Die Polizeidirektion Hannover hat über Facebook nach Verdächtigen gesucht - mit großer Resonanz. Der Landesdatenschutzbeauftragte protestiert. Die Suche ist ausgesetzt.von Daniel Kummetz

Es regierte das Schneeballprinzip: Auf Facebook konnte die Polizei Hannover bisher öffentlich nach Verdächtigen fahnden. Damit ist erstmal Schluss. Bild: dpa
HAMBURG taz | Die Pressestelle der Polizeidirektion Hannover war stolz auf ihr Facebook-Pilotprojekt: Sie waren Vorreiter, Vorzeigebehörde und Reichweiten-Könige mit ihrem Auftritt in dem sozialen Netzwerk. Acht Fälle hätten mit Tipps von Facebook-Nutzern gelöst werden können, berichteten die Öffentlichkeitsarbeiter gern. Denn seit März 2011 verbreiten die Beamten dort vor allem Fahndungsaufrufe. Doch damit ist seit Freitag erstmal Schluss. Sie veröffentlichen nun keine "personenbezogenen Fahndungen" mehr bei Facebook.
Die Facebook-Gruppe der Polizeidirektion Hannover ist mächtig. Über 96.000 Nutzer des Netzwerks sind sogenannte "Fans". Die meisten sehen die aktuellen Mitteilungen der Polizei auf ihrer Startseite bei Facebook und verbreiten sie weiter. Dann sehen diese Meldungen auch ihre Freunde, die keine Anhänger der Ermittler sind. Das Schneeballsystem beginnt. Den Fahndungsaufruf zu einem Mordfall an einer Studentin haben über 57.000 Nutzer an ihre eigenen Freunde weiter verbreitet.
Der Grund für den Stopp dieser Fahndung: Der Landesdatenschutzbeauftragte Joachim Wahlbrink hatte von Anfang an Bedenken gegen das Projekt geäußert - und sie in einem Gespräch im niedersächsischen Innenministerium vergangene Woche vorgetragen. Seine Auffasung ist klar: Die Polizei dürfe bei Facebook mit seinen Rechnern in den USA keine personenbezogenen Daten einstellen, weil dafür die gesetzliche Grundlage fehle. Denn: "Für die Datenübermittlung einer Behörde in ein Nicht-EU-Land braucht es eine ausdrückliche klare Erlaubnis im Gesetz", sagt Michael Knaps, Pressesprecher beim Landesbeauftragten für den Datenschutz. Die Polizei argumentierte hier bisher mit dem Paragraphen aus der Strafprozessordnung, der allgemein die Öffentlichkeitsfahndung erlaubt. Allerdings ist auch diese unter Juristen umstritten - es geht oft nur um Verdächtige und kann stigmatisierend für den Betroffenen sein.
Die Polizeidirektion Hannover ist nicht die einzige Behörde, bei der es ein Experiment mit Facebook-Fanseiten gab. Öffentlichkeitsfahndung über soziale Netzwerke haben auch folgende Polizeieinheiten betrieben:
Kriminalpolizei Bremerhaven
LKA Mecklenburg-Vorpommern
Polizeiinspektion im niedersächsischen Landkreis Harburg
Das Bundeskriminalamt etwa bittet um Hinweise zu den Rechtsterroristen auf seiner Facebook-Seite.
Niedersachsen evaluiert im Moment seine Pilotprojekte - die datenschutzrechtliche Prüfung gehört dazu. Wenn sie vorliegt, will das Innenministerium eine landesweite Online-Strategie der Polizei vorstellen.
Doch diese allgemeine Erlaubnis zur Öffentlichkeitsfahndung reiche nicht aus, um sie auch auf Facebook zu betreiben, sagt Knaps. Er macht auf praktische Probleme aufmerksam: "Wie können Bürger dafür sorgen, dass ihre Daten wieder aus dem Netz verschwinden, wenn sie glauben, dass zu Unrecht nach ihnen gesucht wird?" Die Vernichtung der Daten durchzusetzen, sei gar nicht so einfach. "Daran zu glauben, dass Facebook löscht, ist naiv." Daten würden verborgen und nicht gelöscht.
Das Innenministerium will das nun noch mal prüfen und hat Polizei-Juristen an die Bewertung gesetzt. Die Pressestelle spricht von "unterschiedlichen Rechtsauffassungen". Ende Januar oder Anfang Februar wisse man mehr. Es gebe sehr verschiedene juristische Kommentare und Gerichtsurteile zur Öffentlichkeitsfahndung.
Der Landesdatenschutzbeauftragte ist sich seiner Sache sehr sicher. Man habe ausgiebig geprüft, verkündet sein Sprecher. "Meine Phantasie reicht nicht aus, dass das Innenministerium zu einer anderen Einschätzung kommt als wir", sagt Knaps. Doch so richtig stark drohen kann der Datenschutzbeauftragte den Behörden in Niedersachsen wiederum auch nicht: Ihm fehlen die Sanktionsmöglichkeiten. Die schärfste Waffe, die er gegenüber Behörden hat, ist eine förmliche Beanstandung.
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Facebook sammelt riesige Datenmengen. Und will immer mehr von seinen Nutzern wissen. Datenschützer sind entsetzt. Denn niemand weiß, wie viel und was Facebook tatsächlich speichert.
Und Facebook dient keineswegs dem Nutzer. Denn nicht die Profilbesitzer sind die Kunden, sondern die Werbeindustrie. Zuckerberg will ein perfektes System für die Werbung schaffen. Eine Empfehlung von Freunden ist mehr Wert als jede Plakatanzeige, jeder Werbespot und jede Printreklame.
Die Reichweite von Facebook kann sich sehen lassen: Mehr als 800 Millionen Menschen aus aller Welt und mehr als 20 Millionen Deutsche nutzen die Social-Network-Plattform. Damit hält Zuckerbergs Firma bei jungen Menschen fast schon ein Monopol und verdrängte Konkurrenten wie "Studivz". Wer seine Kontakte und Freundschaften – vor allem international – pflegen will, ist gewissermaßen auf das soziale Netzwerk angewiesen.
Im Schwerpunkt "Datenkrake Facebook" sollen Artikel über den Kampf der User um ihre gespeicherten Daten bei Facebook zusammengefasst werden. Die taz dokumentiert dabei den österreichischen Jura-Studenten Maximilian Schrems, der bei Facebook nachhakte, Kampfgeist zeigte, nicht locker ließ und am Ende mit der Zusendung vieler Daten, die Facebook von ihm speicherte, quasi "belohnt " wurde.
Die Facebook-Grafiken im Detail:
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Schmuckbild: spacejunkie / photocase.com
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
24.03.2012 13:57 | KFR
schlimmer ist der Verstoss gegen EUGH. Urteil und Gesetze der BRD ,dass eine "Pranger" grundsätzlich untersagt ist. ...
24.03.2012 13:57 | hans
Schade, dass nützliche Dienste, welche Unklarheiten des Gesetzes / Datenschutzes nutzen, meist schneller entfernt werden, a ...
23.01.2012 23:53 | sigibold
Liest sich so als wäre es "XY Ungelöst" in der Internetfassung. Arbeitet der Landesdatenschutzbeauftragte im Nebenjob beim ...