Erinnerungskultur in Bremen

„Arisierungs“-Mahnmal kommt

Angestoßen durch eine taz-Kampagne spricht sich Bremens Bürgerschaft dafür aus, Profite von Logistikern wie Kühne+Nagel zu benennen.

Umstrittener Ort: Oben will Kühne+Nagel neu bauen, unten in der Flutschutzmauer könnte das Mahnmal Platz finden. Foto: Eckhard Stengel/imago

BREMEN taz |Alle Fraktionen der Bremer Bürgerschaft haben sich gestern für die Errichtung eines „Arisierungs“-Mahnmals ausgesprochen. Es soll an die besondere Rolle Bremens bei der Logistik der „Verwertung“ jüdischen Eigentums erinnern.

Bremen profitierte von der Massenauswanderung jüdischer Emigranten, die während des Nationalsozialismus ihren Besitz im Hafen zurücklassen mussten, vor allem aber von der Ausplünderung der jüdischen Familien, die aus den besetzten Ländern Westeuropas deportiert wurden. Die maßgebliche Rolle beim Abtransport ihrer Habseligkeiten zur „Verwertung“ auf „Juden-Auktionen“ spielte die Bremer Spedition Kühne+Nagel.

Die taz hatte das von der Firma unter den Teppich gekehrte Thema durch ihre Kampagne „4 qm Wahrheit“ bekannt gemacht und einen Ideenwettbewerb für das „Arisierungs“-Mahnmal ausgelobt. Zudem stellte sie das Thema durch ein Symposium in einen breiten historischen Kontext: Fachleute analysierten die Profit-Trias aus „Fiskus, Firmen und Privatleuten“, auf die das Mahnmal verweisen soll, in ihrem jeweiligen „Umgang mit dem Unrechtserbe“.

Vertreter aller Fraktionen appellierten nun an Kühne+Nagel, die Firmenarchive zu öffnen und sich der Thematik zu stellen. Claas Rohmeyer (CDU) betonte mit Blick auf Mehrheitsaktionär Klaus-Michael Kühne: „Es sind nicht die Mitarbeiter von Kühne+Nagel, die sich der Aufarbeitung entgegenstellen.“ Das Gesprächsangebot gegenüber allen Beteiligten bleibe bestehen – allerdings warnte Claudia Bernhard von der Links-Fraktion: „Wir dürfen nicht weitere 70 Jahre einem Dialog hinterherlaufen.“

Unterschiede zeigten sich zwischen den Fraktionen in der Frage, wie das Mahnmal realisiert werden soll. Mit einem Dringlichkeitsantrag beschloss eine Mehrheit aus Grünen, SPD und Linken bei Enthaltung der CDU, die zuständigen Fachgremien zu befassen, dabei auf den Ideen- und Gestaltungswettbewerb der taz Bezug zu nehmen und „insbesondere auch einen Standort im Umfeld des Neubaus der Firma Kühne+Nagel einzubeziehen“.

Die CDU betonte in einem umfangreich begründeten eigenen Antrag zwar die Rolle „von Logistikunternehmen, insbesondere auch in und aus Bremen“ als „Erfüllungsgehilfen einer Menschen vernichtenden Diktatur“ – verzichtet aber auf die Nennung von Firmennamen und konkrete Verortungsvorschläge für das Mahnmal.

Zudem schlägt die CDU einen weiteren Ideenwettbewerb seitens des Landesbeirats für Kunst im öffentlichen Raum vor, „unter Einbeziehung bereits bestehender Entwürfe“. Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) brach eine Lanze für den Entwurf von Angie Oettingshausen, der aus dem taz-Wettbewerb hervorging: „Er bringt das Thema sachlich und plastisch auf den Punkt.“ Denkbar sei darüber hinaus die Einbeziehung weiterer Gedenkorte.

Für die FDP, die einen eigenen Antrag einbrachte, sagte Magnus Buhlert: „Ich habe viel gefragt, auch zu den alten Möbeln, die bei uns zu Hause stehen.“ Es gehe, betonte auch Robert Bücking von den Grünen, um die „Erinnerung an eine Realität, die uns bedrohlich nahe kommt: Die schöne Kommode im Wohnzimmer, der Karrieresprung des Onkels, vielleicht auch das Silberbesteck“.

Rohmeyer plädierte für eine pädagogische Befassung mit dem Thema in Zusammenarbeit mit den Bremer BerufsschülerInnen für Transport und Logistik: „Sie müssen lernen, dass Möbelwagen zur Ausführung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit verwendet werden können.“

Als Zeichen der Geschlossenheit stimmten SPD, Grüne und Linke Punkt eins des CDU-Antrags zu. Der fordert ein „Arisierungs“-Mahnmal als „wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer möglichst breit akzeptierten Erinnerungskultur“.

Abschließend meldete sich Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) zu Wort: „Der Senat begrüßt die Errichtung eines solchen Mahnmals ganz ausdrücklich. Wir werden dafür sorgen, dass dieses Mahnmal errichtet wird.“ In seiner Eigenschaft als Kultursenator habe er sein Ressort beauftragt, entsprechend aktiv zu werden und die zuständigen Gremien zu befassen.

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