Die Brüche zweier Weltkriege

Eine, die sich den Farben hingab

Eine Retrospektive in Hannover widmet sich dem Gesamtwerk der Künstlerin Gabriele Münter.

Winterlandschaft. Bild: Münter, 1909

Sie soll in Düsseldorf mit dem Fahrrad unterwegs gewesen sein – in Hosen. Für eine Frau war das Ende des 19. Jahrhunderts nicht selbstverständlich. Ebenso wenig wie die künstlerische Entwicklung von Gabriele Münter (1877-1962). Sie fing früh an zu zeichnen, zog für ihre Ausbildung als 20-Jährige von Koblenz nach Düsseldorf – weit weg von ihrer Familie. Ein Jahr später brach sie zu einer zweijährigen Amerikareise auf, nur in Begleitung ihrer älteren Schwester. Münters früh verstorbene Eltern kamen von dort, Verwandte und Kontakte gab es noch. Während der Reise entstanden viele Skizzen und auch Fotografien. Münter nutzte sowohl die Zeichnung als auch die Fotografie für Vorstudien ihrer Gemälde und Druckgrafiken.

Die Stiftung Ahlers Pro Arte widmet sich in der Retrospektive „Kontur, Farbe, Licht: Das Wesentliche zeigen“ Münters Gesamtwerk, von ihrer experimentellen Münchner Zeit über ihre Zeit im Exil bis hin zum Spätwerk. Die Stiftung zeigte in Hannover bereits 2008 in der Ausstellung „Gabriele Münter: Die Jahre mit Kandinsky – Bilder und Fotografien“ die fotografische Seite der in Berlin geborenen Künstlerin.

Nun hat Ahlers Pro Arte 100 Werke Münters zusammengetragen, davon 50 Ölgemälde. Die privat finanzierte Ausstellung ist auch eine Hommage an den 2013 plötzlich verstorbenen Stiftungsgründer Jan Ahlers. Er begegnete Münter als junger Sammler und pflegte einen freundschaftlichen Kontakt mit ihr. Eine Hälfte der gezeigten Werke stammt direkt aus der Sammlung Ahlers, die andere von 20 Leihgebern. Desweiteren geben Postkarten und andere persönliche Gegenstände, auch von der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, einen Einblick in diese Zeit des deutschen Expressionismus.

Aus Amerika zurück ging Münter nach München und landete 1901 – für eine akademische Kunstausbildung waren Frauen nicht zugelassen – schließlich an der Kunstschule „Phalanx“. Diese hatte Wassily Kandinsky mitbegründet. In der Malklasse von Kandinsky begegnete die 24-Jährige der Farbe und lernte die Freilichtmalerei kennen, die er mit seinen Schülern in der bergigen Seenlandschaft rund um Kochel am See pflegte. Ihre Sehweise und die Flächenaufteilung hatte Münter schon durch das Zeichnen und Fotografieren trainiert, nun konnte sie sich der Wirkung der Farben hingeben, gut bereits zu sehen in „Ansicht bei Murnau“ (1903-1905). Kandinsky schrieb ihr: „Du bist hoffnungslos als Schüler – man kann dir nichts beibringen“ und weiter: „Du hast alles von Natur“. Münter verlobte sich 1903 mit ihm, weil Kandinsky noch nicht geschieden war, allerdings nur heimlich. Sie lebte mit ihm bis zu ihrer Trennung 1914 – unverheiratet – zusammen.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, floh Gabriele Münter ins neutrale Schweden – ohne ihren Partner Wassily Kandinsky

Münter und Kandinsky reisten viel, nach Holland, Tunesien, Italien. Es entstanden erste kleine, pastose und naturalistische Ölgemälde im Stil der Spätimpressionisten, wie „Hafen von Rapallo“ (1906). Dann folgte ein besonders für Münter intensiver Aufenthalt des Paares in Paris. Sechs Gemälde, darunter „Saint-Cloud“ (1906/07), stellte sie 1907 im Salon des Indépendants aus.

Von ihren vielen Druckgrafiken zeigte sie im gleichen Jahr sechs auf dem Salon d’Automne. Anhand von drei farbigen Handdrucken von „Kandinsky“ (1906) wird sichtbar, inwieweit Münter das Porträt auf Linoleum weiter überarbeitete. Außerdem kam sie in Paris mit dem Fauvismus und seinen leuchtenden Farben in Berührung. Sie lernte mit der Gewichtigkeit der Farben zu spielen, wie in dem mit großzügigem Pinselstrich entstandenen Porträt „Kopf eines alten Mannes, Paris“ (1906).

Während eines längeren Aufenthalts im oberbayerischen Murnau am Staffelsee mit dem befreundeten Künstlerpaar Alexej von Jawlensky und Marianne Werefkin verfeinerte und abstrahierte Münter 1908 ihre Malweise. Sie malte flächiger und experimentierte mit kräftigen Farben, die sie durch dumpfe Mischfarben flankierte. Ganz in der Tradition der von ihr geschätzten und gesammelten Murnauer Hinterglasmalerei setzte sie dunkle Trennlinien zwischen die Farbflächen.

1909 kaufte sie Kandinskys „Traumhaus“ in Murnau. Dorthin lud Münter Künstler und Sammler ein, auch war die Zeit von den Ausstellungen und ihrem Mitwirken in der Redaktionsgruppe des Kunst-Almanachs „Der Blaue Reiter“ geprägt. Es entstehen wegweisende Gemälde wie „Seelandschaft mit drei Kugelbäumen“ (um 1909), „Winterlandschaft“ (1909), „Wind und Wolken“ (1910) oder „Das gelbe Haus“ (1911). Kandinsky begann zu dieser Zeit mit seinen ersten abstrakten Arbeiten. Münter hingegen zog die Abstraktion dem Figürlichen vor, auch wenn sie etwa mit „Stillleben mit Vase Nr.2“ (1914) Werke schuf, die rein aus Farbflächen bestehen.

1914, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, flohen Münter und Kandinsky über die Schweiz. Während der Künstler in seine Heimatstadt Moskau zurückkehrte, reiste Münter ins neutrale Schweden. Nur einmal noch besuchte Kandinsky 1915 seine Lebensgefährtin in Stockholm.

Münter fand in Schweden Anschluss an die örtliche Kunst­szene und lernte Schüler des französischen Malers Henri Matisse kennen. Als Mitglied der Redaktionsgemeinschaft „Der Blaue Reiter“ erhielt sie schnell Ausstellungsmöglichkeiten, auch später in Kopenhagen. Die Arbeiten der Zeit sind Radierungen, „Suchende“ (1916) oder „Kinderwagen“ (1916), und flächige Blumenstillleben in Öl, „Blumenstillleben“ (1916).

Als Münter Anfang 1920 nach Deutschland zurückkehrte und erfuhr, dass Kandinsky inzwischen geheiratet hatte, reiste sie zwischen Berlin, München, Murnau und Köln hin und her, ohne festes Atelier. Der Stil ihrer Zeichnungen und Gemälde ist ähnlich unstet. So schuf sie unter dem Einfluss des Berliner Kunstlebens um 1925 eine Reihe mit Nähe zur Neuen Sachlichkeit, wie „Röschen“ (um 1926).

Nach einem erneuten Parisaufenthalt, 1929, und dem Kennenlernen ihres neuen Lebensgefährten Johannes Eichner entdeckte sie die Malerei wieder für sich. In ihrem neuen-alten Domizil in Murnau entstehen mehr als 600 Arbeiten: Landschaften, wie „Häuser im Schnee“ (1933) und Stillleben, wie „Puppe, Katze, Kind“ (um 1937), die an die erste Murnauer Zeit anknüpfen. Während des Nationalsozialismus erhielt Münter Ausstellungsverbot. Nach dem Zweiten Weltkrieg malte sie, um von den Verkäufen leben zu können. Später verhalf Eichner, er war Kunsthistoriker, dem Werk seiner Lebensgefährtin mit Ausstellungen und Publikationen zu Geltung.

Münter hat, wie in der Ausstellung sichtbar wird, eine eigenständige stilistische Entwicklung verfolgt, unabhängig von Kandinsky oder dem „Blauen Reiter“. In ihren Werken zeigt sich ihr offenes Wesen und der Spannungsbogen zwischen förderndem Elternhaus, Ausbildung und Künstlerfreundschaften, aber auch den Brüchen zweier Weltkriege.

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