Bürgerkriegsfotografin in Peru

Dämonin der Wahrheit

Vera Lentz, wurde in Lima geboren und an der Odenwaldschule in Deutschland ausgebildet. Heute ist sie die bekannteste Fotografin des peruanischen Bürgerkriegs.

Auch bald 30 Jahre alte Greuel des Bürgerkriegs sind präsent: Demonstration für 1986 ermordete Gefangene.  Bild: Vera Lentz/reuters

LIMA taz | Erdige, kräftige Hände, die Linke liegt auf der Rechten, ganz vorne in der offenen Handfläche ruht das Passfoto eines Mannes im Profil. Die Szene, aufgenommen im peruanischen Bürgerkrieg in den Anden der 1980er Jahre, ist so einfach wie ergreifend.

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Ohne die Geschichte der Person zu diesen Händen zu kennen, begreifen Betrachter intuitiv, dass dieses kleine Passfoto bedeutend ist. Vera Lentz’ Foto von den bäuerlichen Händen mit dem Passbild des Mannes ist zum Symbol für die Zeiten des Terrors im Hochland der peruanischen Anden geworden.

Dieses Foto steht für 70.000 Tote, die den Grausamkeiten im Krieg zwischen der Terrororganisation Leuchtender Pfad und dem peruanischen Militär zum Opfer fielen. Die peruanische Wahrheitskommission hat 2003 das Foto als Deckblatt für ihren Abschlussbericht gewählt, in diesem Sommer war das Foto der deutsch-peruanischen Fotografin Vera Lentz in ihrer Ausstellung „No se puede mirar“ auf der Biennale in Lima zu sehen.

„Ich wollte, dass man den Verschwundenen besser sieht“, sagt Vera Lentz, die das Foto 1984 in der peruanischen Provinzhauptstadt Ayacucho aufgenommen hat. Üblicherweise hielten die Hinterbliebenen die Fotos ihrer verschwundenen Väter, Brüder, Ehemänner oder Söhne auf Höhe des eigenen Gesichts. „Doch dann sieht man ja nicht, wer auf diesen kleinen Fotos ist“, sagt Lentz. Sie klingt heute noch ebenso emotional engagiert, wie sie es wohl auch 1984 war.

Fotoatelier Jeannette

Damals war sie 34 Jahre alt und kurz zuvor vom Fotografiestudium aus den USA in ihre Geburtsstadt Lima zurückgekehrt. In New York hatte sie vor dem Studium einige Jahre mit dem Mode- und Porträtfotografen Irving Penn gearbeitet, dessen klare Ästhetik sie schon als Kind in seinen Schwarz-Weiß-Porträts der indigen-andinen Bauern aus Cusco bewundert hatte. Die Penn-Fotos hingen im Haus ihrer Mutter Hannerose Herrigle de Lentz, die in München Fotografie studiert hatte, dann nach Peru ausgewandert war und in Lima das Fotoatelier Jeannette betrieb.

Señora Herrigle schickte Vera 1964 nach Deutschland, damit sie in der Odenwaldschule eine „ordentliche“ Ausbildung erhielt. Vera Lentz erinnert sich, dass sie es dort „scheußlich“ fand, heimlich geraucht hat und der ältere Vertrauensschüler Daniel Cohn-Bendit ihr deshalb sehr nett zugeredet hat.

Sie hielt es dann doch vier Jahre in der Odenwaldschule aus. Beeindruckt hat sie damals ein jüdisch-polnischer Geschichtslehrer, der im Widerstand gegen die Nazis gewesen und dennoch nach Deutschland gekommen war, um zu unterrichten. „So eine humanistische Geste hat mir imponiert“, sagt Vera Lentz, die im Gespräch oft ins Englische fällt – und ihre Arme weit ausbreitet, um die Tragweite des Gesagten zu verdeutlichen.

Warum wir gewaltätig sind

Als Vera Lentz 1982 nach elf Jahren in den USA zurück nach Peru kam, wusste sie, dass sie „zwei Reisen machen würde, eine physische in die Gegenden des Krieges und eine intellektuelle, um die Gründe für die Gewalt zu finden“. Denn seit ihrer Begegnung mit dem jüdischen Geschichtslehrer beschäftigte sie die „brennende Frage, warum wir gewalttätig sind“.

Sie bricht auf und reist zwischen 1982 und 1993 rund 17-mal von Lima in das 520 Kilometer entfernte Ayacucho in den Anden und befragt die aus dem Hochland in die Stadt geflüchteten Menschen, was in den Bergen vor sich geht. Lentz hört von Lynchmorden, Massakern wie dem an einer Hochzeitsgesellschaft in Socos. Als Vera Lentz im Dorf Socos ankommt, organisiert die Braut gerade die Beerdigung ihrer Familie und die ihres Bräutigams. Sie war die einzige Überlebende des Massakers am Tag zuvor, verübt vom Militär, wie die Wahrheitskommission später herausfand.

Der Krieg in den Anden lässt Vera Lentz nicht los. Sie dokumentiert die Opfer: Kriegswaisen in Lima, hungernde Alte in verlassenen Dörfern, verkrüppelte Soldaten, die Frauenbrigade des Leuchtenden Pfads im Gefängnis.

Lentz fährt per Lastwagen in den Dschungel, fliegt mit einem Militärhubschrauber und einer Asháninka-Indianer-Gruppe in den Regenwald und fotografiert, wie die Asháninka in gestreiften Baumwollkleidern ihre versklavten Stammesmitglieder aus einem Camp des Leuchtenden Pfads befreien.

Es war zum Kotzen

„Es war wirklich zum Kotzen: Keiner wollte die Geschichte der Asháninka.“ Zu Beginn ihrer Reisen ist Vera Lentz für das peruanische Magazin Caretas unterwegs, doch sie will frei berichten, denn immer wieder stellt sie fest, dass ihre Berichte von den Grausamkeiten, die an indigenen Bauern begangen wurden, „in Lima keinen Eindruck machen“.

„Das Desinteresse der Leute hier war eigentlich das Schlimmste“, sagt Lentz heute. „Aber solche Brutalität kann man als Mensch doch nicht dulden.“ Also fährt sie auf eigene Faust in die Anden, arbeitet schließlich für die New Yorker Agenturen Visions und Black Star. Ihre Fotos erscheinen in Newsweek, Time, Spiegel, Stern und anderen Magazinen und Zeitungen in Europa und den USA.

250 ihrer Fotos von Massakern und Überlebenden, Massengräbern, zerstörten Dörfern und Flüchtlingen wird die Kommission für Wahrheit und Versöhnung später zur Aufarbeitung des 15 Jahre währenden Terrors nutzen.

70.000 Menschen wurden im Krieg in den Anden getötet, die meisten von ihnen quechuahablantes, also Indigene. Für die Mehrheit der Toten werden die maoistische Gruppe Leuchtender Pfad und ihr Anführer Abimael Guzmán verantwortlich gemacht. „Ich wollte die Geschichte von beiden Seiten erzählen“, sagt Lentz. „Ich hatte keinen politischen Antrieb, nur einen humanistischen.“

Da sie die Taten der maoistischen Terroristen ebenso dokumentiert wie Verbrechen des Militärs und der Polizei, saß sie bald zwischen allen Stühlen, von allen Seiten bedroht. Die einen hielten die Gringa mit den blonden Haaren und den blauen Augen für eine Agentin des CIA, die anderen für eine Spionin, die indigenen Bauern schließlich sahen in Lentz bisweilen einen pistaco, einen Dämon. „Manchmal hatte ich Angst“, sagt sie.

Vera Lentz arbeitet noch immer als Fotografin in Peru. Ihre Fotos über den Krieg in den Anden und die für sie noch immer unbeantwortete Frage nach den Ursachen der verübten Grausamkeiten wird sie demnächst in einem Buch verarbeiten, das nächstes Jahr erscheinen soll.

 

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