahr läuft Makau in Frankfurt.

Ja, dafür läuft Geoffrey Mutai hier, der ist ja in Boston schon eine Fabelzeit gelaufen [dort wurde ihm der Weltrekord aberkannt, siehe Leibesübungen Seite 11]. Es wird also wieder spannend. Wenn die Bedingungen stimmen, fällt der Rekord ja vielleicht wieder.

Sie fiebern immer noch mit, obwohl Sie den Lauf nicht mehr veranstalten?

Ja klar! Außerdem bleibt die Veranstaltung in der Familie, seit 2005 ist mein Sohn Mark der Race-Director. Aber es ist keine Milde-Veranstaltung, sie gehört dem Verein SCC Events.

Apropos Event: Wie bewerten Sie die Eventisierung der großen Laufveranstaltungen?

Natürlich sind das heute Massenveranstaltungen. Das muss aber nicht unbedingt negativ sein. Gerade die Rahmenveranstaltungen sind mir wichtig – in Berlin etwa der Literaturmarathon oder der historische Marathon in der Woche davor. In den USA dehnen sie die mindestens zu erreichende Zeit zum Teil auf acht Stunden aus, damit jeder mitmachen kann. Das geht mir zu weit, es muss noch was mit Sport zu tun haben. Trotzdem will man als Veranstalter ja die Sympathien der Bevölkerung – also muss man für Amüsement und Party drumherum sorgen.

Und die Tatsache, dass viele Laufveranstaltungen wegen des Sponsorings wie Dauerwerbesendungen wirken?

Es muss sich in Grenzen halten. In Berlin ist es meiner Einschätzung nach noch eher gemäßigt – im Vergleich zu London etwa. Man muss sehen, dass es ohne die Sponsoren so nicht machbar wäre. Die Topläufer und Topläuferinnen werden so finanziert. Absperrungen, Sanitätsdienste und Verpflegung kosten zudem Unsummen. Und so verrückt wie ich, das für nichts nebenbei zu machen, ist auch niemand mehr.

Für die Firmen ist es manchmal auch Greenwashing.

Zum Teil wollen sich die Sponsoren mit dem Sport einen Freifahrtsschein erkaufen, zum Beispiel das Nuklearunternehmen Areva, das bei Laufveranstaltungen in Frankreich mitmischt. Zudem hat man beim Sponsoring im großen Maße den Effekt, dass es der Tod der kleinen Veranstaltungen ist, weil die großen Veranstaltungen den Läufern mehr Service und Souvenirs bieten können. Andererseits sind die Läufer meines Erachtens auch kritisch genug. Die finden ja auch Läufe nicht gut, bei denen man die Laufshirts mit Sponsorenaufdrucken tragen muss.

Sind Sie selbst beim Berlin-Marathon auch mal mitgelaufen?

Nein, das ging als Veranstalter leider nie.

Welches war der schönste Augenblick bei Ihren Veranstaltungen?

Den hatte ich nicht beim Marathon, sondern beim Neujahrslauf 1990, als wir durchs Brandenburger Tor gerannt sind. Der 90er Marathon aber natürlich auch, als wir da wieder durch das Tor liefen. Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble wollte das erst verbieten, da sei ein Gerüst drum, das ginge nicht. Ich bin in solchen Fällen immer an die Öffentlichkeit gegangen – plötzlich ging’s. Und dann waren die Weltrekorde natürlich besonders. Der Berlin-Marathon ist im Ausland Legende, das macht einen als Veranstalter stolz.

Der schlimmste Augenblick?

Immer, wenn man erfuhr, dass jemand beim Lauf verstorben ist. Das ist leider mehrfach passiert.

Was treibt immer mehr Leute zum Laufen?

Es ist für viele wie das Zähneputzen am Morgen geworden. Die Leute wissen heute, wie wichtig Bewegung für die Gesundheit ist.

Laufen Sie selbst heute noch?

Ich laufe jeden zweiten Tag. Aber ab einem gewissen Alter sollte man es nicht übertreiben.

Was mögen Sie daran am meisten?

Die Dusche danach.

 

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