Friedensnobelpreisträgerin im Interview

"Es ist ihr Preis"

Nobelpreisträgerin Leymah Gbowee über die Situation der Frauen in Liberia, die Narben des Bürgerkrieges, die Präsidentschaftswahlen und die Zukunft ihres Landes.

Leymah Gbowee (l) am Sonntag in Monrovia mit den "weißen Ladys" vom Peacebuilding Network. Bild: reuters

taz: Frau Gbowee, schließen Sie bitte für einen Moment die Augen und erinnern Sie sich an das Liberia Ihrer Kindheit.

Leymah Gbowee: Wenn ich meine Augen schließe, dann denke ich an den Stadtteil von Monrovia, in dem ich aufgewachsen bin. Es war eine ordentliche, aber auch bescheidene Nachbarschaft. Sie liegt gleich hinter diesem Feld, dem sogenannten Airfield, auf dem wir gerade stehen.

Ausgerechnet hier finden heute unsere Proteste statt. Als Kinder haben wir uns auf diesem Platz immer getroffen und zusammen Kickball gespielt. Es war eine sehr schöne Zeit. Damals war die Gegend noch sehr grün. Außerdem haben hier ganz viele Kinder gespielt. Die Straßen ringsherum waren noch nicht so verstopft, wie sie es heute sind. Es war ein ruhiger, ein guter Platz.

Dennoch sind Sie vor ein paar Jahren nach Ghana gezogen, und das obwohl der Bürgerkrieg zu diesem Zeitpunkt schon vorbei war. Warum?

Ja, meine offizielle Adresse ist im Moment in Ghana. Aber ich verbringe mehr Zeit hier in Liberia und in anderen Teilen auf der Welt als tatsächlich in Ghana. Meine Kinder gehen dort zur Schule. Trotzdem überlegen wir, unsere Taschen zu packen. Wieder nach Hause zu gehen, das wird der nächste Schritt für uns sein.

Friedensnobelpreisträgerin Leymah Roberta Gbowee wurde 1972 in der liberianischen Hauptstadt Monrovia geboren. Bekanntheit erlangte die Mutter von sechs Kindern während des blutigen Bürgerkriegs in ihrer Heimat. Um diesen zu beenden, wurde sie zur "White Lady" – zur weißen Lady: Gemeinsam mit vielen anderen Frauen kleidete sie sich ganz in Weiß und forderte die Rebellen und Diktator Charles Taylor zur Beendigung des Kriegs auf. Sie soll maßgeblich an den Verhandlungen beteiligt gewesen sein, die schließlich im August 2003 zum Friedensabkommen von Accra geführt haben. 2008 entstand die Dokumentation "Pray the Devil Back to Hell" über die Friedensfrauen, die Leymah Gbowee international bekannt gemacht hat. In diesem Jahr erschien ihre Autobiografie "Mighty Be Our Powers". Gbowee lebt in Ghana.

Nachdem Ihnen am vergangenen Freitag als eine von drei Preisträgerinnen der diesjährige Friedensnobelpreis zuerkannt wurde, sind Sie am Sonntag für einen Besuch zurück nach Monrovia gekommen. Wie war die Ankunft?

Es war ein großartiges Gefühl. Jetzt fühlt es sich aber noch viel besser an. Ich bin jetzt zurück. Ich bin zu Hause. Außerdem bin ich nun bei den übrigen Frauen vom Peacebuilding Network. Hier sind alle Frauen so richtig aufgeregt. Es ist doch ihr Preis. Für mich gibt es also keinen besseren Platz, als bei meinen Frauen zu sein.

Ihre Frauen erregen in Monrovia seit zehn Tagen Aufsehen. Wie damals während des Bürgerkriegs haben sich alle wieder weiß gekleidet und haben auf diesem Platz für friedliche Wahlen gebetet. Was erwarten Sie von der Präsidentschaftswahl?

In unseren Herzen haben wir natürlich Hoffnungen und Wünsche. Doch das Ergebnis können wir auch nicht beeinflussen. Ganz egal also, wie die Wahlen ausgehen werden, wünschen wir uns, dass der Frieden erhalten bleibt.

Wünschen Sie sich, dass Amtsinhaberin Ellen Johnson-Sirleaf, die ebenfalls den Friedensnobelpreis erhalten hat, wiedergewählt wird?

Frauen, die politische Ämter anstreben, sollen erfolgreich sein, und ich hoffe, dass das künftige Staatsoberhaupt eine Präsidentin ist.

Die Wahlen: Liberia hat am Dienstag Senatoren, Parlamentsabgeordnete und ein Staatsoberhaupt gewählt. Beobachtern zufolge verliefen die Wahlen friedlich. Mit Ergebnissen wird frühestens am Donnerstagnachmittag gerechnet. Nach ersten Einschätzungen kommt es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf (72) von der Unity Party und Winston Tubman (70) vom Congress for Democratic Change.

Die Präsidentin: Ellen Johnson-Sirleaf ist am vergangenen Freitag gemeinsam mit Leymah Gbowee und der jemenitischen Frauenrechtlerin Tawakkul Karman der Friedensnobelpreis 2011 zuerkannt worden. Während Johnson-Sirleaf im Ausland als Vorzeigedemokratin gilt, wächst in ihrer Heimat die Kritik. Der Vorwurf: Trotz Ankündigungen würde sie nichts gegen die Korruption tun. So bewertete Transparency International 2010 Liberia als das korrupteste auf der ganzen Welt. Auf dem am Montag veröffentlichten Ibrahim-Index, der jährlich alle afrikanischen Staaten auf gute Regierungsführung, Bürgerbeteiligung und Einhaltung der Menschenrechte untersucht, rangiert Liberia mit Platz 36 im unteren Drittel. Probleme bereiten auch die schlechte Schulbildung, die hohe Analphabetenrate und die Arbeitslosigkeit.

Der Konkurrent: Winston Tubman war gemeinsam mit dem einstigen Fußballstar George Weah als möglichen Vizepräsident ins Rennen gegangen. Dieser unterlag 2005 der heutigen Präsidentin in der Stichwahl. Wenn keiner der 16 Kandidaten die absolute Mehrheit erreicht, gibt es am 8. November Stichwahlen.

Was muss das künftige Staatsoberhaupt denn für die liberianische Frauen tun?

Besonders wichtig ist es, die Frauen aus der Armut herauszuführen. Sie müssen wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen.

Sie und Ihre Mitstreiterinnen fordern auch dazu auf, Frauen in ihren Rechten zu stärken. Während des Bürgerkriegs ist es zu sehr vielen Vergewaltigungen gekommen. Gibt es Versuche, Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch schärfer zu ahnden?

Wir sind auf einem guten Weg dorthin. Die Situation von Frauen wird sich verbessern. Liberia hat beispielsweise ein Gesetz, welches Vergewaltigungen bestraft. Außerdem haben wir ein Gericht, das sich ausschließlich mit der Gewalt gegen Frauen beschäftigt. Diese Einrichtung macht in den jeweiligen Gemeinden deutlich: Vergewaltigung ist nicht etwas, über das sich irgendwie verhandeln lassen würde. Das hat übrigens dazu geführt, dass es auf den ersten Blick statistisch nun viel mehr Fälle zu geben scheint als früher. Aber meines Erachtens hat es damit zu tun, dass Vergewaltigungen heute viel häufiger angezeigt werden.

Hat das Auswirkungen auf das Verhältnis zu Männern?

Als Gruppe haben wir natürlich viele Kontakte zu Männern. Besonders bei jüngeren Männern haben wir das Gefühl, dass viele Frauen nicht mehr als bloßes Anhängsel ansehen. Für sie sind sie mehr als nur das. Sie sind gleichberechtigt und tragen ebenso zur Entwicklung der Gesellschaft bei. Es wäre schön, wenn diese Nachricht bei vielen Männern ankommt.

Wo sehen Sie Liberia in Zukunft?

Liberia wird ein Land sein, das in Afrika seinesgleichen sucht. Es wird mit keinem anderen Land auf dem Kontinent vergleichbar sein. Ich spreche nicht nur über die ökonomische Entwicklung. Nein, ich meine auch das politische Bewusstsein der Menschen und die Beteiligung von Frauen, sei es auf politischer oder auf wirtschaftlicher Ebene. Ich bin sehr optimistisch. Liberia ist auf dem richtigen Weg, und diese Entwicklung lässt sich gar nicht mehr so leicht stoppen.

Liberia wird immer noch mit dem Bürgerkrieg in Verbindung gebracht. Haben Ihre Kinder mit Ihnen schon einmal darüber sprechen wollen?

Insgesamt habe ich sechs Kinder. Mein ältester Sohn ist 18 Jahre alt. Meine große Tochter ist 17. Sie sind während des Kriegs auf die Welt gekommen. Trotzdem haben sie keine Erinnerungen daran. Und das ist gut so.

Während des Kriegs haben Sie eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und zur Traumatherapeutin gemacht. Wie wichtig ist Aufarbeitung noch acht Jahre nach dem Friedensabkommen, das in Accra, der Hauptstadt Ghanas, unterzeichnet wurde?

Sie ist nach wie vor unbedingt notwendig. Es ist so wie mit einer offenen Wunde. Man will sie immer wieder und wieder verdecken. Dabei wird der Verband jedes Mal strammer gezogen. Kriegsverletzungen – auch seelische – verhalten sich genauso. Sie müssen gesäubert und gereinigt werden. Wenn man das wörtlich nimmt, muss man einfach über die Erlebnisse aus dem Krieg sprechen. Man muss all das herauslassen, durch das sich die Wunde immer wieder entzündet. Erst wenn die Wunde wirklich gesäubert ist, kann der Heilungsprozess starten.

Welcher Weg dafür ist der beste?

Wir dürfen unseren Kindern gegenüber den Krieg nicht unter den Teppich kehren. Stattdessen müssen wir uns mit ihnen zusammensetzen und ihnen erklären, was die tatsächlichen Ursachen für den Krieg gewesen sind. Dazu gehört die ungerechte Verteilung des Reichtums, die Armut und die Marginalisierung verschiedener Gruppen im Land. Nur wenn wir diese Dinge in der Zukunft abstellen, kann der Heilungsprozess wirklich beginnen. Das bedeutet auch: Dann sind Vergebung und Gerechtigkeit möglich.

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