Digitaler Nachlass

Online nach dem Tod

Wer stirbt, ist noch lange nicht offline. Das Facebook-Profil bleibt, der Mail-Account empfängt Nachrichten – und manchmal schlüpfen Angehörige ins digitale Ich der Toten.

Mit den passenden Zugangscodes können die Hinterbliebenen das digitale Erbe weiter pflegen.   Bild: dpa

WILLICH taz | Marion Horchmer sucht nach der Versicherungskarte ihrer Tochter, nach dem Personalausweis. Mechanisch durchwühlt sie Juliennes Handtasche. Es ist ein heißer Sommertag. Die Sonne scheint durch die Fenster des Einfamilienhauses in Willich bei Düsseldorf. Im Portemonnaie stößt Horchmer auf einen kleinen, gefalteten Zettel. Darauf hat Julienne säuberlich all ihre Online-Passwörter notiert. Für schülerVZ, Wurzelimperium, ICQ und andere Netzwerke. Die Mutter steckt den Zettel einfach ein.

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Marion Horchmer weiß da noch nicht, dass der Zettel zu einem Schlüssel für sie werden wird. Zu einem, den sie heute nicht mehr loslassen will. Wenige Stunden zuvor hat sie ihre sechzehnjährige Tochter tot im Bett gefunden.

Als sie mittags von der Arbeit kommt, wundert sie sich, dass Julienne noch nicht auf ist. Sie geht in ihr Zimmer. Die Tochter liegt zur Wand gedreht. Als die Mutter sie an der Schulter fasst, fühlt sie sich steif an. Julienne lebt nicht mehr. Sie muss in den Morgenstunden des 9. August 2010 erstickt sein. Ein epileptischer Anfall.

Am Tag darauf holt Marion Horchmer den Zettel wieder aus ihrer Tasche und setzt sich an den Familiencomputer im Arbeitszimmer. Sie ruft die pinkfarbene schülerVZ-Seite auf und tippt die Daten vom Zettel in die weißen Login-Felder.

Für die Mutter ist es der erste Schritt in eine Welt, die sie vorher nie betreten hatte und die nun zu ihrer werden wird. Bis heute liegt der Zettel mit Juliennes Passwörtern neben dem Computer.

Ein Toter hinterlässt heute nicht nur einen realen Nachlass. Die Hinterbliebenen müssen sich auch mit seinem virtuellen Erbe beschäftigen. Je aufwändiger Menschen an ihrer digitalen Identität arbeiten, Online-Ichs kreieren mit privaten Fotoalben, Lieblingssonglisten und Gästebuchgrüßen von Freunden, desto mehr dieser Spuren bleiben nach ihrem Tod erhalten.

sonntaz-Autorin Nicola Schwarzmaier hat drei Familien besucht und beschreibt ihre Erfahrungen mit dem digitalen Erbe. Marion Horchmer hält sich in Willich an dem Profil ihrer Tochter fest.

Eva Schwarz aus Bremen will am liebsten alle Spuren ihrer Schwester Lisa im Internet löschen und stößt dabei auf ungeahnte Hindernisse bei Betreibern sozialer Netzwerke. Anne Hahn aus Berlin lernt ihren Vater nach dessen Freitod erst richtig kennen. Weil er ihr seine Online-Passwörter vererbt hat.

Die Geschichte dieser Familien lesen Sie in der aktuellen sonntaz. Dort erklärt der Theologe und Trauerberater Thomas Multhaup die Schwierigkeiten, die ein Weiterleben des Online-Ichs für die Trauernden mit sich bringt.

"Wenn im Netz eine Art von Scheinwirklichkeit und Scheinleben aufrechterhalten wird, tut man sich damit auf Dauer keinen Gefallen. Niemand wird digital unsterblich."

 

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