INTERNATIONALE TOURISMUSBÖRSE

"Besuchen Sie den Tahrir-Platz"

Ägypten und Tunesien vermarkten ihre Revolution, Libyen wirkt deplaziert und Japan schließt seinen Stand. Ein Kommentar

Am Ägypten Stand mit Plakaten, die mit der Revolution werben.   Bild: AP

Die Ägypten-Pressekonferenz in Saal 8 des Internationalen Kongresszentrums - "Willkommen im Land der Revolution" - wird nach außen übertragen. Dort sitzen die Besucher auf dem Boden und warten auf den neuen Tourismusminister Mounir Fakhry Abdel Nour. Obwohl man den Ägyptern auf der diesjährigen ITB sehr wohlgesonnen ist, kommt nach der dritten Wiederholung des Werbefilms mit Blondinen, Pyramiden, Sphinx und Diskofieber Unmut auf. Kein Wunder, dass die Dame - zweite Reihe links - dem endlich eingetroffenen Minister und seiner Entourage die bittere Frage stellt: "Warum sehe ich nur Männer auf dem Podium?" Mit charmantem Lachen verspricht der Minister Läuterung. Schon im nächsten Jahr. Man will den revolutionären Sympathievorschuss schließlich nicht gleich wieder verspielen.

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Dabei ist es auf der ITB von Wissenschaftsforum bis zur kleinsten Pressekonferenz die Norm, dass Männer im ewig blaugrauen Kampfanzug auf Podien und Podesten agieren. Egal, ob sie die USA, Deutschland, Indien oder die Welttourismusorganisation präsentieren. Frauen reichen Mikros, durch die Männer die entscheidenden Antworten geben. Verwunderlich, da in der Mehrzahl Frauen die touristische Fachhochschulen besuchen. Aber der Tourismus ist männlich. Das hätten die Ägypter ja wirklich gleich mit revolutionieren können!

Aber Ägypter und Tunesier zeigen sich auf der ITB gut darauf vorbereitet, ihre Revolution als touristisches Wellnesspaket mit zu vermarkten. Das ist klug, denn mit dem Sturz der Despoten ist der unberechenbare Orient plötzlich moderner, persönlicher, vertrauter geworden. "Besuchen Sie den Tahrir-Platz", ruft der ägyptische Tourismusminister als Antwort auf die Frage nach der Sicherheit in seinem Land ins Publikum. Und er sagt es so, als würde er den Sonnenaufgang in Gizeh propagieren. Nur noch viel schöner.

Auch der neue tunesische Tourismusminister, Mehdi Houas, wirbt bei seiner "Kampagne des Vertrauens" mit jungen Tunesiern, die im Tourismus arbeiten. Auch wenn die Gehälter dort so hundsschlecht sind wie zuvor, die aufbegehrende Jugend ist das neue Aushängeschild des Landes. Und der Tourismus ist eine ihrer wenigen Verdienstmöglichkeiten.

Auf verlorenem Posten sind hingegen die Libyer. Der Stand: eine Wüste. Die pittoresken Sanddünen und antiken Römerrunien wirken lieblos drangeklebt. Nur drei von ansonsten neun Anbieter sind mit kleinen Faltprospekten präsent. Besucher packen an leeren Tischen schwer beladene Taschen um. Die Visitenkarten des Gesandten der libyschen Tourismusbehörde, Mister Abouzed, liegen am Stand. Aber Mister Abouzed ist auch beim dritten Anlauf ihn zu sprechen nicht anzutreffen. Dafür zwei Herren aus Tripolis, die leider nur Arabisch sprechen und von einem libyschen Ingenieurstudenten aus Leipzig gedolmetscht werden. Von Luftangriffen und Unruhen wissen sie nichts. "Das schreiben nur die Zeitungen hier", sagen sie unwillig. Sie lebten ganz normal in ihrem Viertel in Tripolis. Ihre schlechte Laune, ihre missmutigen Antworten ermutigen zu keinen weiteren Fragen. Wären sie doch in Tripolis geblieben, aber wahrscheinlich lässt Gaddafi keine Gelegenheit aus, sich international als Meister der Situation zu gerieren.

Ägypten und Tunesien erzielen auf der Messe hohe Medienresonanz, die privaten Messebesucher hingegen zieht es weniger in die Hallen der südlichen Mittelmeeranrainer und der modernisierten Wüstenstaaten von Dubai bis Katar. Sie drängen sich im exotischen Indien, im gutbürgerlichen Deutschland oder in der inzwischen so vertrauten Türkei.

Der geschlossene Japan Stand in den Berliner Messehallen.  Bild: AP

Tunesien und Ägypten, so zeigt die Reiseanalyse 2011, sind die am leichtesten austauschbaren Destinationen am Mittelmeer. Und Unruhen sind - egal ob friedlich oder gewalttätig - immer ein Schandmal. Die Reiseziele stehen in einem harten Wettbewerb, und bei allem schönen Schein lässt sich die Realität nicht verleugnen.

Japan, das am Samstagmorgen zur Teezeremonie mit Gebäck in Halle 26 geladen hatte, schloss um 10 Uhr alle Stände. Tourismus schien - angesichts der Katastrophe im Land - plötzlich pietätlos.

 

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer entwickelt sich der ehemalige Eiserne Vorhang zum touristischen Zukunftspotenzial. Ein grünes Band durchzieht Europa dort, wo einst der Todesstreifen war. Über 30 Jahre Nutzungsruhe sind der Natur gut bekommen: Hier zwitschert das selten gewordene Braunkehlchen, hier jagt der Bergmolch, und Naturtouristen picknicken neben betonierten Restgrenzstreifen

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