Das war der 100. taz.salon

Ganz schön schön hier

Die taz.nord hat ihren 100sten taz.salon gefeiert. Unter dem Titel „Ganz schön fremd hier“ wurde einen Tag lang diskutiert, gefeiert und getrunken.

Geschlechterrollen verhandeln jenseits trockener Diskurse: „Das Gender_Ding“ von der Gruppe Hajusom beim 100. taz.salon Bild: Miguel Ferraz

Im Eingangsbereich vom Kulturhaus 73 im Hamburger Viertel Sternschanze herrscht am Sonntag ein kleines Gewusel. Vor der Kasse hat sich eine Schlange gebildet, drinnen werden Stühle gerückt, taz-Redakteure laufen hin und her und erledigen letzte Kleinigkeiten. Drinnen teilen sich schon mal die Gäste auf die in verschiedenen Räumen – oben im großen Saal, im kleineren Salon, unten im Foyer und in der Bar Jolly Jumper – parallel stattfindenden Podiumsdiskussionen auf.

Eine mit Wellen bemalte Treppe hinauf geht es in den Salon. Dort sind die Fenster nach der ersten Debatte „Familienkrach in der taz – dürfen Linke Obergrenzen fordern?“ weit geöffnet und frische, leicht regenfeuchte Luft strömt herein. Sie kühlt die mollige Wärme drinnen und mildert diesen Geruch, wie er nur durch einen Raum voller Menschen entstehen kann. Er vermittelt irgendwie Gemütlichkeit in all seiner Sauerstoffarmut.

Auf den Stühlen und Barhockern tummeln sich bereits einige Gäste, die sich die Debatte „Ihr macht es uns schwer – von der Schwierigkeit, deutsch zu werden“ anhören wollen. Neuankömmlinge versuchen, noch einen Sitzplatz zu ergattern, nicht allen gelingt es. Die Gäste sind jeglichen Alters: vom Säugling bis zum komplett ergrauten Rentnerpaar.

Die BesucherInnen des 100. taz.salon erobern das Kulturhaus 73 Bild: Miguel Ferraz

Auf der Bühne stehen ein Sofa und ein Sessel, die Gäste haben bereits Platz genommen. Unter ihnen ist die Autorin Rasha Khayat, die als Kind lange in Saudi-Arabien gelebt hat. Sie beschreibt, wie problemlos ihre Mutter dort als Araberin akzeptiert wurde, obwohl sie blond und blauäugig ist und natürlich wahnsinnig auffällt. „Sie wurde von Außenstehenden für ein angeheiratetes Familienmitglied gehalten, was sie ja auch war. Fragen nach ihrer Herkunft oder Komplimente, wie toll sie doch arabisch spreche, musste sie sich nie anhören.“

Schriftstellerin Lena Gorelik weiß auf die Frage, was denn deutsch sei, eine schlichte Antwort: „Die Frage ist es schon. Und, dass wir hier sitzen und darüber diskutieren.“ Lacher aus dem Publikum. Sie fügt auf Nachfrage hinzu, dass zum Beispiel Frankreich die Grenze zwischen dem Noch- und dem Nicht-mehr-Französischem viel genauer kenne, weshalb man Debatten wie diese hier dort gar nicht führe. Es herrscht eine schöne Atmosphäre, heiter und gelöst, das Gespräch auf dem Podium ist ebenso lebendig wie die Resonanz des Publikums.

Ganz anders sieht es im großen Saal aus, es ist der größte Raum des Kulturhauses, die Zuschauer sitzen und stehen dicht gedrängt. Es geht um die Silvester-Übergriffe in Köln, um das Schweigen der linken Szene, die in einem Konflikt zwischen Rassismus und Feminismus gefangen ist, und um die Suche nach einer gelungenen Aufarbeitung der Vorfälle. Doch das scheint nach wie vor heikel zu sein.

Publikum und Podium im regen Austausch bei der Veranstaltung “Ihr macht es uns schwer - von der Schwierigkeit, deutsch zu werden„ Bild: Miguel Ferraz

Die beiden Gäste sind Feministinnen, Alexandra Eul schreibt für das Magazin Emma, Kübra Gümüşay engagiert sich als Bloggerin gegen Sexismus und Rassismus. Obwohl das eine ähnliche Grundhaltung vermuten lässt, wird die Debatte „Angst vorm fremden Mann? – Feministische Perspektiven auf die Silvester-Übergriffe“ zusehends aggressiver geführt.

Es geht in der Debatte der beiden Frauen um die Gefahr, sich instrumentalisieren zu lassen, da die Männer, die in der Kölner Silvesternacht Frauen bedrängten und sexuell belästigten, zu großen Teilen muslimisch, geflüchtet oder beides waren. Aus Sorge, rechte Trittbrettfahrer anzuziehen, sei von linker Seite zu lange geschwiegen und zu wenig verurteilt worden. Dieser Unsicherheit innerhalb des Minenfelds falscher, unkorrekter oder zu schwacher Aussagen müsse man sich stellen,sagt Kübra Gümüşay. Alexandra Eul plädiert dafür, sexualisierte Gewalt auch als Terrorakt wahrzunehmen.

Doch das emotionale Thema führt schnell zu gegenseitigen Anschuldigungen, innerhalb derer zwischenzeitlich vom Du zum Sie gewechselt wird. Viele Zuschauer verlassen den Saal und zurück bleiben leere Stühle. Inzwischen geht es auf dem Podium auch gar nicht mehr um Köln und die Silvesternacht, sondern um Alice Schwarzer, die Verlegerin und Chefredakteuerin von Emma.

Unbekannte Tropfen: taz.salon-BesucherInnen verkosten Weine vom Balkan, aus dem Libanon, Georgien, Tunesien und der Türkei Bild: Miguel Ferraz

Als die Diskussion schließlich für das Publikum geöffnet wird, steht eine Frau in der ersten Reihe auf und kommentiert den Disput der beiden Frauen auf dem Podium über die Frage nach Sexismus im Islam mit den Worten: „Alle Weltreligionen sind patriarchisch organisiert.“ Dafür erntet sie Applaus. Nachdem die Mikrofone auf dem Podium ausgeschaltet sind und die Debatte beendet ist, sieht man die beiden Frauen ihre Diskussion gestikulierend fortsetzen. Wie schwer es ist, über die Silvester-Übergriffe zu diskutieren, ist an diesem Tag nochmal sehr klar geworden.

Doch es wird nicht nur diskutiert beim 100. taz Salon. AktivistInnen kommen zu Wort, es wird getanzt und Theater gespielt, gesungen und musiziert. Im Jolly Jumper wird unter dem Titel „Unbekannte Tropfen“ auch Wein verkostet. Durch einen mit Schwarzlicht beleuchteten Gang gelangt man in den schwarz gestrichenen Raum. Die Wände sind mit lauter Stickern beklebt, in der Mitte warten gedeckte Tische mit weißen, gestärkten Tischdecken. Diese Kombination passt eigentlich überhaupt nicht und hat gerade deshalb seltsamen Charme.

Der Autor und Weinkenner Christoph Raffelt schickt die Besucher mit Weinen aus dem Balkan auf eine geschmackliche Reise durch Osteuropa, dazu werden Oliven und Brot gereicht. Wenn jemand zu spät noch in den Raum gestolpert kommt, rutschen die Leute zusammen und machen Platz auf der Bierbank.

SARAH MAHLBERG, Autorin der taz