Besuch in einer Schutz-Station

Auch Eichhörnchen brauchen Liebe

Behinderte oder elternlose Eichhörnchen wären in der freien Natur dem Tod geweiht. Für sie gibt es in Eckernförde eine Eichhörnchen-Schutz-Station. Ein Besuch.

Bekommen Hilfe in der Schutz-Station Hilfe: Eichhörnchen.  Bild: dpa

ECKERNFÖRDE taz | Pelle ist behindert, ihr Hinterbein ist steif. Wenn Pelle von Ast zu Ast springt, sieht das aus wie ein Sprint von Bugs Bunny – ihr steifes Hinterbein scheint sie ständig zu überholen. Trotz Behinderung sind die Eichhörnchen schnell unterwegs. Also schließt Herma Voß sorgfältig die Tür hinter sich, wenn sie das Eichhörnchen-Gehege betritt.

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Während Großstadtbewohner nach langen Wintermonaten in diesen Tagen erstmals wieder Eichhörnchen zu Gesicht bekommen, hat Herma Voß das ganze Jahr über mit Eichhörnchen zu tun. Voß arbeitet in der Eckernförder Eichhörnchen-Schutz-Station, die behinderten und elternlosen Eichhörnchen ein Zuhause gibt. Nun hat Voß in einem Terrakotta-Blumentopfuntersetzer klein geschnittenes Gemüse dabei. Kaum hat sie es abgestellt, erklimmt Pelle ihr Hosenbein und bleibt auf ihrer Schulter sitzen. Kurz nach der Fütterung verschwindet Pelle wieder in ihrem Häuschen – Mittagspause.

Morgens um acht kommt Voß zur Arbeit. Das Stationsbüro der Eckernförder Eichhörnchen-Schutz-Station, ein Holzhaus in schwedischem dunkelrot, hat keine Heizung. Voß heizt den Ofen an und öffnet dann die Fensterläden. An den Scheiben kleben Eichhörnchenbilder, im Regal stehen Eichhörnchenfiguren.

„Alle sammeln mit“, sagt Voß. Im Garten um das Haus zieren Hörnchenfiguren Blumentöpfe, Schilder, Vogeltränken. Ein echtes Eichhörnchen, wahrscheinlich ein ehemaliger Stationsgast, hüpft wehenden Schwanzes durchs Bild.

Man kann sich vor den rotbraunen Tieren kaum retten in Eckernförde: Die Kleinstadt trägt ein rotes Eichhörnchen im Wappen. Vor der dänischen Schule steht eine Eichhörnchenplastik auf dem Schulhof, zahlreiche Unternehmen haben ein Eichhörnchen in ihrem Logo. Auch die Silbe „Eckern“ des Stadtnamens bedeutet womöglich Eichhörnchen. Eine Eichhörnchen-Station passt gut zum Tourismuskonzept der Stadt. Die Herberge für Eichhörnchen mit Handicap ist einmalig in Deutschland.

In der Eckernförder Station kümmert man sich um elf behinderte Eichhörnchen. Sie haben steife Glieder, neurologische Probleme, nur ein Auge oder Zahnfehlstellungen. Das ist problematisch, wenn man sich hauptsächlich von Nüssen ernährt. In der freien Natur wären die Tiere nicht überlebensfähig. In ihrem Gehege stehen krumme Tannenbäume, Überbleibsel von Weihnachten, gesponsert vom heimischen Baumarkt. An einigen hängt noch das Preisschild.

Jeden Tag kommen Besucher, bestaunen die Tiere als hätten sie noch nie ein Eichhörnchen gesehen, machen Fotos. Mit etwas Glück klettern die Nager, die Erwartungen erfüllend, an den Tannen hoch und schaukeln auf den Ästen.

Herma Voß ist Ein-Euro-Jobberin in der Station. Sie hat mal eine Friseur-Lehre gemacht, dann als Putzkraft gearbeitet, nun verdient sie sich zu ihrem Harzt-IV-Geld ein paar Euro dazu und ist zufrieden. „Jeden Tag die Eichhörnchen zu beobachten, macht so einen Spaß“, sagt sie.

In der Station arbeiten nur Ehrenamtliche und Ein-Euro-Jobber. Immer wieder kommen Leute, die helfen wollen. „Die Eichhörnchen lösen bei vielen ein Helfersyndrom aus. Nur, dass die Hörnchen auch richtig Arbeit machen, sehen viele nicht“, sagt Klaus Schnack, Verantwortlicher fürs Personal.

Auch am Wochenende wird gearbeitet. „Die Tiere können sich ja nicht selber den Kühlschrank aufmachen“, sagt Schnack. Die meisten Helfer kommen nur einmal. Auch Geld ist Mangelware. Die Station finanziert sich über Spenden und Eichhörnchen-Patenschaften. Für zehn Euro im Monat sind Tierfreunde dabei.

Gegen Mittag kommt Moni Rademacher, Leiterin und Ehrenamtliche, in die Station, voll beladen mit Kleintier-Transportkisten in hellblau und rosa, beklebt mit Eichhörnchenstickern. Rademacher bringt die Findel-Eichhörnchen mit zur Arbeit. Warm verpackt in Decken und Handtücher liegen sie in den Boxen, zwei bis fünf Wochen alt. Im Frühjahr, wenn Eichhörnchen geworfen haben, fallen immer wieder Jungtiere aus ihren Nestern, den sogenannten Kobeln, oder werden nach Baumfällarbeiten elternlos gefunden.

Die Stationsleiterin ist in Eile. „Die Kleinen müssen schon wieder gefüttert werden“, sagt sie. Die Nesthocker brauchen alle drei Stunden Milch. Rademacher nimmt darum die Tiere mit zu sich nach Hause und steht auch nachts zum füttern auf.

Sind die Findeltiere noch sehr jung, trägt sie sie rund um die Uhr in einem Fleecebeutel an der Brust. „Da gehört schon bedingungslose Liebe dazu“, sagt die gelernte Exportkauffrau mit den stacheligen Haaren und den Piercings. Als sie in den Norden zog, hatte sie keine Arbeit, keinen Anschluss. Aus der Zeitung erfuhr sie von dem Projekt und begann sich zu engagieren. Jetzt arbeitet die Frührentnerin Vollzeit für die Tiere, unentgeltlich.

Vorsichtig nimmt sie ein kleines Eichhörnchen in die Hand. „Na du Zuckersüßes“, sagt sie und streichelt das Tier. Sie zieht eine Spritze mit Milch auf, das Pulver dazu importiert die Station extra aus den USA, es wurde speziell für Eichhörnchen-Findelkinder entwickelt. Mit der Lippe testet Rademacher die Temperatur der Milch.

Nachdem sich der gefüllte Magen durch die durchsichtige Haut am Bauch abzeichnet, massiert Rademacher das Findelkind und wartet, bis das Eichhörnchenbaby wieder schläft. Rademacher hat eine Tasche dabei, in der Mütter Wickelutensilien verstauen. Der Inhalt ihrer Tasche unterscheidet sich nicht besonders.

Es klopft an die Tür. Ein Mann in tannengrünem Strickpulli betritt die Hütte. Er hat eine Kiste dabei, abgedeckt mit einem Frotteehandtuch. In der Kiste liegt ein kleines Eichhörnchen. Das Tier hat der Bauer aus Rieseby vor seinem Hof gefunden. Als Krähen über dem Findelkind kreisten, hat er es eingepackt und ist nach Eckernförde gefahren. Er stellt die Kiste auf den Tisch. „Bin ich jetzt durch?“, fragt er. Die beiden Frauen nicken.

“So geht das manchmal“, sagt Rademacher. Oft holt sie die Tiere aber auch selbst bei den Findern ab. 15 Eichhörnchenwaisen betreut die Station momentan. Erst vor kurzem hat die Eichhörnchen-Mama ein Geschwisterpaar aus Neumünster abgeholt. Auf dem Weg dahin ist ein anderes Findelkind verstorben. „Ich hatte es die ganze Zeit in der Hand, damit es ruhig einschlafen kann“, sagt Rademacher. „Man muss loslassen können, aber leicht ist das nicht.“

Nach zwölf Wochen werden die Findelbabys ausgewildert, das würde die Eichhörnchenmutter auch so machen. Die pubertierenden Nagetiere können in einem offenen Auswilderungsgehege kommen und gehen, wie sie wollen. Nur die behinderten Tiere bleiben.

 
16. 04. 2012

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