Die Bedeutung fossiler Brennstoffe

Öl und Gas sind zu schade zum Heizen

Der Weltzukunftsrat hat ausgerechnet, dass fossile Brennstoffe zu wertvoll für die Energieversorgung sind. Die chemische Industrie braucht sie vielfach als Grundstoff.

Gas ist zu wertvoll zum Verfeuern, sagt der „Weltzukunftsrat“.   Bild: ak74/photocase.com

BERLIN taz | Mit einem neuen Blick auf alte Probleme will der „Weltzukunftsrat“ (World Future Council, WFC) die Debatte um die internationale Energiewende voranbringen. Die fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle sind nach Ansicht des WFC viel zu wertvoll als Grundstoffe für die chemische Industrie, um sie zu verfeuern. Zudem verursache die Vernichtung dieser Ressourcen durch Verbrennung weltweit jeden Tag einen Schaden von rund 7 Milliarden Euro.

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Das ist das Ergebnis eines bisher unveröffentlichten Papiers des WFC, das der taz vorliegt. Wirtschaftswissenschaftler stehen den Resultaten allerdings kritisch gegenüber. Der Zukunftsrat ist eine einflussreiche Gruppe von Wissenschaftlern und Politikern rund um den Stifter des alternativen Nobelpreises, Jakob von Uexküll.

Das WFC-Papier „Die monetäre Bewertung der Nichtnutzung von erneuerbaren Energien“ geht davon aus, dass Öl, Gas und Kohle durch Verbrennung in der Zukunft nicht mehr für „vielfältige, nichtenergetische Produktionsprozesse“ zur Verfügung stehen.

So basieren etwa viele Artikel der chemischen Industrie, die Herstellung von Kunststoffen, Arzneien oder Computerteilen, auf Ölprodukten, die nicht durch andere Stoffe ersetzt werden können. Bei der Strom- und Wärmeproduktion kann statt Öl, Gas und Kohle allerdings durchaus Energie aus Wind, Sonne und Wasserkraft eingesetzt werden, argumentiert der WFC. Bislang wurden die Kosten des fossilen Energiesystems vor allem als die Schäden aus Klimawandel und Luftverschmutzung berechnet. 

Realsitisches Preisschild ausweisen

Solche „externen Kosten“, die sich kaum in der Preisgestaltung für Öl, Gas und Kohle wiederfinden, betragen nach verschiedenen Kalkulationen zwischen 14 und 300 Dollar pro Tonne Kohlendioxid. Mit der aktuellen Berechnung versucht der WFC jetzt zum ersten Mal, für den Verlust von künftigen Rohstoffen ein realistisches Preisschild auszuweisen.

Bei ihrer Abschätzung kommen die WFC-Aktivisten auf enorme Summen. Sie haben Deutschland als hochentwickeltes Industrieland zum Maßstab genommen: Hier werden bis zu 17 Prozent des Öls, bis zu 5 Prozent des Gases und bis zu 0,8 Prozent der Kohle zu anderen Zwecken als dem Verfeuern eingesetzt. Rechnet man diese Verhältnisse weltweit hoch, kommt man auf einen Wert von bis zu 2,7 Billionen Euro jährlich.

Die Summe müsste in die aktuellen Marktpreise als Schaden für die Zukunft eingerechnet werden, meinen die Autoren der Untersuchung. „Jeder Tag, an dem dies nicht geschieht und wertvolle fossile Rohstoffe durch rein energetische Verwertung vernichtet werden“, heißt es in der Studie, „verursacht einen zukünftigen Nutzerausfall von etwa sieben Milliarden Euro durch die Zerstörung von Naturkapital“.

Die Rechnung berücksichtigt nicht den künftigen Preisanstieg für die fossilen Energien – aber auch nicht, dass der Preis für Öl, Gas und Kohle drastisch sinken würde, wenn sie nicht mehr als Brennstoffe nachgefragt würden. Die Ökonomen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, die sich auch mit den Fragen von Energiewirtschaft beschäftigen, konnten auf Nachfrage der taz keine Bewertung der Berechnungen des WFC abgeben.

Keine umfassende wissenschaftliche Untersuchung

Auch die Experten des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln (EWI) wollten die Rechnungen nicht kommentieren. Jochen Diekmann, Vizechef der Energieabteilung beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), ist skeptisch: „Man müsste dafür nachweisen, dass die Knappheit der fossilen Ressourcen für den nichtenergetischen Verbrauch jetzt vom Markt nicht abgebildet wird.“

Eigentlich müsse man aber davon ausgehen, dass die Nachfrage etwa der chemischen Industrie nach Öl bereits jetzt im Preis berücksichtigt sei. Der Autor der WFC-Studie, Matthias Kroll, räumte auf Nachfrage der taz ein, dass es sich bei dem Papier nicht um eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung handelt.

Eher gehe es dem WFC darum, einen bislang vernachlässigten Aspekt ins Licht zu rücken. „Immer wieder wird über die angeblich hohen Kosten von erneuerbaren Energien geklagt“, kommentiert Jakob von Uexküll. „Stattdessen muss gefragt werden, wie viel es die Menschheit kostet, wenn wir die erneuerbaren Energien nicht nutzen.“

 

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