Gentech-Insekten aus dem Militärlabor

Fliegende B-Waffen

Forscher warnen vor genmanipulierten Insekten. Selbst wenn sie für zivile Zwecke verändert werden – meist sind sie als biologische Waffe verwendbar.

Zwei Blattläuse an einem geringelten Pflanzentrieb

Potentielle B-Waffen: Blattläuse auf einem Rosenzweig Foto: imago/Nature in Stock

BERLIN taz | Die Vision ist gruselig: Im Kriegsfall werden genmanipulierte Insekten auf den Äckern und Plantagen des Feindes ausgebracht, wo sie die Pflanzen nicht nur befallen, sondern in sie tödliche Gen-Fähren hineinschleusen, mit dem Effekt des kompletten Ernte-Verlusts. Der Feind verhungert. Das ist biologische Kriegsführung 2.0, die mit Mitteln des sich rasant verbreitenden Genome Editing möglich werden könnte. Genau davor haben jetzt Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön sowie der Universitäten Freiburg und Montpellier in einem Aufsatz im renommierten Wissenschaftsjournal Science gewarnt.

Anlass für den Warnruf an die Wissenschafts-Community ist ein Forschungsprogramm der DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency), dem Thinktank des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, mit dem Titel „Insect Allies“ (Verbündete Insekten).

Das 2016 mit 27 Millionen Dollar gestartete Projekt soll untersuchen, wie Insekten – Grashüpfer, Fliegen, Blattläuse – als Transportmittel für Pflanzenviren dienen und diese auf landwirtschaftliche Nutzpflanzen wie Mais oder Tomaten übertragen können. Sie sollen damit besser gegen Dürre, Frost, Pestizide oder Krankheiten geschützt werden. Wohlgemerkt, alles in einem gutwilligen Sinne: zur Steigerung des Ertrags und nicht zur Schädigung.

Die manipulierte Insekten sind militärisch einsetzbar

Die europäischen Forscher sehen den Einsatz von Insekten zur Verbreitung von Genmaterial jedoch kritisch, weil sich die Erkenntnisse aus dem Insect-­Allies-Programm relativ leicht zur biologischen Kriegsführung missbrauchen lassen. „So könnten Gene beispielsweise funktionsuntüchtig gemacht werden – was in der Regel leichter ist als ihre Optimierung“, sagt Guy ­Reeves vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie.

„Das Verfahren muss also nicht einmal weiterentwickelt werden, es reicht aus, es zu vereinfachen, um es als Waffe einsetzen können.“ Aus diesem Grund ist nach Meinung der deutsch-französischen Wissenschaftler eine „breite gesellschaftliche, wissenschaftliche und rechtliche Debatte dringend angebracht“. Es gebe „keine plausiblen Gründe, Insekten zur Verbreitung von Genmaterial einzusetzen“.

Eine Gefahr ist auch, dass die weltweit von über 180 Staaten unterzeichnete Konvention zum Verbot biologischer Waffen durch die „Dual Use“-Möglichkeiten des Genome Editing unterlaufen wird. „Aufgrund dieses weitreichenden Verbots bedarf es für besorgniserregende biologische Forschung grundsätzlich einer plausiblen Rechtfertigung durch friedliche Zwecke“, erklärt Silja Vöneky, Rechtswissenschaftlerin an der Universität Freiburg.

Die DARPA müsse begründen, dass sie mit ihrem Insect-Allies-Programm die B-Waffenkonvention nicht verletze. Vöneky hatte sich jüngst auch für mehr Aufmerksamkeit hinsichtlich der Möglichkeiten des Missbrauchs der künstlichen Intelligenz ausgesprochen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben