Gefängnispfarrer Reichenbächer übers Zuhören

„Not lehrt Beten“

In Gesprächen mit dem Gefängnispfarrer muss es nicht um Religion gehen. Karl-Uwe Reichenbächer erklärt, weshalb auch das Zuhören anstrengen kann.

Freut sich über gut besuchte Gottesdienste: Gefängnisseelsorger Kai-Uwe Reichenbächer. Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Reichenbächer, Sie haben Ihre Gemeinde in Pinneberg aufgegeben um Gefängnisseelsorger zu werden. Man könnte das einen ungewöhnlichen Schritt nennen.

Karl-Uwe Reichenbächer: Ja, es gab tatsächlich Menschen, die mich gefragt haben, ob ich zwangsversetzt wurde!

Wurden Sie?

Nein, das war eine ganz freiwillige Entscheidung. Ich bin seit mittlerweile 25 Jahren Pastor, die meiste Zeit davon war ich Gemeindepastor. Irgendwann habe ich mir gesagt, dass ich gerne noch einmal in einen ganz anderen Bereich wechseln würde.

Warum?

Einerseits war mir schon immer die Arbeit am wichtigsten, bei der ich direkt mit den Menschen zu tun hatte. Ich habe schon immer am liebsten Gottesdienste gehalten und Seelsorgegespräche geführt, habe auch eine Ausbildung zum Sterbe- und Trauerbegleiter gemacht. Zu einem Gemeindepfarramt gehört aber auch viel Verwaltungsarbeit, die viele Kräfte bindet. Andererseits war es mir auch ein ganz persönliches Bedürfnis, etwas mehr privat sein zu können. In der Gemeinde weiß jeder wer du bist und was du machst. Hier in Hamburg bin ich außerhalb meines Dienstes ganz privat.

Aber es hätte sicherlich auch Alternativen zum Pastor in der Untersuchungshaftanstalt gegeben.

Als ich das Stellenangebot sah, habe ich mich selbst kurz darüber erschrocken, dass ich sofort wusste, dass das die richtige Stelle für mich ist. Gespräche mit anderen Gefängnisseelsorgern und der Anstaltsleiterin haben mich dann darin bestärkt, dass ich das wirklich will.

54, ist in Kiel geboren und war unter anderem bereits Gemeindepastor in List auf Sylt, zuletzt fast sechs Jahre in Pinneberg. Im Januar hat er seine Stelle als Gefängnisseelsorger in der Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis angetreten. Reichenbächer hat drei Kinder, ist geschieden und wohnt in Hamburg Altona.

Was hat Sie so motiviert?

Die Menschen hier befinden sich in einer Ausnahmesituation und ich möchte ihnen dabei gerne beistehen. Das gründet sicher auch auf eigenen Krisenerfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Auch mir ist es nicht immer gut gegangen.

Aber Sie saßen nie im Gefängnis.

Nein. Es ist auch nicht so, dass ich den Gefangenen sage, ich wüsste, wie sie sich fühlen. Aber ich habe zumindest eine Ahnung davon, was es heißt, vor einem Scherbenhaufen zu stehen und nicht weiterzuwissen.

Ich habe hier eine ganz eigentümliche Rolle, ich bin sozusagen beigeordnet. Das bedeutet, bei allem was die Sicherheit betrifft, kann ich hier nicht aus der Reihe tanzen.

Ist Verzweiflung der Grund, warum Gefangene das Gespräch mit Ihnen suchen?

Manche Gefangene wollen auch nur mit mir sprechen, weil sie Tabak von mir wollen.

Tabak?

Viele kommen in die Untersuchungshaft, haben nichts weiter und können auch nicht einkaufen. Und manche sind dann auch noch drogenabhängig und brauchen dann wenigstens etwas zu rauchen. Deshalb gebe ich manchen Gefangenen bei Bedarf einmalig ein halbes Päckchen Tabak und Blättchen.

Fühlen Sie sich nicht ausgenutzt?

Natürlich bin ich kein Tabak­automat. Dafür bin ich nicht hier und das muss sich natürlich im Rahmen halten. Aber der Tabak ist in gewissem Sinne auch ein Türöffner, häufig ergeben sich daraus sehr persönliche und tiefe Gespräche.

Zigaretten sind nicht der einzige Grund, warum Gefangene sie aufsuchen?

Nein. In Untersuchungshaft zu sein ist natürlich eine totale Ausnahmesituation. Manche sind ja das erste Mal im Gefängnis und kommen sich vor wie auf einem fremden Stern. Andere sind schon das vierte, fünfte oder sechste Mal da. Viele sorgen sich um ihre Familien und die Freunde. Andere schämen sich oder sind verzweifelt über sich selbst oder die Welt. Das ist ganz unterschiedlich, aber es sind Abgründe, an denen die Menschen da stehen.

Können Sie den Gefangenen konkrete Hilfe anbieten?

Manche Gefangene möchten schon gerne, dass ich ein gutes Wort für sie einlege oder in gewissem Maße für sie vermittle. Da bin ich aber sehr zurückhaltend. Natürlich spreche ich auch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Vollzug und es ist grundsätzlich wichtig, dass ich von ihrer und sie von meiner Arbeit wissen. Aber ich bin hier nicht die graue Eminenz und das möchte ich auch nicht sein. Es würde mich und die Mitarbeitenden auch in eine komische Situation bringen. Ich bin ja hier im Gefängnis kein Mitarbeiter im eigentlichen Sinne.

Sondern?

Ich habe hier eine ganz eigentümliche Rolle, ich bin sozusagen beigeordnet. Das bedeutet, bei allem was die Sicherheit betrifft, kann ich hier nicht aus der Reihe tanzen. Andererseits darf ich mich auch nicht vollkommen dem System anpassen. Ich unterliege in erster Linie der seelsorgerischen Schweigepflicht. Und hier besteht auch die große Chance für die Begegnung zwischen einem Gefangenen und mir. Das heißt, wenn mir jemand hier drin etwas anvertraut, dann bleibt das auch bei mir. Da bin ich Seelsorger wie alle anderen Seelsorger unserer Kirche draußen auch.

Suchen die Angestellten des Gefängnisses denn auch das Gespräch mit Ihnen?

Es kommen immer mal wieder Mitarbeitende zu mir, mehr oder weniger offensichtlich. Einige gucken erst, ob gerade niemand anders guckt, und sprechen mich dann an. In so einem System wie dem Gefängnis geht es ja schon darum, irgendwie Stärke zu zeigen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Da kann von den Kollegen schon mal so etwas kommen wie: „Du gehst zum Pastor? Hast du es nötig?“ Das ist aber draußen nicht anders, das habe ich als Gemeindepastor auch schon erlebt.

Und Ihre Arbeit besteht vor allem aus Zuhören?

Zuhören ist gegenüber den Gefangenen erst einmal die Basis, einfach da sein. Das heißt ja auch, diese Situation mit dem Menschen auszuhalten. Aushalten, dass der Gegenüber sich selbst nicht erträgt, vielleicht gar kein Wort herausbringt oder die ganze Zeit weint oder schreit oder was auch immer. Dann fange ich vielleicht irgendwann an, nachzufragen, was gerade am schwersten ist oder was ihn gerade am meisten beschäftigt. Dadurch, dass mir der Mensch dann etwas erzählt, wird er sich selbst seiner Situation klarer. Das hilft, das Chaos aus Angst und Verzweiflung zu entwirren. Das ist der Anfang, der eventuell eine Fortsetzung finden kann.

Welche Rolle spielt der Glaube dabei?

Die Fragen nach Strafe, Schuld, Vergebung, Scheitern und Neuanfang sind zentrale Fragen des christlichen Glaubens. Für mich schwingt der Glaube in den Gesprächen immer wie eine Grundmelodie mit. Wenn es ums Menschliche geht, geht es für mich auch um Gott.

Und für die Gefangenen?

Das ist unterschiedlich. Die Gespräche können ganz explizit religiös sein oder auch eben nicht. Tendenziell vergeht kaum ein Tag hier im Gefängnis, an dem ich nicht mit jemandem bete. Mein Eindruck ist, dass sich die Menschen im Gefängnis Gott oft näher fühlen als an anderen Orten. Vielleicht kennen Sie den Ausspruch „Not lehrt Beten“? In schlimmen Situationen kommen die Menschen wie von selbst dazu nach dem Sinn des Lebens und damit nach Gott zu fragen. Sonntags sitzen ungefähr 40 bis 60 Gefangene in meinen Gottesdiensten, alles Männer zwischen 18 und 45 Jahren. In welcher Kirchengemeinde draußen ist das schon so?

Ist das vielleicht auch einer gewissen Langeweile geschuldet?

Natürlich ist die Situation hier drin eine besondere. Aber die Männer müssen ja nicht in den Gottesdienst gehen. Klar kommen einige wegen des Kaffeetrinkens nachher, oder weil sie andere Gefangene sehen wollen. Aber die meisten kommen, weil sie wirklich gerne am Gottesdienst teilnehmen wollen.

Woran machen Sie das fest?

Ich merke, wie aufmerksam die Gefangenen sind und dass sie zuhören, was ich ihnen zu sagen habe. Wenn ich einige Tage oder Wochen später mit Gefangenen spreche, kommt es schon mal vor, dass sie mich auf eine Predigt oder einem Gedanken daraus ansprechen. Daran wird deutlich, dass sie mir zugehört haben. Dann denke ich, dass es sich wirklich lohnt.

Sie sind der evangelische Seelsorger, sie haben einen katholischen Kollegen. Gibt es ein entsprechendes Angebot auch für muslimische Gefangene?

Es gibt einen Imam, der einmal in der Woche zu einem Religionsgespräch kommt. Er führt Religionsgespräche mit denen, die das wollen.

Aber haben nicht auch muslimische Gefangene einen Seelsorgebedarf?

Ja, es gibt eine ganze Reihe Muslime, die mit mir ein Gespräch führen wollen und etliche haben auch Interesse daran, am Gottesdienst teilzunehmen. Da sind die Grenzen der Religionen eher fließend. Die Frage nach explizit muslimischer Seelsorge wird aktuell noch diskutiert.

Durch die Gespräche bekommen Sie Einblick in persönliche Schicksale und Abgründe. Wie belastend ist das für Sie?

Es fällt schon manchmal schwer abzuschalten. Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich sehr betroffen bin und die Grenzen meiner Arbeit spüre. Aber ich versuche nach Möglichkeit, nicht alles auf meinen Schultern zu lasten.

Wie machen Sie das?

Wir Pastorinnen und Pastoren haben die Möglichkeit, Supervision wahrzunehmen und bestimmte Dinge dort in anonymisierten Fallbesprechungen zu verarbeiten. Ich versuche auch ein möglichst ausgeglichenes Privatleben zu führen und Dinge zu tun, die mich wirklich entspannen.

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