Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, der vor 30 Jahren seine Landwirtschaft auf Öko umgestellt hat, über Bio-Labels, Rote Bete und Kinderarbeit.von Richard Rother

Die Verbraucher entscheiden mit ihrer Kaufkraft mit, welche Art von Landwirtschaft praktiziert wird. Bild: dpa
taz: Eine neue Studie hat festgestellt, dass Biolebensmittel nur wenig gesünder sind als konventionelle. Warum sollen Verbraucher dann zu Bioprodukten greifen?
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Graefe zu Baringdorf: Seit 50 Jahren bin ich Bauer, und vor 30 Jahren habe ich auf Bio umgestellt. Ein wichtiger Grund war, meinen Hof der Industrialisierung in der Landwirtschaft zu entziehen und die bäuerliche Landwirtschaft fortzuführen.
Viele Verbraucher wollen gesündere Lebensmittel, sie versprechen sich von Bio Vorteile.
Der biologische Landbau ist mehr als Gesundheit, wir produzieren keine Medizin. Aber wir verwenden keine Chemie und keine Gentechnik, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Das ist ein riesiger Vorteil für die Umwelt. Wenn Leute nur zu Bioprodukten greifen, weil sie 90 statt 70 Jahre alt werden wollen, dann ist das für mich als Erzeuger nicht der erste Grund, auf Bio umzustellen. Gesünder ist Bio trotzdem.
Warum?
Wir verwenden keine Pflanzengifte. Die reichern sich ja nicht nur in der Nahrung an, sondern auch in den Böden und Gewässern. Aber es geht nicht nur um die Gesundheit: Vielen Verbrauchern sind zum Beispiel die Regionalität wichtig oder die Arbeitsbedingungen der Produzenten. Eine Banane wird nicht gesünder, wenn sie nicht durch Kinderarbeit auf den Markt gebracht wurde – aber der Verbraucher kann sie mit einem guten Gewissen essen.

Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf
69, ist Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). 1984 bis 1987 und 1989 bis 2009 gehörte er für die Grünen dem Europaparlament an. Er betreibt einen Hof in Ostwestfalen. Die AbL ist eine bäuerliche Interessenvertretung, die für eine nachhaltige Agrarwirtschaft im Sinne einer sozial- und umweltverträglichen Landwirtschaft eintritt.
Foto: archivWelche Vorteile sehen Sie noch?
Die Biolandwirtschaft ist eine solare. Der Stickstoff, den unsere Pflanzen benötigen, kommt unter anderem durch den Anbau von Leguminosen in den Boden. Dadurch wird der Einsatz von Dünger auf Erdölbasis vermieden. Die Verbraucher tragen mit ihrer Kaufentscheidung dazu bei, welche Art von Landwirtschaft wir haben: die industrielle oder die biologisch-bäuerliche. Dass die Verbraucher Macht haben, zeigt zum Beispiel die Gentechnik. In Europa hätte sich die Gentechnik in der Landwirtschaft längst durchgesetzt, wenn die Verbraucher nicht so vehement dagegen wären.
Manche Biobetriebe geraten in die Kritik, weil sie immer größer werden und damit den konventionellen folgen. Ist die Kritik berechtigt?
Fraglich ist, ob der Anbau von 50 Hektar Rote Beete in einer Parzelle ökologisch ist und Massentierhaltung artgerecht. Die Größe der Betriebe allein ist aber kein Kriterium. Wenn die Bauern die Bedingungen der Bioverordnung erfüllen, ist das in Ordnung.
In manchen Betrieben kommt es zu Unregelmäßigkeiten, da werden konventionelle Produkte als bio vermarktet.
Solche Missstände gibt es, aber dann ist kriminelle Energie im Spiel. Das ist ein Fall für den Staatsanwalt. Kriminelle Machenschaften gibt es in allen Branchen. Wichtig ist: Biobetriebe, die schummeln, verlieren ihre Biolizenz und damit ihre Geschäftsgrundlage.
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Leserkommentare
17.09.2012 14:49 | Robin B.
@alle Meckerer: ...
07.09.2012 11:33 | Rudolf Eglhofer
@Waage: ...
06.09.2012 15:47 | @Glauben und Wissen:
Danke für den brillianten Kommentar. Argumentative Glanzleistung.