Deutsch-türkische Beziehungen

Ungewohnte Töne aus Ankara

Nazivergleiche dominierten letztes Jahr türkische Medien. Dass Deutschland nun als Partner beschworen wird, liegt nicht nur an der Wirtschaftskrise.

„Weiblicher Hitler“, titelte die regierungsnahe Zeitung Güneş am 17. März 2017 Foto: dpa

„Danke für die Unterstützung von deutscher Seite“, lautet eine der Schlagzeilen auf der Titelseite der Milliyet, einer der größten Zeitungen des Landes, am 14. August. Die ehemals liberale Zeitung glänzt seit ihrem Verkauf an das regierungsnahe Unternehmen Demirören in diesem Jahr mit durchweg unkritischer Berichterstattung.

Aber das sind dann doch ziemlich verblüffende Aussagen: Berat Albayrak, Finanzminister und Schwiegersohn des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan hat in dem Artikel nur warme Worte für Deutschland übrig. „Politiker, die wohlwollend handeln und die Kraft der Diplomatie schätzen, werden das Vertrauen beider Länder stärken.“ Andere Blätter wie die linksnationalistische Aydinlik titeln am gleichen Tag Schlagzeilen wie „An unserer Seite gegen die USA“ und zeigen dabei ein Bild von Angela Merkel.

Die Bundeskanzlerin und Wirtschaftsminister Peter Altmaier, aber auch SPD-Politiker wie Andrea Nahles hatten sich in den Tagen zuvor für eine Unterstützung der türkischen Wirtschaft ausgesprochen. Die deftige Krise zwischen der Türkei und Deutschland im vergangenen Jahr scheint sich – wenn es nach den regierungsnahen Blätter geht – in Luft aufgelöst zu haben.

Das Tauwetter zwischen den beiden Ländern machte sich bereits zaghaft Anfang des Jahres mit dem Besuch des Außenministers Mevlüt Çavuşoğlu im Privathaus seines damaligen Amtskollegen Sigmar Gabriel mit einer Teezeremonie bemerkbar. Regierungsnahe türkische Zeitungen begrüßten die Geste als „unvergesslichen Moment“ und „höfliches Benehmen“. Im Februar kam überraschend der Welt-Korrespondent Deniz Yücel frei. Je schlechter die Beziehungen mit den USA wurden, die derzeit wohl einen Tiefpunkt erreicht haben, desto mehr versucht die türkische Regierung die Beziehungen zu Deutschland wieder aufzuwärmen.

Teeservice und Flüchtlingsdeals

Zuletzt hatte Angela Merkel Anfang 2016 solch eine positive türkische Berichterstattung, als sie wiederholt die Türkei besuchte, um den Flüchtlingsdeal abzuschließen. Während dieser Phase berichteten die regierungsnahen türkischen Zeitungen und Fernsehkanäle über die gute Beziehung zwischen dem damaligen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu und Kanzlerin Angela Merkel. Kriegsgegner, Migrationsexperten und demokratische sowie oppositionelle Kreise in der Türkei bezeichneten den zustandegekommenen Konsens hingegen als „Deal auf dem Rücken der Geflüchteten“.

Die gute Beziehung hielt aber nicht lange an. Schon im Juni 2016, nur wenige Monate später also, war das Verhältnis wieder angeschlagen. Der Grund für das Zerwürfnis war die Anerkennung des Genozids an den Armeniern im Bundestag. Am Tag darauf brachte das regierungsnahe Blatt Star ein großes Foto von Angela Merkel mit Hitlerbart auf der Titelseite. Cem Özdemir, der den Antrag in den Bundestag einbrachte, wurde als „verräterischer PKK- und Armenier-Freund“ bezeichnet. In der Unterzeile wurde Erdoğan zitiert: „Das wird sich schwerwiegend auf unsere Beziehung auswirken.“

Nach dem Putschversuch am 15. Juli 2016 verschärfte die Forderung der Türkei, die nach Deutschland geflüchteten Militäroffiziere auszuliefern, die Krise zwischen den beiden Ländern. Die regierungsnahe Zeitung Takvim titelte in Anspielung auf die in der Türkei als „FETÖ“ bezeichnete Gülen-Bewegung „FETÖNAZI“.

In Nazi-Uniform druckte die regierungsnahe Zeitung Güneş am 17. März 2017 in einer Fotomontage Angela Merkel und titelte: „Die hässliche Tante“. Deutschland unterstütze die Terrororganisation PKK, um die Türkei zu schwächen, hieß es hier. Die Begründung für diese These liefert die Zeitung gleich mit: „Deutschland erträgt unseren Aufstieg nicht. Sie haben ein Problem mit dem dritten Flughafen, den wir bauen.“

Deutschland sei schuld

Der Kanon der regierungsnahen Medien lautete im vergangenen Jahr durchweg, dass der Grund für die Krise von Deutschland ausgegangen sei.

Die Zeitung Akşam entwarf am 13. Januar 2018 aus der Verbindung eines deutschen und türkischen Worts diese Schlagzeile: „Dummkopf Koalisyonu“. So wollte man die Leser in dem Artikel glauben machen, dass sich der Bundestag, der monatelang keine Koalition bilden konnte, gegen die Türkei verbündet habe.

Etwas unerwartet beschritt die Türkei aber auch mit den USA einen Stolperpfad. Die Inhaftierung des amerikanischen Pastors Andrew Craig Brunson führte schließlich zu sogar zu Wirtschaftssanktionen durch die USA – ein Katalysator für die türkische Währungskrise. Erdogan präsentierte einen haarsträubenden Rettungsplan. „Wir haben keinen Dollar, dafür Allah.“ Viele Zeitungen übernahmen diesen Lösungsvorschlag und füllten ihre Seiten mit dieser Zeile.

Jubelten regierungsnahe Zeitungen noch bei der Wahl von Donald Trump und glaubten mit Titeln wie „Uns geht es so gut wie noch nie“, die türkisch-amerikanische Partnerschaft könne nichts gefährden, so sind auf den Titelblättern Loblieder auf die USA dieser Tage kaum noch zu lesen. Stattdessen liest man wieder zarte Nachrichten über eine erneute deutsch-türkische Annäherung.

Wie lange das so bleibt, ist schwer zu sagen. Eine vorgezogene Wahl oder eine Entspannung im Verhältnis zu den USA könnte alles auf den Kopf stellen. Angela Merkel könnte jederzeit wieder die „hässliche Tante“ werden.

Aus dem Türkischen Elisabeth Kimmerle und Canset Içpınar

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