Flüchtlinge in Hoyerswerda

Immer die Chaoten

Eine Initiative versucht, die Flüchtlinge in Hoyerswerda zu unterstützen. Wären da nicht die Anschläge. Diese Stadt scheint nichts gelernt zu haben.

Das Mahnmal in Hoyesrwerda erinnert an die ausländerfeindlichen Progrome 1991

„Hoyerwerda vergisst nicht – wir erinnern“: Das Mahnmal soll an die Progrome von 1991 erinnern. Foto: imago/Future Image

HOYERSWERDA taz | Eine ehemalige Turnhalle am Rande einer Plattenbausiedlung: ein langer Bau mit kleinen Fenstern und braunen Mauern. „Kein Bock“, hat jemand daraufgeschrieben, wahrscheinlich schon vor langer Zeit. 26 Flüchtlinge wohnen jetzt darin. Es ist eine der zwei neuen Flüchtlingsunterkünfte in der Stadt.

Die Sonne prallt auf die Plattenbauten, daneben pritschen Jugendliche ein Beachvolleyballturnier aus. Halbstarke hängen mit mächtigen Hunden vor dem Lausitz-Center ab. In der Musikschule trompeten sie „Yesterday“ von den Beatles.

Ein Montagnachmittag im sächsischen Hoyerswerda. Normales Kleinstadtrauschen – und dazwischen die Passanten, die verstörende Antworten auf die Frage geben, was sie denn nun halten von den etwa 150 Flüchtlingen, die seit fast eineinhalb Jahren wieder zum Stadtbild gehören.

In Griechenland hat Syriza die unangefochtene Macht. Sie sind oppositionelle Regierende, oder regierende Oppositionelle. Wie die neue Rolle die Partei prägt, lesen Sie in der taz.am wochenende vom 27./28. Juni 2015. Außerdem: Ratten leben in unseren Kellern, Träumen und Büchern. Warum ekeln wir uns vor diesem Tier?. Und: Ausgerechnet in Hoyerswerda fliegt ein Molotowcocktail auf eine Turnhalle voller Flüchtlinge. Diese Stadt hat wohl gar nichts gelernt. Oder doch?. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

„Alle an ’ne Wand stellen“, sagt ein Mann mit breiten Schultern und Stoppeln auf dem Kopf, der im Lausitz-Center einkauft. „Ich kauf die Patronen.“ Frau und Kind stehen hinter ihm.

„Ich hab nichts gegen die Familien, aber die Männer kommen doch bloß, um sich gesundzustoßen“, sagt eine Frau. Silvia, sagt sie, ohne Nachnamen, sie ist 46 Jahre alt, trägt eine weiße Hose und blondierte, kurze Haare.

Seit 1991 ein Mob aus Nazis und frustrierten Bürgern Flüchtlinge und Gastarbeiter aus der Stadt gejagt hat, hat Hoyerswerda diesen Klang. Nennt man den Namen der Stadt, denkt man an Fremdenhass. Und auch wenn viele Bürger dagegen kämpfen, sie werden den Klang nicht los.

Anfang 2014 wurden nach über 20 Jahren wieder Flüchtlinge in Hoyerswerda untergebracht. Es ist ein Experiment für die Stadt, und es scheint nicht besonders gut zu laufen bisher.

Deutschland: Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Waren es 2013 noch 58 registrierte Straftaten, meldet das BKA für vergangenes Jahr 150 und für das erste Quartal 2015 schon 71. In Tröglitz (Sachsen-Anhalt) wurde zum Beispiel im April eine zukünftige Flüchtlingsunterkunft in Brand gesteckt. Auch in Limburgerhof (Rheinland-Pfalz), Zossen (Brandenburg) und Escheburg (Schleswig-Hosltein) brannten dieses Jahr Wohngebäude, in die Flüchtlinge ziehen sollten.

Hoyerswerda: Seit 2014 gab es allein in Hoyerswerda sechs Angriffe auf Asylbewerberheime, der letzte im Juni dieses Jahres: eingeschlagene Fensterscheiben, verprügelte Bewohner, rechte Schmierereien und ein versuchter Brandanschlag.

Erst wurden Flüchtlinge auf offener Straße geschlagen, dann droschen Vermummte mit einem Hammer auf die Sicherheitsscheiben im Asylbewerberheim ein. Und jetzt, Anfang Juni, gab es wieder einen Brandanschlag.

Der Molotow-Cocktail sollte die Turnhalle treffen, die neben der ehemaligen Förderschule seit ein paar Monaten als Flüchtlingsunterkunft dient. Nur durch Zufall wurde niemand verletzt. Solche Sachen passieren gerade in ganz Deutschland, seit den Pegida-Demonstrationen häufen sich die Vorfälle. Im sächsischen Freital demonstrierten diese Woche jeden Abend die Gegner eines Flüchtlingsheims. Hoyerswerda liegt 80 Kilometer nordöstlich.

„Everybody smiles in the same language“

Nicht weit vom Lausitz-Center entfernt raucht Grit Maroske die letzten Züge ihrer Zigarette, dann bittet sie ins Büro. Maroske, 46, hat weiche Gesichtszüge und trägt eine Sonnenbrille für Radfahrer. Auf ihrer Bluse steht: „Everybody smiles in the same language“. Sie hat das Bürgerbündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“ gegründet. Seitdem ist sie für die Flüchtlinge Pressesprecherin, Lobbyistin und Organisatorin.

Wie steht es um Ihre Stadt, Frau Maroske?

Sie überlegt nicht lange. „Die Leute haben sich an die Asylbewerber gewöhnt, sie glotzen nicht mehr, sondern grüßen auch mal freundlich, die Neugierde ist groß, es gibt viele Spenden und Hilfsangebote“, sagt sie. Pegida und Hoygida, so heißt der Ableger hier, hätten alte Vorurteile wieder aufgewärmt. Die meisten Leute in Hoyerswerda haben allerdings andere Probleme, als sich mit Flüchtlingen zu beschäftigen. „Aber alles in allem läuft es gut.“

Aber warum kommt es dann immer wieder zu Anschlägen?

Bei einigen in Hoyerswerda ist die Bereitschaft zur Veränderung schon aufgebraucht, erzählt sie. Wende, Marktwirtschaft, Niedergang der Stadt – alles nicht einfach. „Wenn es dann einen Sündenbock gibt, geht es einfacher.“ Und natürlich werde ein Zwischenfall in Hoyerswerda ganz anders wahrgenommen als in anderen Städten.

Maroske schätzt, dass je ein Drittel der Bürger positiv, negativ oder neutral gegenüber den Flüchtlingen eingestellt sei. „Einige engagieren sich, andere machen an denen ihre Ängste fest“, sagt sie. „Insofern ist es eigentlich überall wie in Hoyerswerda.“

Die grölenden Deutschen

Maroske hat schon 1991 in Hoyerswerda gelebt, als der Mob durch die Straßen tobte. „Ich habe damals verstanden wie Faschismus funktioniert“, sagt sie. Auch ihr damaliger Mann war auf der Straße, unter den grölenden Deutschen.

War das Ihre Motivation?

„Das ist privat“, sagt sie.

Aber was treibt Sie an?

Sie zuckt ein wenig mit den Schultern.

„Ich will nicht, dass sich die Geschichte wiederholt. Und irgendjemand muss es ja machen.“

Maroske ließ sich scheiden. Heute ist sie wieder verheiratet und hat fünf Kinder. Für die Flüchtlinge arbeitet sie ehrenamtlich. Wenn nachts jemand abgeschoben werden soll, springt sie aus dem Bett und eilt zum Heim. Wenn auf der Facebook-Seite des Bündnisses eine Diskussion ausbricht – Maroske antwortet geduldig auf jeden noch so absurden Post.

„Mein Mann verdient das Geld und ich rette die Welt“, sagt sie, aber spurlos geht die Arbeit trotzdem nicht an ihr vorbei. Sie bekommt regelmäßig Drohungen, freundet sich an mit Flüchtlingen, die dann abgeschoben werden. Neulich lag sie vier Wochen flach, ausgebrannt, weil alles schiefging auf der Arbeit. „Gesund ist das nicht für die Seele“, sagt sie. Irgendwann stand sie wieder auf und machte weiter.

Heute will sie mit Dora und Wolfram Gebauer die Wohnungseinrichtung für einen Flüchtling organisieren. Die Gebauers, ein pensioniertes Lehrerehepaar, schon über achtzig, gehören zu den etwa 120 Mitstreitern im Bündnis. Sie vermitteln die Flüchtlinge an Sportvereine, helfen bei Behördengängen und unterrichten Deutsch.

Betten in den ehemaligen Klassenräumen

Nachdem die Gebauers mit Grit Maroske die Liste mit den benötigten Sachen durchgegangen sind, machen sie sich auf den Weg zum Asylbewerberheim. Es liegt nicht weit von Maroskes Büro entfernt, ein Zaun trennt die ehemalige Förderschule von der Hauptstraße. Drinnen führen weite Gänge durch das Gebäude, die Klassenräume haben sie zu Mehrbettzimmern umgebaut.

Im Keller bewahrt das Bündnis die Spenden der Hoyerswerdaer Bürger auf. Auf dem Linoleumboden reihen sich Kleiderstangen und Kisten aneinander. Es sieht aus wie in einem alten, noch nicht vorsortierten Second-Hand-Laden. Herrenjacketts hängen neben Strampelanzügen für Kleinkinder und Blusen mit Blumenmustern.

Die Chaoten schafften es immer in die Schlagzeilen, sagt Maroske, die helfenden Bürger nie. Dora Gebauer greift aus einem Karton Bettdecken, Kopfkissen und Bettbezüge heraus, nimmt sich einen Stofftiger für die Kinder und stopft alles in zwei blaue Säcke hinein.

Als die Gebauers die Säcke über den Hof zu ihrem Auto tragen, grüßen sie viele der Flüchtlinge wie alte Bekannte.

Aghil Noyuozi ist einer von Gebauers Schülern. Der 33-jährige Christ ist aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet und war einer der ersten Bewohner im Heim. Er ist ein schmaler Mann, mit einer langen Narbe am Unterarm, er hat zu Tee und Schokolade in sein Zimmer geladen.

Am Anfang war es unruhig

Mit fünf anderen Männern wohnt er hier. Sechs Betten, Kühlschränke, Kleiderschränke – viel mehr steht nicht im Raum. Am Anfang sei es schwierig gewesen, sagt Noyuozi, ja, da habe es Unruhe im Heim gegeben und am Lausitz-Center haben ihn ein paar Betrunkene angegriffen. Auch die Hammer-Attacke aufs Heim hat er miterlebt. „Bumm, bumm, bumm“, sagt Noyuozi, er schlief damals im Nachbarzimmer. „Es ist alles besser geworden“, sagt er. Nur arbeiten würde er gerne. „Fünfzehn Monate nur schlafen und rumhängen ist nicht gut.“

Die Notunterkunft, auf die der jüngste Anschlag verübt worden ist, ist von einem Zaun umgeben. Journalisten dürfen nicht auf das Gelände. Aber irgendwann kommen ein paar junge Männer aus der Stadt zurück. Deutsch spricht keiner von ihnen, nur etwas Englisch.

„We are afraid sleeping here“, sagt er. Ein anderer wiederholt immer wieder: „Catastrophe.“ Dann holen sie einen 37-jährigen Kosovaren aus der Halle, der Deutsch spricht und auf seinem Handy Fotos aus dem Inneren der Halle hat. Mit dünnen Platten haben sie wie in Großraumbüros Zimmer in die Halle gebaut, es sieht eng aus und stickig.

Jeder muss eine Chance bekommen

In der Nachbarschaft scheint die Notunterkunft die meisten nicht zu interessieren. „Nee, Probleme gab es da noch nie“, sagt eine Frau, die gerade von der Arbeit kommt und schnell in ihrem Haus verschwindet. Ein paar Ecken weiter stehen fünf Teilzeittrinker vor dem „Getränke Markt Hoyerswerda“. Also noch einmal die Frage: Was halten Sie von den Asylbewerbern hier?

„Alle raus“, ruft eine Frau mit Latzhose. Sie scheint die Älteste zu sein. Einem jungen Mann in der Gruppe passt das nicht: „Du kannst nicht alle über einen Kamm scheren.“ Ein Mann mit schwarzem Unterhemd und Schnauzer, er ist Zeitungsausträger, mischt sich ein: „Die kriegen doch genau das, was wir uns nicht leisten können.“

Der junge Mann: „Aber jeder von denen muss trotzdem eine Chance bekommen.“

Der Zeitungsausträger: „Ich find’s in Ordnung, wenn die richtigen Leute kommen.“

Die Latzhosenträgerin: „Die sollen sich an unsere Regeln halten.“

Eine Weile geht das so, dann steckt der junge Mann seine leere Pfandflasche in den Rucksack und sagt: „Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß.“ Darauf können sich alle einigen. Für heute.

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