Colson Whitehead über US-Rassismus

„Sehe mich nicht als Sprachpolizei“

Für seinen Roman „The Underground Railroad“ wurde der Schriftsteller Colson Whitehead mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Seitdem schläft er besser.

Schriftsteller Colson Whitehead

Colson Whitehead: „Das Härteste war für mich eigentlich die Recherche“ Foto: André Wunstorf

Eine Hotellobby am Berliner Kurfürstendamm. Colson Whitehead hat gerade einen Mittagsschlaf gemacht und eine Zigarette geraucht. Jetzt ist er da, pünktlich auf die Minute – und bestellt sich einen Cappuccino.

taz am wochenende: Herr Whitehead, 2016 gewannen Sie mit Ihrem Roman „Railroad Underground“ den National Book Award, 2017 den Pulitzerpreis. Hat jemand, der so erfolgreich ist, auch mal Angst vorm Schreiben?

Colson Whitehead: Als ich mit dem Schreiben anfing, hatte ich Angst, dass ich meine Rechnungen nicht bezahlen kann. Das hat mich allerdings motiviert, immer mehr zu schreiben. Später hatte ich Angst, dass ich eine gute Idee in den Sand setzen könnte. Bei meinem letzten Roman, „Underground Railroad“, war es so, dass ich die Idee dazu schon Anfang der Nullerjahre hatte, aber das Projekt immer wieder aufschob, weil ich nicht wusste, ob ich es stemmen kann. In der Zwischenzeit habe ich andere Bücher geschrieben.

Dann hilft Angst also beim Schreiben.

Manchmal. Wenn die Angst dich nicht paralysiert, dann kann sie helfen.

„Underground Railroad“ ist innerhalb eines Jahres zum internationalen Bestseller geworden. Wie wirkt der Erfolg auf Sie?

Ich genieße ihn natürlich. Ich wache nicht mehr verzweifelt um 4 Uhr morgens auf und denke an den Tod, sondern schlafe aus und bin gut gelaunt. Aber der Erfolg erleichtert meine Arbeit leider nicht. Ich habe im Frühjahr angefangen; an etwas Neuem zu schrei­ben, und es ist wirklich sehr schwer reinzukommen. Es ist eigentlich immer schwer. Wenn dir das Schrei­ben leichtfällt, dann machst du höchstwahrscheinlich etwas falsch.

Der Mensch

Colson Whitehead 48, wurde in New York geboren. Er wuchs in Manhattan auf und hat unter anderem in Harvard und Princeton studiert. Whitehead ist verheiratet, hat zwei Kinder – und spielt gern Poker.

Der Schriftsteller

Viele Essays und sechs Romane hat Whitehead bisher veröffentlicht, sein erster Roman, „The Intuitionist“, erschien 1999. Sein aktueller Roman, „The Underground Railroad“, wurde mehrfach ausgezeichnet, jedoch sehr unterschiedlich besprochen. Obama nannte ihn als eines von fünf Büchern für seine Sommerferien-Leseliste.

Schreiben Sie denn an einem bestimmten Ort?

Manchmal verlasse ich New York für ein paar Wochen – für eine intensivere Schreibphase. Aber eigentlich schreibe ich meistens und am liebsten zu Hause. Ich mag es, zwischendurch einen Mittagsschlaf zu halten, mir ein Sandwich zu schmieren oder einfach rumzuhängen, wie man es nur im eigenen Haus tun kann.

Wie lange haben Sie überhaupt an „Underground Railroad“ gearbeitet?

Fast ein Jahr.

Ihr Roman handelt von Sklaverei und dem Plantagenalltag in den US-Südstaaten des 19. Jahrhunderts. Auch wenn es kein historischer Roman im klassischen Sinne ist, erzählen Sie viel über die damalige Zeit. Haben Sie vorab lange recherchiert – oder tun Sie das währenddessen?

Das meiste mache ich vorher. Für dieses Buch habe ich mir vor allem die Slave Narratives …

… also die autobiografischen Erzählungen ehemaliger Sklaven …

… angeschaut. Erst als ich genug Material hatte, fing ich mit dem Schreiben an. Gegen Ende kam dann eine neue Ebene hinzu, für die ich das Schrei­ben noch mal abbrechen und über Grabräuber recherchieren musste. Es kommt immer total darauf an, wohin sich die Geschichte entwickelt.

Wie sehr ließen Sie sich beim Schreiben von der Gegenwart beeinflussen?

Sehr. Als ich an den Lynchszenen saß, habe ich mich oft gefragt: Okay, übertreibe ich vielleicht gerade? Und dann lief eine Rede Trumps im Fernsehen und die Leute im Hintergrund haben voller Inbrunst all diese verrückten Dinge geschrien. Antimuslimische, antimexikanische, sexistische Parolen. Traurigerweise hat das meine Szenen nur bestätigt. Ich übertrieb nicht. Genauso empfinden Amerikaner, und so haben sie schon immer empfunden.

Sie arbeiten mit Elementen des magischen Realismus. Die „Underground Railroad“ – die ein Netzwerk von Abolitionisten beschreibt, das früher Sklaven half, in den Norden zu fliehen – ist in Ihrem Roman zu einer richtigen Eisenbahn im Untergrund geworden. An einer Stelle heißt es: „Manchmal ist eine nützliche Illusion besser als eine nutzlose Wahrheit.“ Hat die Fiktionalisierung Ihnen geholfen, ein so schweres Thema anzugehen?

Ich weiß nicht recht. Ich meine, die Idee der buchstäblichen Eisenbahn bestimmt ja die ganze Geschichte und war die Idee, die ich von Anfang an hatte. Das war es, was mich gereizt hat. Gleichzeitig ist es natürlich schwer, eine historisch so spärlich aufgearbeitete Periode anzugehen. Letztlich weiß ich aber: Alle Themen haben ihre eigene Schwierigkeit.

Ihre Protagonistin Cora beginnt – nach ihrer Flucht von der Plantage in einen anderen Bundesstaat – in einem Museum zu jobben. Dort stellt sie Tag für Tag in einem unrealistischen Reenactment der Plantagenarbeit eine Sklavin dar. Wie häufig sehen Sie sich mit unrealistischen Darstellungen der Sklaverei konfrontiert?

Sehr häufig. Ich meine, der Filmklassiker „Vom Winde verweht“ ist das beste Beispiel. Ich finde ihn unrealistisch, weil er nichts gemein hat mit der schwarzen Perspektive auf das Plantagenleben. Es gibt aber auch andere Beispiele wie die Serie „Roots“, die schon aus der Sklavenperspektive erzählt ist, aber eben sehr eindimensional. Alle Sklaven in der Serie sind immer solidarisch zueinander, und es gibt nur eine Ausnahme, einen Onkel Tom, der den Master informiert. Wer weiß, das mag es alles gegeben haben. Aber ich wollte im Jahr 2015 nicht dieselbe Geschichte reproduzieren, sondern eine psychologisch realistische Plantage kreieren.

Wie haben Sie das gemacht?

Indem ich eine Gruppe von gebrochenen Menschen erschaffen habe, die mir realistisch erschien. Ich habe mir einfach vorgestellt: Man pfercht hundert gefolterte und vergewaltigte Menschen zusammen. Für mich ergibt es keinen Sinn, dass in einer solchen Situation alle Gefangenen zusammenhalten. Dann habe ich die „Hob“ erfunden, eine Hütte auf der Plantage, in der die Außenseiter wohnen müssen. Die sich nicht zu benehmen wissen oder einfach geistig behindert sind. Ich hätte mich natürlich dazu entscheiden können, mich nur auf die bekannten historischen Fakten zu berufen. Aber wir wissen heute so viel mehr über die menschliche Psyche. Wir wissen von der posttraumatischen Belastungsstörung und wie Individuen mit ihr umgehen.

Wie schwer fiel es Ihnen, Szenen zu schreiben, in denen es zu physischer Gewalt kommt?

Ich denke, die Erzählstimme ist ein nützliches Instrument, um die Gewalt auf Abstand zu halten. Dennoch war ich irgendwann im letzten Drittel sehr erschöpft von der ganzen Katastrophe, in die ich meine Figur Cora geschickt habe. Zugleich ist Gewalt allgegenwärtig, und ich habe die Sprache der Gewalt den Slave Narratives entlehnt. Es ist eine sehr nüchterne Sprache, denn du musst nichts dramatisieren, du musst dem Leser nichts verkaufen, wenn das zu deinem ganz üblichen Alltag gehört. Die Fakten sprechen für sich.

Was war die größte Herausforderung für Sie selbst, als Sie den Roman geschrieben haben?

Das Härteste war für mich eigentlich die Recherche. Zu erfahren, was konkret passiert ist, und was ich meine Figuren durchmachen lassen muss, damit es realistisch ist. Gleichzeitig habe ich realisiert, was für ein Zufall oder Unfall es ist, dass ich heute hier bin. Es ist reiner Zufall, dass meine Angehörigen die Sklaverei überlebt haben. Als Erwachsener mit dem Thema Sklaverei konfrontiert zu sein, mit all seiner Schwere, ist eine ganz andere Erfahrung, als in der Kindheit „Roots“ zu schauen.

Die schwarze feministische Schriftstellerin Roxane Gay schreibt, dass sie es satt habe, Filme über die Sklaverei zu sehen. Weil sie es nicht mehr aushalte, dieses Bild ständig reproduziert zu bekommen. Können Sie ihre Position nachvollziehen?

Ja. Während ich an dem Buch geschrieben habe, versuchte ich mir „12 Years a Slave“ anzuschauen, aber ich habe es nicht zu Ende geschafft. Es ist ganz komisch, ich konnte darüber schreiben, aber ich wollte das nicht im Film dargestellt sehen. Obwohl ich wusste, dass es sich nur um Schauspieler handelt. Und jetzt, da ich so viel zu dem Thema gearbeitet habe, habe ich erst mal gar kein Interesse mehr, Filme dieser Art zu sehen.

Ihr Roman spielt zu einer Zeit, in der die industrielle Revolution in vollem Gange ist und der moderne Kapitalismus geboren wird. Noch heute wird häufig von „moderner Sklaverei“ gesprochen, wenn von Niedriglöhnen und unzumutbaren Arbeitsbedingungen die Rede ist. Was halten Sie von dieser Metapher?

Um ehrlich zu sein, sehe ich mich nicht als Sprachpolizei, dazu habe ich gar nicht die Energie. Aber natürlich fallen mir diese Sklavereimetaphern auf und natürlich ist das, was wir heute erleben, wie arme Menschen behandelt werden, in welchen Abhängigkeiten sie sich befinden, nicht dasselbe wie Sklaverei. Aber es kommt dem sehr nah. Das hat mit den grundlegenden Ungerechtigkeiten zu tun, auf denen der moderne Kapitalismus basiert. Wenn ich also solche Metaphern lese, habe ich schon das Gefühl, dass sie von den richtigen Leuten in einem richtigen Zusammenhang gebraucht werden.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Vergangenen Sommer kam es in Charlottesville, Virginia, zu Aufmärschen von Rechtsextremen, darunter Anhänger der Alt-Right-Bewegung und Mitglieder des Ku-Klux-Klan; ein Mann raste mit einem Auto in eine Gruppe Gegendemonstranten. Sie haben viel zur Geschichte der Südstaaten recherchiert – wie überrascht waren Sie davon, dass das passiert ist?

Überhaupt nicht. Diese Leute hat ja nicht Trump erfunden, sie waren immer schon da. Das Einzige, was mich überrascht hat, war: Keiner von denen trug eine Maske. Sie haben ihre Nazi- und Konföderiertenflaggen geschwungen und sich nicht einmal vermummt. Das hatte eine neue Dimension. Selbst einige Republikaner haben sich von den Aufmärschen distanziert. Natürlich nicht der Präsident, er hat ja mehr oder weniger das Ganze gutgeheißen.

Sie sind in den achtziger Jahren in New York aufgewachsen, das heißt, Sie haben Trumps Aufstieg miterlebt. Dachten Sie jemals, er würde es ins Weiße Haus schaffen?

Niemals. Ich meine, er war diese Boulevardfigur, von der man in Klatschspalten berichtete. Dann hatte er diese TV-Show, es ging eigentlich nur darum, von ihm unterhalten zu werden. Er war schon immer ein Hochstapler und hat eine Menge Leute betrogen. Heute tut er das, indem er Leuten erzählt, die Lösung ihrer Probleme sei der Bau einer großen Mauer. So bekämen sie ihre Jobs zurück. Und die Leute wollen das Ganze glauben.

Mit Obama war acht Jahre lang ein schwarzer Präsident im Weißen Haus. Auf ihn folgt ein ultrakonservativer, rassistischer Präsident wie Trump. Wie lesen Sie diese Entwicklung?

Von außen sieht es vielleicht bizarr aus, aber es ergibt total Sinn. Obama hat damals mit 51 Prozent gewonnen. Das ist sehr knapp und bedeutet, dass 49 Prozent nicht für ihn gestimmt haben. Amerika hat sich zur Wirtschaftsmacht entwickelt, indem es Schwarze Menschen für minderwertig erklärt hat, indem es sie versklavt hat. Diese Empfindungen, diese Dunkelheit werden nicht verschwinden, nur weil 51 Prozent für einen Schwarzen stimmen.

Welche Rolle hat es denn im öffentlichen Diskurs gespielt, dass Obama selbst nicht von Sklaven abstammt?

Ich kann mich vage daran erinnern, dass es im Wahlkampf thematisiert wurde. Aber mir war und ist es egal. Dem amerikanischen Rassismus ist es schließlich auch egal. Es ging immer nur darum, dass Obama schwarz ist.

Haben Sie von der Serie „Confederate“ gehört, die die Macher von „Game of Thrones“ entwickeln sollen?

Oh ja, das habe ich.

In der Serie soll es darum gehen, wie es heute wäre, wenn die Konföderierten Staaten weiterexistieren würden und die Sklaverei nie abgeschafft worden wäre. Was halten Sie von dieser Idee?

Ich will dazu nur zwei Dinge klarstellen. Erstens: Viele Amerikaner müssen sich das gar nicht vorstellen. Denn sie glauben ja daran, dass es die Konföderierten immer noch gibt und gehen mit ihrer Flagge stolz auf die Straße. Zweitens: Ich finde, das ist eine sehr dumme Idee. Und nach „Game of Thrones“ kann ich nur sagen, dass die Macher dieser Serie keinerlei Glaubwürdigkeit mehr haben, was die Darstellung von People of Color angeht.

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