Eine taz Bekanntschaft

Liebe zwischen den Zeitungsseiten

Marlis K. und Max S. lernten sich bei der taz kennen. Inzwischen sind sie ein Paar.

Alles begann mit einem Glas Rotwein am Abend des taz.labs Bild: Barbara Dietl

Das ist kein guter Anfang für eine Liebesgeschichte. Ein grauer Herbstmorgen an der Spree, der Regen klatscht ins Gesicht und das Café Auster im Haus der Kulturen der Welt in Berlin-Tiergarten hat immer noch geschlossen.

Dabei hatte alles so schön begonnen, hier auf dem taz.lab im vergangenen April, als Max S. seine Liebste Marlis K. das erste Mal traf. Bei einer Weinprobe auf der Dachterrasse, bei der die lab-Besucher Rot- und Weißweine verkosten durften, gesellte er, der Baden-Württemberger mit den markanten eckigen Brillengläsern, sich an den Stehtisch zu den drei Damen. Eine von ihnen war Marlis. „Mit jedem Schluck wurde die Runde netter”, sagt Max und lächelt. Und er immer offener. Denn dass der Fremde ein Mann war, „mit dem man reden konnte”, gefiel der gebürtigen Charlottenburgerin.

Jetzt, da sich Marlis und Max an ihre Begegnung im Frühling zurückerinnern, sprühen Funken über das windige Dach des Hauses der Kulturen der Welt. Immer wieder wirft sich das Paar verliebte Blicke zu, schaut verlegen und stolz zugleich. Zum diesjährigen taz.lab – sein erstes – war Max extra aus Sersheim bei Stuttgart angereist. Was ihm gleich auffiel, war die gute Stimmung und die Offenheit unter den Genossen. „Schon an der Garderobe wurde ich freundlich angesprochen ”, erinnert er sich.

Max hatte Glück, Marlis meldete sich

Nachdem er einige Veranstaltungen, wie das dokumentarische Theaterprojekt „Die Asyl-Dialoge” und eine Diskussion über Italiens koloniale Vergangenheit besucht hatte, fühlte er sich „so inspiriert und euphorisiert”, dass er der Genossenschaft beitrat. Dabei hatte er das Beste noch vor sich. Der Abend auf der Dachterrasse war angenehm. Und doch machte Max sich nach ein paar Gläsern Wein ziemlich schnell aus dem Staub. Die nette Begegnung war ihm nicht ganz geheuer, ihre Visitenkarten tauschten sie dennoch aus. Schon am nächsten Tag, Max sah sich vor seiner Abreise den Reichstag und das Naturkundemuseum an, habe er gehofft, dass sie sich melden würde.

Er hatte Glück. Die 56-Jährige schrieb ihm eine E-Mail, er rief an, so ging das ein Weilchen. Anfang Mai verabredeten sie sich zum ersten Date, zur Genossenschaftsversammlung im September wollten sie sich wiedersehen. Inzwischen verbringt Max viel Zeit in Berlin. An den gemeinsamen Wochenenden zeigt sie, die Architektin, die in einer Sozialbausiedlung in Charlottenburg-Nord aufgewachsen ist und heute Mietwohnungsbauten plant, ihm die Stadt und ihren Kiez in Neukölln.

Er der Öko, sie die Hausbesetzerin

Seit 1983 wohnt Marlis hier. Gern erinnert sich die zierliche Frau mit den rotblonden Haaren an ihr Leben in Westberlin. An die Hausbesetzerdemos, von denen sie immer rechtzeitig verschwand, bevor der „Krach mit den Bullen” losging oder an die Ostberliner Verwandtschaft, mit der man Kaffeepäckchen gegen Orwo-Filme tauschte. „Orwo-Filme?” fragt Max, der interessiert zugehört hat. Der 57-jährige verwitwete Schwabe stammt aus einer alten Sozi-Familie mit acht Geschwistern, in der er – nach dem frühen Tod des Vaters – schnell erwachsen werden musste.

„Ich war der mit der Schlaghose und den Clogs, der versuchte, sich für die Armen und Schwachen in der Klasse einzusetzen”, sagt er. Schon als Teenager habe er sich für Erwachsenenthemen interessiert und regelmäßig Nachrichten geschaut. Heute führt der Grafiker und gelernte Schriftsetzer zusammen mit einem Partner eine eigene Agentur mit sechs Angestellten, spielt Bass und singt in der „erfolglosen aber ambitionierten” Coverband „Sticky-Fingers”. Seine drei Töchter sind erwachsen und leben in Deutschland verstreut. „Die taz ist auch ein Teil unserer Beziehung”, sagt Max. Diese beginnt meist schon am Frühstückstisch, wenn er sich in die Wochenendausgabe versenkt.

Eine Angewohnheit, die Marlis eigentlich nie ertragen konnte, aber bei der taz macht sie eine Ausnahme. Oft reden die beiden über Artikel, die sie gelesen haben, so wie über die Reportage über die jungen Mütter, die ihre Mutterschaft bedauerten. „Diese Sichtweise der Frauen ist mir gar nicht bewusst gewesen”, sagt Max. Sehr bewegt habe ihn der Artikel. Mit der taz verbinde sie die kritische Haltung zum Tagesgeschehen und der Respekt gegenüber dem Einzelnen, sagt Marlis. „Es ist die Art und Weise, auf die Welt zu gucken”. Auch über das neue taz-Verlagsgebäude tauschen sich die beiden aus. Während Marlis hin und wieder an der Baustelle am Besselpark vorbeischaut, beobachtet er das Baugeschehen auf der Webkamera von Sersheim aus.

Julia Boek, ist Chefin vom Dienst im Berlin-Ressort der taz