Halbzeitvegetarier versus Veganer

Flexitarisch oder gar kein Fleisch?

Es wäre schon nicht schlecht, wenn manche Fleischesser ein bisschen weniger Fleisch essen würden, argumentiert eine Vegetarierin. Und fordert Flexitarier. Ein Veganer ist dagegen.von Peter Unfried

Ein bisschen weniger Fleisch ist schon ein Fortschritt. Oder?  Bild:  dapd

Ist weniger Fleisch essen - Fachbegriff "Flexitarimus" - ein Weg in eine bessere Zukunft oder ein Holzweg? "Der Flexitarier ist im Extremfall jemand, der einfach guten Gewissens weiter Fleisch isst", sagte Christian Vagedes, Vorsitzender der veganen Gesellschaft Deutschlands im sonntaz-Streitgespräch. "Flexitarier" sind aus ihrer Sicht Menschen, die ihren Fleischkonsum reduzieren - aus gesundheitlichen Gründen und um sich gegen Massentierhaltung und Klimawandel zu engagieren.

Für Vagedes ist die Idee des "Flexitarismus" eine Strategie der Fleischindustrie, um die Leute einzulullen. Letztlich würde ein Propagieren von Fleischreduzierung die Veränderungsbereitschaft der Gesellschaft nicht stärken, sondern schwächen. Er plädiert dafür einen "Cut" zu machen und sofort komplett mit tierischer Ernährung aufzuhören: "Im Interesse der Hunger leidenden Menschen, der Regenwälder, die abgeholzt werden, des gesamten Planeten und der milliardenfach leidenden Tiere". Die globalen Probleme könne nur eine "Veganisierung der Welt" lösen.

Für Katharina Rimpler, Initiatorin der Kampagne "Halbzeitvegetarier", ist radikale Konsequenz nicht realistisch: "So funktionieren Menschen nicht." Ihr Halbzeitvegetarier-Prinzip lautet: Zwei Menschen tun sich zusammen und reduzieren ihren Fleischkonsum jeweils um die Hälfte. "In der Regel ist eine einschneidende Veränderung von Alltagsgewohnheiten ein Prozess - besonders beim Essen. Entweder ganz oder gar nicht: Das nicht ist nicht die produktivste Herangehensweise."

Rimpler selbst isst kein Fleisch, verlangt das aber nicht von anderen. "Wir sagen den Leuten, dass es okay ist, wenn sie nicht von heute auf morgen mit dem Fleischessen aufhören und begleiten sie auf dem Weg, nur noch die Hälfte zu essen".

Peter Unfried

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Für Buchautor Vagedes ("veg up- die veganisierung der welt") ist das Augenwischerei: "Halbzeitvegetarier" sei eine weitere Verwässerung des ohnehin schon verwässerten Vegetarier-Begriffes. "Ist das nicht das falsche Signal zu sagen, 'iß nur die Hälfte', statt 'hör auf'? Angesichts der Tatsache, dass alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt." Die Alternativen seien längst da, "leckere Würstchen aus Weizen, aus Tofu, sogar aus Lupinen."

Rimpler hält dagegen, diese Alternativen müsse man langsam entdecken. "Es braucht Zeit, bis man zum Lupinenwürstschen kommt." Der moralische Zeigefinger wirke abschreckend, für sofortige individuelle Radikalität sei die kulturelle Prägung zu stark und die Vorstellung zu weit weg. Daher müsse die Einstiegschwelle niedrig sein. Es gehe darum "das Essverhalten nicht mehr an Identität zu koppeln" und nicht mit einer Entweder-oder-Entscheidung Fortschritte zu verhindern. 

Hintergrund des Streites ist die Frage, welche Art von Radikalität es braucht, um gesellschaftliche Veränderung in der Frage des Konsums von Industriefleisch möglich zu machen. Die globale Industriefleischproduktion ist neben Energie und Mobilität ein entscheidender Treiber des Klimawandels. Der New Yorker Literaturstar Jonthan Safran Foer, selbst Vegetarier, plädiert in seinem Bestseller "Tiere essen" für quantitative Radikalität. Seine Position: 20 Millionen, die einen Tag in der Woche kein Fleisch essen, bringen mehr als eine Million Vegetarier.

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