Internationale Projekte

Freie Presse aus der Türkei

Für türkische Journalist*innen ist es existenzsichernd, bei internationalen Medien wie taz gazete zu publizieren.

Burçin Tetik, Erk Acarer, Ali Çelikkan, Ebru Taşdemir, Michelle Demishevich, Elisabeth Kimmerle, Canset İçpınar und Volkan Ağar (nicht im Bild) Bild: Sonja Trabandt

von Elisabeth Kimmerle

Der Oktober 2016 war ein schlechter Monat für die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei. Ein Vierteljahr nach dem gescheiterten Putschversuch gegen die türkische Regierung wurden Murat Sabuncu, der damalige Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, und mehrere RedakteurInnen von der Polizei festgenommen. Mit Notstandsgesetzen ließ die türkische Regierung in der Folge 170 Zeitungen und Online-Nachrichtenseiten schließen. Unsicherheit bestimmte von jetzt an den redaktionellen Alltag von Journalist*innen regierungskritischer Medien.

Die taz solidarisierte sich mit den Kolleg*innen. Die Idee, taz gazete, eine deutsch-türkische Nachrichtenplattform für Journalist*innen in der Türkei zu gründen, entstand. Zwei Jahre später ist der Großteil der türkischen Medien in der Hand regierungsnaher Konzerne. Welche Zeitung die Menschen in der Türkei auch aufschlagen, welches Fernsehprogramm sie auch schauen, überall begegnet ihnen die Rhetorik der Regierung. Deren Kritiker*innen werden als Terrorist*innen gebrandmarkt – ob nun Journalist*innen, Menschenrechtler*innen, sogar Mütter. Die verbliebenen unabhängigen Nachrichtenportale haben mit staatlichen Repressionen, sinkenden Einnahmen und vor allem mit Selbstzensur zu kämpfen, denn jede Nachricht kann sie zur Zielscheibe machen.

Noch immer leben türkische Journalist*innen in der ständigen Gefahr, wegen ihrer Berichterstattung festgenommen zu werden. Umso wichtiger ist für sie die Möglichkeit, bei internationalen Medien wie taz gazete zu publizieren. Unsere Reporter*innen berichten über Themen wie soziale Bewegungen, Frauen- und LGBTI-Rechte, Pressefreiheit, die kurdische Frage und Ökologie. So entsteht eine thematische Vielfalt, die weit über die Türkeiberichterstattung deutscher Medien hinausgeht.

Zugleich findet die türkische Leserschaft auf taz gazete Beiträge, über die in türkischen Medien nicht berichtet wird. Etwa 50.000 Zugriffe zählt unsere Plattform pro Monat. Zuletzt zeichnete sich ein interessanter Trend ab: Kamen die Zugriffe Anfang 2018 vor allem aus Deutschland, besuchten in den letzten Monaten immer mehr Menschen aus der Türkei unsere Plattform. 55 Prozent der Klicks auf taz gazete kommen aus der Türkei bzw. aus dem Ausland. Und noch etwas ist wichtig: Auch als Solidaritätsprojekt unterstützen wir kritische Journalist*innen in der Türkei. Drei Honorare von taz gazete entsprechen einem türkischen Monatsgehalt. Wer für uns schreibt, kann sich nicht nur seinen Lebensunterhalt sichern, sondern gleichzeitig für unabhängige Nachrichtenplattformen in der Türkei schreiben, die meist nur ein geringes Honorar zahlen können. Das wäre ohne die Querfinanzierung in vielen Fällen nicht möglich. Und das zeigt Wirkung: Beinahe jeden Tag erreichen uns Anfragen von Journalist*innen aus der Türkei, die ihre Arbeit verloren haben.

Der Redaktionsalltag bei taz gazete läuft etwas anders ab als bei deutschen Zeitungen: Interviews, Berichte und Reportagen, die unsere Kolleg*innen in der Türkei exklusiv für taz gazete schreiben, bekommen wir in türkischer Sprache. Nach der Übersetzung ins Deutsche überarbeiten wir die Texte redaktionell. Neben der sprachlichen Übersetzung erfordert das Redigat oft auch eine kulturelle Übertragung. Denn das deutsche und das türkische Publikum haben unterschiedliche Lesegewohnheiten und einen unterschiedlichen Kenntnisstand. Schlagworte, die im Türkischen keiner weiteren Erklärung bedürfen, müssen im Deutschen in einen Kontext gesetzt werden. Manches, was für das türkische Publikum interessant ist, ist für das deutsche Publikum zu detail- und voraussetzungsreich.

In unserer Redaktion in Berlin arbeiten derzeit Erk Acarer und Ali Çelikkan, zwei Istanbuler Journalisten, die wegen politischer Repressionen im Beruf nach Deutschland gekommen sind. Außerdem Canset İçpinar, Volkan Ağar und Ebru Taşdemir, drei turko-deutsche Redakteur*innen, Burçin Tetik, eine türkische Social Media-Redakteurin, die seit mehreren Jahren in Berlin studiert und ich, eine türkeiaffine Journalistin. Außerdem ist taz gazete zu einer Anlaufstation für Journalist*innen geworden, die aus der Türkei nach Berlin geflüchtet sind.

In Kooperation mit Reporter ohne Grenzen unterstützte unser Projekt bisher über ein Dutzend Kolleg*innen dabei, ein Arbeitsvisum zu bekommen und diverse Behördengänge zu erledigen. So stärken wir durch taz gazete die Presseund Meinungsfreiheit sowie die Zivilgesellschaft in der Türkei, die eine zusätzliche Informationsquelle für unabhängige Nachrichten bekommt.