Gespräch über barrierefreie Welt im Netz

Eingeloggt ins Leben

Menschen mit Behinderung können im Second Life all das tun, was ihnen im wirklichen Leben verwehrt bleibt. Alice Krueger hilft ihnen, sich in der virtuellen Realität zurechtzufinden.

Büro unter Palmen: Im second life ist vieles möglich, auch für Menschen mit Behinderung. Bild: screenshot / secondlife

Wer Alice Krueger treffen möchte, braucht einen Avatar und muss sich in die virtuelle Welt von Second Life einloggen. Obwohl es um Second Life in der öffentlichen Wahrnehmung ziemlich still geworden ist, hat die 2003 gegründete Plattform mittlerweile 20 Millionen registrierte Nutzer. Rund eine Million Menschen weltweit melden sich dort regelmäßig an. Für Alice Krueger, die an Multipler Sklerose erkrankt ist und im Rollstuhl sitzt, ist Second Life zu einer zweiten Heimat geworden. Ich treffe Alice Avatar "Gentle Heron"in ihrem Büro auf "Ability Island", einer virtuellen Insel, die in Second Life eigens für Menschen mit Behinderung gegründet wurde.

Gentle Heron: Willkommen in meinem Büro: Hier können wir uns in Ruhe unterhalten. Wenn Sie sich umsehen, werden Sie feststellen, dass es hier nicht aussieht wie in einem normalen Büro. Darüber bin ich sehr froh. Ich bin nämlich sehr gern im Freien. Aber seit ich im Rollstuhl sitze, komme ich nicht mehr viel raus. Also habe ich nun hier ein Büro unter freiem Himmel. Wir sitzen in einer Dschungelszene, es gibt Palmen, und es ist sehr grün. Ich bin wirklich sehr gern hier.

taz: Gentle, wie viel Zeit verbringen Sie in Second Life?

Nun, es gibt Tage, da möchte ich das lieber niemandem sagen. Ich verbringe tatsächlich sehr viel Zeit hier. Manchmal bis zu acht Stunden täglich, wenn es viel zu tun gibt. An anderen Tagen logge ich mich gar nicht ein, wenn ich im wirklichen Leben beschäftigt bin.

Der Avatar "Gentle Heron" gehört Alice Krueger. Die Mutter dreier erwachsener Kinder lebt in Denver und ist infolge einer MS-Erkrankung sehr beeinträchtigt. Die Erziehungswissenschaftlerin arbeitete früher als National Supervisor für das amerikanische Kultusministerium. Krueger ist die Gründerin der "Virtual Ability Incorporation", einer gemeinnützigen Organisation, die Menschen mit Behinderung unterstützt.

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Der Film "Login 2 Life" von Daniel Moshel begleitet Alice Krueger und andere Menschen durch die virtuellen Welten. Er bildet den Auftakt der fünfteiligen ZDF-Dokumentarfilmreihe "100 % Leben" des Kleinen Fernsehspiels. Er ist heute um 0.00 Uhr zu sehen.

Sie helfen ehrenamtlich Menschen mit Behinderung, sich in Second Life zurechtzufinden. Wie genau sieht diese Unterstützung für behinderte Menschen aus?

Die meisten Menschen wenden sich an uns, bevor sie sich zum ersten Mal in Second Life anmelden. Blinde, taube oder gelähmte Menschen brauchen technische Hilfsmittel, um den Computer bedienen zu können. Damit kennen wir uns gut aus und können Ratschläge geben und an die entsprechenden Hersteller verweisen. Danach helfen wir Schritt für Schritt bei der Anmeldung und dabei, einen Avatar zu erschaffen. Außerdem gibt es auf unserer Insel einen speziellen Übungspfad, auf dem man lernen kann, wie man den Avatar bewegt, wie man läuft, fliegt, sich hinsetzt und wie man Gegenstände benutzt. Danach variiert unsere Arbeit stark, je nach den Bedürfnissen der Menschen, die sich an uns wenden. Eine junge Frau wendet sich zum Beispiel regelmäßig an mich, weil sie genau wie ich an Multipler Sklerose leidet und ich deshalb genau weiß, wie es ihr geht. Oft sind die Gespräche, die wir führen, sehr persönlich.

Was hat Sie selbst in die virtuelle Welt von Second Life geführt?

Ich kam gemeinsam mit zwei Freunden, die ebenfalls behindert sind, auf die Idee. Wir fühlten uns isoliert und dachten: Wenn wir im wirklichen Leben nirgendwo dazugehören können, vielleicht klappt es ja in der virtuellen Welt. Second Life ist komplett User-generiert, war am besten entwickelt, und dort gab es die meisten Benutzer. Also sind wir dort geblieben.

Kurze Zeit später haben sie Virtual Ability erschaffen, sechs Inseln speziell für behinderte Menschen. Warum?

Viele von uns machen die Erfahrung, dass man sie in der Öffentlichkeit meidet oder anders behandelt als Menschen ohne Behinderung. Wenn ich zum Beispiel mit jemandem unterwegs bin, der laufen kann, dann sprechen die meisten Menschen am Bankschalter oder im Restaurant mit meiner Begleitung anstatt mit mir. Außerdem können wir viele Dinge, die uns Spaß machen, im realen Leben nicht tun. In der virtuellen Welt geht das. Mittlerweile hat unsere Gemeinschaft über 600 Mitglieder.

Inzwischen gibt es die Firma "Virtual Ability" auch im realen Leben. Warum?

Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir im realen Leben Verträge mit anderen Firmen und Organisationen abschließen müssen. Ich glaube, wir waren die erste Firma, die es zuerst in der virtuellen Welt und dann in der realen Welt gab! Mittlerweile sind wir eine staatlich anerkannte, gemeinnützige Organisation.

Und wie finanziert sich Virtual Ability?

Den Großteil unseres Geldes verdienen wird durch unsere Arbeit. Einer unserer großen Auftraggeber ist das US-Militär. Für sie haben wir eine Selbsthilfegruppe für Kriegsversehrte aufgebaut. Darüber hinaus arbeiten wir mit dem kanadischen Staat zusammen, aber auch mit Schulen und Universitäten. Viele Gruppen nutzen zum Beispiel den Übungspfad, um bei ihrem ersten Besuch zu lernen, wie ihr Avatar funktioniert. Außerdem bekommen wir Spenden.

Loggen Sie sich manchmal noch zum Vergnügen ein?

Ja, absolut! Ich liebe klassische Musik, habe früher Violine gespielt und bin sehr gerne in Konzerte gegangen. Das geht nicht mehr. Aber es gibt viele Musiker, die ihre Musik hier life streamen. Ich gehe auch gerne ins Museum oder tanze. Und Wasser mag ich auch sehr gerne. Meine erste Woche in Second Life habe ich eigentlich nur damit zugebracht, nach Wasserrutschen zu suchen, diese runterzurutschen und unten ins Wasser zu platschen. Das mache ich auch heute noch manchmal.

Ist Second Life für sie die erste oder die zweite Welt?

Oh! Vielen Dank für diese Frage! Um ehrlich zu sein, finde ich, dass der Name Second Life, also zweites Leben, ein irreführender Begriff ist. Denn "zweites Leben" bedeutet ja, dass es irgendwie weniger wert ist als das erste Leben. Aber das empfinde ich nicht so. Second Life ist Teil meines ersten Lebens. Dort treffe ich meine Freunde. Im Grunde ist es nichts anderes, als würde ich mit meinen Freunden telefonieren. Das sind doch auch echte Freunde, echte Menschen. Das Telefon ist nur die Technologie. Und genauso ist es bei Second Life. Aber kommen Sie mal mit. Ich will Ihnen etwas zeigen.

Plötzlich ist Gentle Heron verschwunden. Dann taucht am unteren Bildrand ein Fenster mit einem Link zum Anklicken auf: ein sogenannter Teleport. Ich klicke darauf, und die Welt um uns verschwindet. Nach wenigen Sekunden baut sich eine neue Kulisse um uns herum auf.

Gentle Heron: Willkommen auf Sanctuary Island. Das ist eine von unseren nicht öffentlich zugänglichen Inseln. In unserer Gemeinschaft gibt es einige Menschen, die sehr schüchtern oder sogar soziophob sind. Diese Menschen brauchen einen Ort, an dem sie unter sich sein können und wo man Verständnis hat, wenn sie nicht antworten, im Chat sehr langsam tippen oder wenn ihre Stimme auf Skype verstümmelt klingt. Auf dieser Insel können sich unsere Mitglieder ein Zuhause schaffen, und es gibt ein Museum, in dem wir ausschließlich Kunst ausstellen, die von Menschen mit Behinderung geschaffen wurde. Damit wollen wir zeigen, dass wir in erster Linie Menschen mit Möglichkeiten sind und dass die Behinderung zweitrangig ist.

taz: Selbstverständlich!

Das sagen Sie so leicht. Aber im realen Leben ist das nicht selbstverständlich. Second Life dagegen hilft, die Menschen auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Immer wieder sagen Menschen zu mir: Ich habe gerade erst erfahren, dass mein Freund, den ich vor zwei Jahren in Second Life kennengelernt habe, behindert ist. Das habe ich gar nicht gewusst. Wenn sie mich sehen, kämen sie ja auch nicht darauf, dass ich im realen Leben im Rollstuhl sitze. Hier reagieren die Menschen also auf meine Persönlichkeit und nicht auf meine äußere Erscheinung.

Es bedarf also einer erfundenen Figur, damit die Persönlichkeit eines Menschen in den Vordergrund rückt?

Es ist einfach so, dass das Aussehen hier keine so große Rolle spielt, denn jeder weiß, dass es erfunden ist. In Second Life kann jeder hübsch oder ausgeflippt aussehen, ganz so, wie es ihm beliebt. Die Persönlichkeit des Nutzers scheint in der Interaktion sofort durch. Immer wenn ich Menschen, die ich in Second Life kennengelernt habe, später im wahren Leben getroffen habe, sahen sie zwar anders aus, aber ich kannte sie trotzdem schon ganz genau.

 

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