Gentrifizierung schädlich für Kinder

"Prenzlauer Berg ist Apartheid"

Der Soziologe Heinz Bude glaubt, dass gentrifizierte Stadtteile und Privatschulen "für die Kinder nicht gut" sind. Er wirft aber Eltern ihre Bildungspanik nicht vor.

Der Soziologieprofessor Heinz Bude hält gentrifizierte Stadtteile für schädlich für die kindliche Entwicklung.  Bild: imago/Reiner Zensen

Gentrifizierte Stadtteile mit hohen Mieten und milieuhomogenen Schulen wie Berlins Prenzlauer Berg sind nach Einschätzung des Soziologen Heinz Bude nicht etwa gut für die dort lebenden Mittelschichtskinder, sondern schädlich. "Prenzlauer Berg ist Apartheid, die noch nicht mal weiß, dass sie Apartheid ist. Die Segregationsprämie bezahlt man hier mit dem Mietpreis", sagte Bude der sonntaz.

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Auch Privatschulen seien "auf die Dauer für die Kinder nicht gut: Die müssen lernen, mit Kindern zusammenzuleben, die anders als sie sind." Es sei Aufgabe der Schule, Kinder auf die Gesellschaft vorzubereiten und sie mit "Lebensweisen" zusammenzubringen, "die nicht die eigenen sind". Das, sagt Bude, sei notwendige "Einübung in einen belastbaren Pluralismus."

Bei dem Versuch, die eigenen Kinder auf "gute Schulen" zu bringen, handele sich allerdings nicht um einen perfide geplanten Selektionsprozess von Mittelschichtseltern, auch wenn es eine "sozialmoralische Ansteckungsangst" gegenüber anderen Teilen der Gesellschaft gebe. Hauptmotivation für das Handeln der Eltern sei "Bildungspanik" und Sorge um die Zukunft ihrer Kinder. Das wirft ihnen Bude nicht vor. Im Gegenteil: "Ich halte es für völlig absurd, den Eltern ihre anthropologische Disposition auf Familie auszureden. Man muss mit Familien arbeiten, nicht gegen sie. 

Bude, 57, ist Soziologieprofessor in Kassel, arbeitet am Hamburger Institut für Sozialforschung und hat soeben das Buch "Bildungspanik" veröffentlicht.Grund für diese Panik ist für ihn die Situation dieser Eltern, die selbst als Bildungsgewinner des Nachkriegsdeutschlands soziale Aufsteiger sind, ordentlich verdienen, aber in einem Angestelltenverhältnis stehen, sodass sie weder Festanstellung, noch den damit verbundenen gesellschaftlichen Status weitervererben können. Und fünf Mietshäuser besäßen sie auch nicht. "Das ist das Grundmerkmal der Klientel der Grünen", sagt Bude. "Sie sind relativ privilegiert, aber auch relativ vulnerabel."

Dieses Wissen um die eigene Verletzbarkeit führt zum alljährlich nervenaufreibender werdenden Kampf der Eltern um einen Gymnasiums-Platz für ihre Kinder - und laut Bude zu einer Spaltung der Gesellschaft.

Seine Lösung für den Konflikt zwischen Priviligienverteidigern und Privilegienlosen: "Den Konflikt als Lebenselexier der Gesellschaft akzeptieren und nicht denken, dass die Selbstähnlichkeit uns rettet." Aber: "Man darf dabei keine Bildungspolitik machen, die das Statuserhaltungsinteresse der gebildeten Mehrheitsklasse unserer Gesellschaft delegitimiert. Man sollte diesen Eltern vielmehr zu verstehen geben: Es ist völlig in Ordnung, dass du das Beste für dein Kind willst. Dann hat man auch die Berechtigung zu sagen: Seid doch nicht so furchtbar aufgeregt."

Grundsätzlich basiere die grassierende Bildungspanik auf einer Fehleinschätzung der Zukunft, weil sich der demografische Faktor auf den Arbeitsmarkt der kommenden Jahrzehnte positiv auswirke. Das Problem sei: "Die Leute glauben es nicht."

Müssen Kinder Chinesisch lernen? Sollten Eltern für ein Studium in Harvard oder Princeton sparen? Das und mehr erfahren Sie im Gespräch in der sonntaz, dem Wochenendmagazin der taz. Am Kiosk, eKiosk oder im Briefkasten via www.taz.de/we. Und für Fans und Freunde: facebook.com/sonntaz

 

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