Design

Kunsthandwerk im Elbrausch

Mit der "Kunsthaltestelle" betreibt Gisela Aguirre eine Schaltstelle für die kreative Szene in Hamburg. Sie selbst steht auf Knöpfe und hat daraus eine Marke gemacht.

Kreative Schaltstelle: Die Kunsthaltestelle im Hamburger Karoviertel.  Bild: Kunsthaltestelle

HAMBURG taz | Alles an Gisela Aguirre sprudelt. Die Worte aus ihrem Mund, ihre Energie, ihre Ideen. Sie ist bekennende Netzwerkerin und bietet in ihrer „Kunsthaltestelle“ im Hamburger Karolinenviertel Kreativen die Möglichkeit, ihre Werke auszustellen, zu verkaufen oder in Workshops Interessierten näher zu bringen.

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Aufgewachsen ist Aguirre in Argentinien, wo ihre Mutter einen Laden für Nähutensilien betrieb. „Ich habe einen Knopftick“, sagt sie. „Schon als Kind habe ich mit geschlossenen Augen Knöpfe sortiert und Paare ertastet.“ Später ist sie nach Hamburg gezogen und ihre Leidenschaft ist eingeschlafen. Wahrscheinlich hatte sie aber einfach zu viele andere Baustellen.

Ihr ehemaliger Partner Tito veranstaltete verschiedene Musikevents und irgendwann beschlossen die beiden, dass man dazu auch mal befreundete Künstler einladen könne, die ihre Werke dort ausstellen sollten. Damit wurde das „Elbrausch Art Kollektiv“ aus der Taufe gehoben – eine Plattform für Designer, Künstler und Kreativhandwerker. Gemeinsam mit Tito organisierte Gisela monatlich Designmärkte an angesagten Plätzen wie der Dachterrasse des Übel und Gefährlich an der Feldstraße oder dem Aplanat-Fotostudio.

Anfang Mai hatten die heimatlosen Wanderjahre ein Ende. Mit der Kunsthaltestelle bekam das „Elbrausch Art Kollektiv“ einen festen Standort. Den Laden in der Marktstraße 147 teilt Gisela Aguirre schwesterlich mit ihrer Geschäftspartnerin Christina Schelhorn von Re-Design. Diese fertigt Kleider aus alten Vorhängen, Tischdecken oder Bettwäsche. Jedes ein Einzelstück. Die Etiketten dafür bastelt sie aus Postkarten.

Gemeinsam bieten die Frauen an jedem Dienstag den „Näh dich glücklich“-Abend an. Dort lernen Anfänger und Fortgeschrittene, eigene Stücke zu produzieren. Die Kunsthaltestelle bietet aber noch vieles mehr. Im großen Garten hinter dem Laden finden regelmäßig Workshops statt.

Agenturchefin Johanna Budzier bietet Büro-Organisationskurse für Chaoten an, Kreative lernen, ihre eigenen Werke fotografisch in Szene zu setzen, und die „Druck Dealer“, Nachbarn aus der Marktstraße, vermitteln Interessierten ihre Leidenschaft für das Siebdrucken auf Papier und Textil. Darüber hinaus werden Spanischkurse angeboten.

„Es macht mir Freude, gemeinsam mit anderen kreativ zu sein und mich von anderen Menschen inspirieren zu lassen“, sagt Gisela. Sie lacht dabei. Sie lacht eigentlich immer und sprüht vor Tatendrang. Kein Wunder, dass so viele Kreative mit ihr zusammenarbeiten wollen.

Mehr als 800 hat sie in ihrer Kartei. Wann immer sie eine neue Idee hat, schreibt sie die Künstler an, um sie zum Mitwirken zu bewegen. Zudem verkauft sie deren Sachen in der Kunsthaltestelle: Taschen, Schals, Bildkunst, Schmuck oder selbst gemachte Seifen – hier findet jeder Kleinode zum Verschenken, oder besser: zum Selbstbehalten.

Auch die Kreationen der Hamburger Designerin Sylvia Doria gibt es in der Kunsthaltestelle zu kaufen. Neben quietschbunten Schals, blumigen Röcken und warmen Wollmützen näht sie auch Yoga-Taschen nach den besonderen Wünschen der Kunden. Spezielle mit Reis und Lavendel gefüllte Augenkissen gehören ebenfalls zu ihrer Kollektion und sorgen für Entspannung. „Außerdem trösten sie“, verspricht Gisela Aguirre.

Sie hat zu jedem Stück aus dem Sortiment und dem dazugehörigen Label eine Geschichte zu erzählen. „Das Streetart-Hamburg-Zwillingsspiel“, sagt sie, „geht weg wie warme Semmeln.“ Eine Viertelstunde später wird sie es an eine Dame verkaufen, die händeringend nach einem Geschenk gesucht hat.

Das Memory mit den unkonventionellen Motiven hat sich „Herr Fuchs“ ausgedacht – mitnichten ein Mann. Hinter dem Markennamen steht Anna Kuhnt, eine Hamburger Deern. Das spiegelt sich in den Motiven auf ihren handbedruckten und -bestickten Taschen, Kissen, Tellern und T-Shirts wider: Anker, Leuchttürme, Seemannsbräute, Möwen. Herr Fuchs und Gisela haben sich auf einem der „Elbrausch Art Kollektiv“-Märkte kennengelernt. „Und weil ich die Sachen so schön finde, verkaufe ich sie jetzt hier im Laden“, sagt sie.

Sie verkauft aber nicht nur die Sachen anderer. Die Argentinierin hat mittlerweile ihr eigenes Label. Nach der Geburt ihrer Tochter Amalia vor zwei Jahren bekam Gisela von einem Mann zwei alte Keksdosen, randvoll mit Knöpfen, geschenkt. Damit war ihre Leidenschaft wieder geweckt und sie machte sich daran, Lätzchen zu nähen, mit Knopf versteht sich. Inzwischen fertigt sie auch Broschen, Ohrringe und Ringe. Gisela Aguirres Label heißt „Hecho con Liebe“ also „Mit Liebe gemacht“.

 
03. 07. 2012

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