Drogenpolitik in den Niederlanden

Ausländische Kiffer bleiben draußen

Seit der Einführung des Mitgliedspasses „Wietpas“ haben zahlreiche Maastrichter Coffeeshops geschlossen. Ein Zeichen der Not, denn gedealt wird jetzt auf der Straße.

Cannabiskonsum im Maastrichter Coffeeshop: Nur noch für Einheimische, die den „Wietpas“ besitzen.  Bild: dpa

MAASTRICHT taz | Gleich hinter den Anlegern der Maas-Redereien, wo Fahrgäste auf Boote warten, beginnt es zu zischeln. „Kss, kss“, klingt es den Passanten entgegen. „Français? Belge? Deutsch?“ Wer den Blick nicht abwendet, bekommt ein beflissenes „Tu veux quelque chose?“ zu hören. Dazu malen Daumen und Zeigefinger imaginäre Päckchen in die Luft: „Marihuana?“ Straßendealer auf Akquise gehören in diesem Sommer zum Alltag an der Uferpromenade in Maastricht.

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Sie profitieren von einem Strukturwandel: Die südlichste Stadt der Niederlande, durch ihre grenznahe Lage seit jeher Wallfahrtsort für Westeuropas Cannabisliebhaber, verweigert Drogentouristen den Zugang zu ihren Coffeeshops. Wie im gesamten niederländischen Grenzgebiet häuften sich hier Klagen der Bewohner, die sich durch falsch parkende Autos, wildes Fahren, lärmende Menschen belästigt fühlten.

„Wir sind eine Provinzstadt“, erklärt Rathaussprecher Gertjan Bos. Seit dem 1. Mai sind auswärtige Kiffer nun auch offiziell nicht mehr willkommen. Aus Protest gegen die neue Regelung blieben Maastrichts Coffeeshops am Stichtag dicht. Die Hälfte ist es noch immer. Im „Kosbor“ hängt ein Plakat im Fenster: „Wegen Reorganisation bis auf Weiteres geschlossen.“

■ Wietpas: Die Coffeeshops der südlichen Provinzen Limburg, Nordbrabant und Seeland sind seit Mai 2012 geschlossene Clubs. Den Wietpas genannten Mitgliedsausweis bekommt nur, wer vor Ort gemeldet ist. Die Regierung will auf diese Weise den Strom ausländischer Drogentouristen bekämpfen. Ab Januar 2013 gilt das neue Gesetz im ganzen Land.

■ Maastricht: Die Stadt zwischen Belgien und Deutschland ist – neben Amsterdam – ein Mekka des Kiff-Tourismus. Von jährlich 2,5 bis 3 Millionen Besuchern der 14 Coffeeshops stammten 65 Prozent aus Belgien, Deutschland und Frankreich. Die Kommune verfolgte bislang den Plan, die Hälfte der Coffeeshops vom Zentrum an den Stadtrand zu verlagern.

■ Duldungspolitik: Konsum, Besitz und Verkauf kleiner Cannabis- Mengen werden nicht strafrechtlich verfolgt. Für Zucht und für Belieferung der Coffeeshops gilt das jedoch nicht. Das Konzept war auf die Versorgung einheimischer Konsumenten ausgelegt. Infolge der enormen Nachfrage gab es immer mehr und größere – illegale – Plantagen, gegen die die Justiz hart vorgeht. Viele Züchter weichen daher auf das deutsche oder belgische Grenzgebiet aus. (tm)

Von Reorganisation zeugt auch der verwaiste Parkplatz unten am Fluss, wo sich bis vor Kurzem Pkws aus Nordrhein-Westfalen und Belgien Stoßstange an Stoßstange drängten. Ihr Ziel war die weiße Flotte der schwimmenden Cannabisquellen, zwei Personenschiffe auf der Maas, umfunktioniert zu Coffeeshops. Während die „Smoky“ nach wie vor geschlossen ist, hat die „Mississippi“ nebenan seit einigen Wochen wieder geöffnet. Doch an Deck, wo einst 1.500 Gäste täglich in einem Sprachmischmasch aus Französisch, Englisch, Deutsch und Niederländisch plauderten, geht es still zu. Den beiden einzigen Kundinnen ist der lokale Akzent anzuhören.

400 neue Arbeitslose

„Zwei Prozent meines Umsatzes sind mir geblieben“, sagt Stephan Korsten. Er ist Mitinhaber der „Mississippi“, außerdem betreibt er noch einen Coffeeshop in der Stadt. Was bleibe ihm anderes übrig, als Mitarbeiter zu entlassen? Nur noch neun von ehemals 40 Angestellten arbeiteten für ihn, berichtet Korsten. In der ganzen Stadt hat die neue Drogenpolitik bislang 400 Menschen den Job gekostet.

In der Vitrine vor der holzgetäfelten Bordwand der „Mississippi“ stehen neben bunten Bongs die Kristallwürfel, mit denen die Produkte des Hauses kürzlich ausgezeichnet wurden. Ein erster Preis für Marihuana Marke Bio Haze, ein dritter für Nederhasj, dazu der Pokal des Gesamtsiegers beim Highlife Cup 2012. „Schade, dass dies niemand mehr sieht“, sagt Korsten, der erwägt, im Herbst seine Coffeeshops ganz zu schließen. Aufstieg und Fall seines Familienunternehmens stünden dann durchaus symbolisch für die Geschichte der niederländischen Softdrugs-Politik.

Ende der 1980er Jahre musste Korstens Vater, ein Binnenschiffer, in Maastricht anlegen. Eine größere Reparatur stand an, doch die Bank verweigerte den nötigen Kredit. So begann Korsten senior, der vorher nie mit Drogen zu tun hatte, an der Maas mit Gras zu handeln. Weil die Stadt gerade dabei war, den Wildwuchs im Drogenbereich in offizielle Bahnen zu lenken, kam eines Tages ein Beamter an Bord und lud ihn ein, aus seinem Schiff einen offiziellen Coffeeshop zu machen. Zwanzig Jahre später steht die „Mississippi“ ebenso vor dem Aus wie die Institution Coffeeshop.

Wenn Korstens aus dem Bullauge schaut, kann er an der Uferpromenade die Dealer bei der Arbeit beobachten. Anders als die Coffeeshops fühlen sie sich nicht an den Auftrag gebunden, weiche Drogen von den harten zu trennen. Dieses Prinzip stand 1976 am Anfang der liberalen niederländischen „Duldungspolitik“. Gerade im Grenzgebiet aber versuchten Straßenhändler schon länger ins Geschäft einzusteigen.

Kaum Registrierungen

Die neue Regelung spielt ihnen nun auf einen Schlag das Gros des Markts zu. „Das wird ein guter Handel“, versicherte ein Maastrichter Dealer am Tag der Einführung im Fernsehen. Er behielt Recht. 400 Verhaftungen wegen illegalen Kaufs oder Verkaufs von Cannabis vermeldete die Polizei der Provinz Limburg zwei Monate später – der tatsächliche Umfang des Handels dürfte weitaus höher liegen.

Dass dieser sich allmählich in die Vororte verlagert, an die Ausfallstraßen zur Autobahn, spüren auch andere Branchen. Rund um den pflastersteingesäumten Marktplatz ist man gar nicht gut auf den „Wietpas“ zu sprechen. Den Schnellrestaurants bricht die Kundschaft weg, waren doch Kebab und Burger beliebte Erste-Hilfe-Maßnahmen, wenn nach dem Joint der große Hunger zuschlug. „Mehr Dealer als Touristen“, macht der Inhaber der türkischen Taverne aus. Gegenüber bei McDonald’s verkündet ein Schild am Eingang, „ohne guten Grund“ dürften sich Kunden nicht länger als eine halbe Stunde auf der Terrasse aufhalten.

Ein paar Meter weiter im Rathaus ist man anderer Meinung. „Der Straßenhandel hat nicht zugenommen, er ist nur sichtbarer geworden“, erläutert Gertjan Bos, der Sprecher des Bürgermeisters. „Insgesamt kommen deutlich weniger Drogentouristen, und um die ist die Konkurrenz härter.“ Auch die von Anwohnern häufig beklagte Belästigung sei weniger geworden.

„Falschparken, aggressives Fahrverhalten, herumliegender Müll, wildes Urinieren, aber auch Autos, in denen morgens vier Franzosen mit Baseballkappen liegen – die Menschen hier fühlen sich durch so etwas bedroht.“ Nur dass sich bislang erst 1.000 Menschen in den Coffeeshops der Stadt registrieren ließen, trübt das Bild. „Wir hätten deutlicher machen müssen, dass ihre Daten nach einer Kontrolle nicht gespeichert werden“, sagt Bos.

Schweigen zwischen Behörden und Coffeeshops

Auf der Strecke geblieben ist eine Maastrichter Besonderheit: der Dialog, den man hier einst zwischen Behörden und Coffeeshops pflegte. Um Verkehrs- und Parkprobleme für die Bewohner zu lösen, diskutierte die Kommune, am Stadtrand drei „Coffeecorners“ mit jeweils ein oder zwei Shops einzurichten – der Plan liegt nun auf Eis. 

Eine Ode brachte dieser Linie einst die Limburger Punkband Heideroosjes: „Das ist doch dope, man, dass ein Tütchen einfach kann!“ Der Videoclip wurde im Rathaus gedreht, und der alte Bürgermeister Gerd Leers rappte dazu mit Amtskette um den Hals. Nachfolger Onno Hoes dagegen, so sein Sprecher Gertjan Bos, halte sich strikt an die Order aus dem Sicherheitsministerium. „Der Dialog ist beendet. Das war eine andere Zeit.“

Am Abend erinnert das Glockenspiel des Rathauses an eine noch fernere Vergangenheit, indem es Ohrwürmer der THC-affinen 60er Jahre intoniert. Auf das Stones-Lied „Ruby Tuesday“ folgt „Paint it Black“. Während zwei ältere Touristinnen mitsummen, drehen Polizeistreifen ihre Runden und beäugen Jugendliche auf ihren Mofas. In diesem Sommer häufen sich die Berichte über mobile Dealer auf zwei Rädern. Manche sollen ihre Ware an der Haustür abliefern.

Auswärtigen bleibt die Straße. So wie Dieter Schmitz aus dem nahen Rheinland, der schon sein halbes Leben zum Graskaufen nach Maastricht kommt und mit einem Bier am Fluss sitzt. Natürlich wusste er von der Neuregelung, doch er wollte sich mit eigenen Augen überzeugen. Dieter Schmitz ist Logistikmanager und heißt eigentlich anders. Wohl fühlte er sich nicht, als er zwischen zwei Dealern herlief, um etwas Gras zu erstehen. Mitten in der Fußgängerzone blieb der eine dann stehen und reichte ihm das Päckchen. Er schob den Schein hinüber, und bevor die Dealer sich im Gewimmel verloren, fragten sie noch, ob er wirklich nichts anderes wolle.

Doch Dieter Schmitz will lieber gar nichts mehr aus Maastricht. Etwas wehmütig blickt er über die Maas. „Ich bin immer gerne hierhergekommen“, erzählt er. Oft brachte er die Kamera mit und flanierte durch die Gassen. „Jetzt werde ich es wohl in Nijmegen probieren.“ Auch diese Stadt liegt nahe der Grenze, doch die Provinz Gelderland ist von dem neuen Gesetz – noch – nicht betroffen.

 

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