HipHop-Camp in den Ferien

Das große Üben

Zwei Wochen lang wird in Hamburg-Billstedt nach großen Show-Talenten gesucht. Wer sich in der HipHop-Academy durchsetzt, qualifiziert sich für intensiveres Training. Im Mittelpunkt steht trotzdem nicht der Konkurrenzkampf.

HipHop-Kultur hat viele Facetten  Bild: dpa

HAMBURG taz | Beats dröhnen aus den Lautsprechern, durch die geöffneten Türen fällt Sonnenlicht auf die 30 Tänzer, die sich im Takt der Musik synchron bewegen. Sie verfolgen jeden Schritt ihres Trainers vor der großen Spiegelwand. „Ich möchte, dass ihr den Groove habt“, ruft der über die laute Musik und das Quietschen der Sneaker auf dem Parkett und wechselt vom Smurfschritt – beinahe ein Knien – in den Happy Feat, einen springenden Wechsel zwischen Hacken und Fußspitze.

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Dieser Raum und diese Schrittfolgen bestimmen zwei Wochen lang auch den Alltag von Dominik, einem von 60 Teilnehmern am „Bootcamp“ der HipHop-Academy hier in Hamburg-Billstedt. Neben dem HipHop-Tanzen bekommen sie intensives Training unter anderem für Breakdance, Gesang, Rap, Graffiti und Producing. Alle Teilnehmer haben bereits Erfahrungen auf ihrem Gebiet gemacht, sei es bei einem Anfängerkurs hier in der Academy, im Jugendzentrum – oder auch bloß beim Proben daheim im Kinderzimmer.

„Es geht hier um eine Auswahl von Jugendlichen für unsere Fortgeschrittenen-Kurse“, sagt der künstlerische Leiter Axel Zielke. Man arbeite dabei nicht nur intensiv an den jeweiligen Fähigkeiten oder vermittele Hintergründe der HipHop-Kultur, sondern schaue auch, „was die Kids können und wie sie in der Gruppe arbeiten“. Am Ende des Camps werden dann Talente für eine intensivere Zusammenarbeit ausgewählt. „Natürlich erzeugt das auch einen gewissen Konkurrenzkampf“, sagt Zielke, „der ist aber eher positiv und passt auch zum Battle-Charakter des HipHop.“

Tanz vier Tage die Woche

Dominik hat eine gute Chance auf den nächsten Schritt. Schwitzend tanzt er in der ersten Reihe vor der Spiegelwand, seine Bewegungen wirken immer einen Hauch rhythmischer als die seiner Mittänzer. „Ich habe schon mit sechs Jahren immer vor dem Spiegel getanzt“, sagt er lächelnd und nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. Als der heute 17-Jährige mit zwölf Jahren erstmals zur HipHop-Academy kam, übersprang er sofort den Anfängerkurs.

„Hier konnte ich endlich stärker an der Choreografie arbeiten“, sagt er. Nach vier Jahren gehört er inzwischen zur „Showgroup“ der Academy, tritt regelmäßig auf Betriebsfesten und anderen Veranstaltungen auf. Mindestens vier Tage die Woche tanzt er in verschiedenen Jugendzentren.

„Ich möchte, dass ich in einen Raum komme, und alle wissen, wer ich bin“, sagt Dominik. Ein erfolgreiches Bootcamp und die Aufnahme in die Masterclass für besonders begabte Tänzer, das wären mögliche Schritte dorthin. Dominik blickt auf die Spitze seiner Sneaker hinunter, kurz nur, und kehrt dann zu seiner Gruppe zurück: Zu fünft sollen sie eine Choreografie für den Nachmittag erarbeiten.

„Großes Talent“

Etwas ruhiger, aber nicht weniger konzentriert geht es im Haus gegenüber zu. In einem großen Spiegelraum üben Celine und die fünf anderen Teilnehmerinnen des Gesangskurses ihren Refrain: „Es sind zwei Sekunden, für die es sich zu leben lohnt.“ Trainerin Anna Bauer verlangt etwas mehr Betonung auf dem „lohnt“ und klatscht in die Hände. Die letzten Proben sitzen, gleich kann die Aufnahme bei der Produzenten-Gruppe beginnen. „Die Mädchen sind unglaublich weit und haben alle großes Talent“, sagt Bauer, „eigentlich kann ich ihnen nur noch Kleinigkeiten beibringen.“

„Meine Mutter ist Sängerin, darum spielte für mich Musik schon immer eine große Rolle“, sagt Celine. Zur HipHop-Academy kam sie eigentlich über das Tanzen. Als ein Gesangskurs angeboten wurde, zögerte sie nicht lange. Sie singt schon sehr lange und schreibt ihre eigenen Songs. „Mit Zettel und Gitarre kann ich schon sehr viel Zeit verbringen.“ Die 16-Jährige bringt aber auch schon so einiges an Bühnenerfahrung mit, singt regelmäßig auf Hochzeiten und stand sogar bei einer Arte-Produktion über das Leben der jungen Beyoncé vor der Kamera.

Nach der Schule möchte sie Musik studieren, vielleicht einmal Musical-Gesang ausprobieren oder ins Fernsehen. Der Gesangskurs im Bootcamp sei für sie auf diesem Weg eine wichtige Erfahrung. „Ich habe in den letzten Tagen sehr viel über Atemtechnik und Körperhaltungen gelernt“, sagt Celine. „Aber auch Dinge wie Songwriting oder das Singen im Studio.“

Der Höhepunkt des Gesangstrainings ist die Aufnahme des gemeinsam geschriebenen Songs „Zwei Sekunden“: „Ein deutscher Song, sehr poppig und eine Liebesgeschichte, gemischt mit einer guten Erzählung über ein Leben“, sagt Celine. Jede Teilnehmerin singt in der hölzernen Gesangskabine ihren Part ein. „Jetzt kann man genau hören, ob man den Song wirklich fühlt oder nicht“, sagt Celine, ehe sie an der Reihe ist, ans Mikrofon tritt und die Kopfhörer aufsetzt.

Die Melodien und die Beats zu „Zwei Sekunden“ stammen aus dem Produzenten-Kurs, geleitet vom Hamburger Rapper Sleepwalker ein Stockwerk tiefer, und der Rap-Kurs lieferte noch eine weitere Strophe. Für Andreas Zielke ist die Entstehung dieses Songs ein perfektes Beispiel dafür, wie mit HipHop gearbeitet wird: „Wir wollen den Jugendlichen zeigen, wie viele verschiedene Facetten die HipHop-Kultur in sich trägt.“

Am Freitag, dem letzten Tag im Bootcamp, geht es um den Sprung in die Fortgeschrittenenkurse. Alle führen die Ergebnisse der vergangenen zwei Wochen vor – und die Trainer entscheiden, für wen es reicht und wer zurück muss in die Anfängerkurse. Dominik wird gemeinsam mit den anderen Tänzern eine eigene Chorografie präsentieren und auch Celines Song „Zwei Sekunden“ wird zu hören sein.

Lieber ohne Publikum

Eigentlich sollten die Vorführungen öffentlich sein, aber die Trainer haben sich gegen Publikum entschieden – der Erfolgsdruck wäre zu groß. Auch wenn jeder hier noch eine Chance bekommt, selbst wenn es dieses Jahr nicht reicht. „Wir bieten den Jugendlichen die Möglichkeit, über Jahre hinweg an ihren Fähigkeiten zu arbeiten“, sagt Zielke. „Wir schicken garantiert niemanden nach Hause – wir sind ja nicht bei Bohlen & Co.“

 

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