Computer komponiert klassische Musik

Die Mozart-Maschine

Seit 2010 komponiert „Iamus“ Kammermusik. Nichts Besonderes? Doch. Der Künstler ist ein Hochleistungscomputer.

Eigenwilliger Musiker, eigenwillige Form: Superrechner Iamus.   Bild: Melomics

Commander Data aus der US-Serie „Star Trek – The Next Generation“ konnte mit der Violine tausende Stücke spielen. Üben musste der Android dafür nicht. Zu Eigenkompositionen reichte es auf der Enterprise nicht. Was Data verwehrt blieb, kann Iamus schon heute. 

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Der Superrechner – benannt nach einem Sohn des griechischen Gottes Apollo, der mit Vögeln sprechen konnte – wurde 2010 an der Universität Málaga in Andalusien entwickelt. Iamus komponiert selbst. Er besteht aus 1.600 Prozessorkernen, hat  sieben Terabyte RAM und die Rechenleistung von etwa 500 modernen PCs. Füttert man Iamus mit Parametern wie Stimmung, Instrumenten und einer zeitlichen Vorgabe, spuckt die Maschine kurze Zeit später eine fertige Partitur aus.

Das System, mit dem der Hochleistungsrechner arbeitet, heißt Melomics und basiert auf einem speziellen Algorithmus. So entstehen immer wieder neue Melodien, sogenannte „Mels“. Der digitale Komponist basiere auf der Bionik (Übertragung der Phänomene der Natur auf die Technik), sagt der Computer-Wissenschaftler Francisco Vico: „Iamus ist das Ergebnis der Verbindung von der Evolutionstheorie, Entwicklungsprozessen und den formalen Regeln der zeitgenössischen Musik. Diese Kombination der Teildisziplinen ist der Hauptgrund, dass Iamus Musik nicht kopiert, sondern eigene Stücke komponiert und seinen eigenen Stil schafft.“

Im Sommer 2012 wurde im andalusischen Málaga zum 100. Geburtstag des britischen Mathematikers und Computer-Pioniers Alan Turing das Iamus-Stück „Hello World“ für Klavier, Klarinette und Violine uraufgeführt. Per Livestream ging das Kammerkonzert hinaus in die Welt. 

Turing-Test

Die britische Tageszeitung Guardian ging anschließend der Frage nach, ob Iamus den sogenannten „Turing-Test“ besteht. Können verschiedene Testpersonen  heraushören, ob es sich bei der abgespielten Musik um ein Iamus-Produkt handelt oder um eine von Menschenhand geschaffene Kompostion? Das Ergebnis: Der Unterschied sei nicht zu hören. Der Freitag meldete damals Skepsis an.

Vico und sein Forscherteam treiben fernab der Diskussion nun die Entwicklung an der Universität Málaga weiter voran. Das nächste Projekt ist Melomics109, ein Computer, der Musik entwickelt, die für jedermann zugänglich sein soll. Vico sieht darin einen großen Vorteil: „Jeder wäre in der Lage, seine eigene lizenzfreie Musik im Internet zu kaufen und zu besitzen.“ In Deutschland wäre das eine Alternative zur von der GEMA lizensierten Musik.

Der Wissenschaftler hat sich zudem ein Verkaufskonzept ausgedacht: „Unserer Vorrat an klassischer Musik, die Iamus entwickelt, könnte einen dramatischen Wechsel in der Musikindustrie herbeiführen, weil jeder in der Lage wäre diese tantiemenfreien Kompositionen zu kaufen und runterzuladen. Der Preis würde sich dann nach der Komplexität der Kompostionen richten. Genauer: nach der Größe des digitalen Midi-Formats (99 US-cent/Kb).“ 

Die Forscher um Vico wollen den Iamus-Rechner weiter verbessern, aber der Fokus richtet sich auch auf die Verbreitung der Musik. Eine US-amerikanische Firma namens Melomics Media ist gerade dabei, die Musik von Iamus zu kommerzialisieren und auf den Markt zu bringen. Seit September 2012 ist die Iamus-CD zu haben

„Beeindrückend“, aber nicht „berührend“

Aber ob die Digital-Kompositionen sich gegen ihr „menschliches“ Pendant durchsetzen können, ist fraglich. Der saarländische Komponist, Produzent und Musiker Frank Nimsgern ist zwar von den Klavierstücken, die Iamus schuf „beeindruckt“, aber „berührt“ haben sie ihn nicht. Ein entscheidender Nachteil des Computers sei, dass ihm die emotionale Intelligenz fehle und „kein Gefühl der Wärme“ aufkomme, wenn man sich die Stücke anhört.

Die Stücke erinnern ihn an die Etüden von Johann Sebastian Bach, dessen Kompositionen stark von der Mathematik beeinflusst waren. Nimsgern mangelt es bei den Iamus-Stücken an Persönlichkeit : „Man kann meistens den Komponisten heraushören, weil seine Persönlichkeit sich auch in den Stücken widerspiegelt.“

Ähnlich sieht es der Berliner Musikprofessor Hartmut Fladt, der Musiktheorie an der Universität der Künste lehrt: Zwar seien computergenerierte Technologien sehr nützlich, allerdings werde der Computer nie kreatives Komponieren „ersetzen“ können. „Darüberhinaus würde der Verzicht auf Individualität und Kreativität den Computer als komponierenden Klischee-Erfüller vorprogrammierter Bestandteile einsetzbar machen.“

Sind Computer-Kompositionen kreativ? Emotionen oder Persönlichkeit kann eine Maschine – bis jetzt – nicht entwickeln. Ein Problem, das Violinensolist Commander Data zur Genüge kannte. 

 

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