Bremen justiert Ausstellungspolitik neu

Post-koloniales Update

Bremer Museumslandschaft erlebt Paradigmen-Wechsel: „Decolonize“ ist nun eine offizielle Ansage. Auch biodeutsche Besucher avancieren zu „Nutzern“

Kritisch beforscht: die Afrika-Sammlung des „Übersee“ Foto: Matthias Haase

Wenn Anna Greve heute im Rathaus spricht, klingt das nach Paradigmenwechsel. „Es geht darum“, wird sie sagen, „Menschen und Kulturgut ,mit Migrationshintergrund' als Teil des einheimischen, nationalen Narrativs zu begreifen“. Diesen Satz mögen viele für selbstverständlich halten. Neu ist, dass er die offizielle Ausstellungsspolitik Bremens beschreibt.

Greve, die sich mit einer Arbeit über „Kritische Weißseinsforschung in der europäischen Kunstgeschichte“ habilitierte, ist seit noch nicht allzulanger Zeit Museumsreferentin im Kulturressort. Diese Besetzung trifft auf eine zunehmende Bereitschaft in den Bremer Institutionen, sich mit postkolonialen Ansätzen zu beschäftigen. Die Bemühungen sind substanziell genug, um das Fellowship-Programm „Internationales Museum“ der Bundeskulturstiftung, das Greve heute miteröffnet, nach Bremen zu bringen.

Immerhin hat sich über die Hälfte der öffentlich geförderten hiesigen Museen explizit des Themas angenommen. Die Kunsthalle plant mit „Der blinde Fleck“ eine Ausstellung über die kolonialen Spuren in den eigenen Beständen, das Übersee wird 2017 eine kritische Sonderausstellung zur eigenen Geschichte eröffnen. Die Städtische Galerie zeigt im Herbst mit „Kabbo ka Muwala – The Girl’s Basket“ eine Ausstellung über Migration und Mobilität zeitgenössischer Kunst in Süd- und Ostafrika. Aber auch kleine Einrichtungen wie Schloss Schönebeck orientieren sich unter dem Motto „Von Vegesack in die Welt“ deutlich globaler und multikultureller denn je zuvor.

In Bremens kolonialgeprägtes Selbstverständnis kommt Bewegung. Aber überträgt sich das auch in die Breite? Die Kontroversen um Straßennamen sind ein guter Indikator für den Stand der öffentlichen Bewusstseinsbildung.

Beispiel Lüderitz. Der Bremer Kaufmann und Ehrenbürger „erhandelte“ auf dem Gebiet des heutigen Namibia ein 40 Meilen langes und 20 Meilen tiefes Landstück, in dem er die vereinbarten Maße nachträglich von englischen Meilen (1,6 Kilometer) in preußische umdefinierte – zu je 7,5 Kilometern. Als die Einheimischen einen Aufstand wagten, holte „Lügenfritz“ das Militär. Seit den 1970er-Jahren gab es Initiativen, die Bremer Lüderitz-Straße umzubenennen, sie scheiterten stets an fehlender offizieller Unterstützung.

Das könnte sich nun ändern. „Ich halte es für sehr problematisch, jemanden zu ehren,“ sagt Greve, „der an einem Völkermord beteiligt war“. Die Ausstellung „Freedom Roads“, im Frühjahr in der Unteren Rathaushalle zu sehen, wird die Debatte befeuern.

Noch vor Kurzem galt die Beschäftigung mit postkolonialen Konzepten selbst in universitären Kontexten als karriere-schädigend – diese Erfahrung hat auch Greve gemacht. „Da schlug einem durchaus Feindschaft entgegen“, sagt sie in Bezug auf die 2000er-Jahre. Auch die „Idee“ der Bremer Uni, einen Afrikanistik-Studiengang ohne AfrikanerInnen zu betreiben, ist noch gar nicht lange her. Doch seitdem, sagt Greve, „gab es eine enorme Entwicklung“.

Aus Museumssicht geht es bei all diesen Bemühungen nicht „nur“ um „historische Hygiene“, nicht „nur“ um ein aus prinzipiellen Gründen überfälliges Update des Selbst- und Weltbildes, das die involvierten Institutionen haben und vermitteln – sondern auch um konkrete Zukunftsfähigkeit. Ebenso, wie sich Konzerthäuser wegen der dominanten Weißhaarigkeit ihrer BesucherInnen sorgen, wie Theater sich fragen müssen, welches Publikum sie künftig für Abonnements begeistern können, so müssen sich auch Museen auf das Schrumpfen ihrer Stammklientel einstellen – zu Gunsten einer bunter und migrantischer werdenden Bevölkerung.

Die notwendigen Veränderungen des musealen Selbstverständnisses gehen noch weiter: Letztlich geht es darum, BesucherInnen aller Art auch als Museums-Nutzer zu begreifen – was das Prinzip der kuratorischen Autorität auf interessante Art ins Wanken bringt. „Weiße“ akademische Ansätze und „schwarzes“ Erfahrungswissen sollen zusammen gebracht werden? Auch, wenn das Focke-Museum eine Frauen-Ausstellung zusammen mit dem Frauenmuseum e.V. gestaltet, klingt das naheliegend – und ist doch etwas Neues. Denn als Landesmuseum auf Augenhöhe mit einem kleinen Verein zu arbeiten, war früher keineswegs Usus.

Bleibt das Geldproblem: Anders als bei der Provenienzforschung zu NS-Raubgut gibt es bislang keine Möglichkeit, beim Bund Gelder zur Aufarbeitung kolonialer Altlasten zu beantragen. Das Übersee hat es kürzlich dennoch geschafft, ein vierjähriges Projekt zu finanzieren: Mit Hilfe der VW-Stiftung und gemeinsam mit Partnern in Namibia, Kamerun und Tansania untersucht es die Entstehungs-Geschichte seiner äußerst umfangreichen Afrika-Sammlung.

„Erstmals“, sagt Direktorin Wiebke Ahrndt, „wird eine akteurszentrierte Geschichte kolonialen Sammelns in den deutschen Kolonien geschrieben“. Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg nennt das Projekt einen „wichtigen Schritt zur Dekolonialisierung deutscher Museen“. Weitere müssen folgen.

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