Erst galt der Bundestrainer als zu nett, dann war er nur der Assistent. Inzwischen ist Joachim Löw der unumstrittene Chef. Jetzt fehlt nur noch ein Titel.von Markus Völker

Joachim Löw ist dort angekommen, wo er immer sein wollte. Bild: dapd
DANZIG taz | Im Lauf seiner Karriere musste Joachim Löw gegen viele Missverständnisse kämpfen. Das öffentliche Bild vom Trainer passte zum Selbstbild. Da wurde auf Betreiben seines damaligen Vereinschefs beim VfB Stuttgart, Gerhard Mayer-Vorfelder, vom „netten Herrn Löw“ geschrieben, was so viel heißen sollte wie: Der Typ ist zu schwach für das harte Bundesligageschäft. Später schien sich Löw auf die Rolle des Assistenten festzulegen. Er wurde irrtümlicherweise zum Harry Klein des deutschen Fußballs, der Stephan Derrick den Wagen holt.
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Derrick, das war Jürgen Klinsmann, der das große Ganze beaufsichtigte und Löw die Detailarbeit überließ. Dann, im Juli 2006, wurde Löw Bundestrainer. Das war seine große Chance. Und er nutzte sie. Es war ein Fight gegen das Bild vom netten Herrn Löw und gegen das Vorurteil, er könne kein harter, entschlossener Chef sein.
Noch immer neigen viele Medien dazu, ihn nicht ganz ernst zu nehmen, wenn sie den Kosenamen „Jogi“ gebrauchen oder ein Glossar seiner Lieblingssätze erstellen („Högschde Konzentration“). Sie verkennen den Herrn Löw gewaltig.
Löw ist der Boss. Er ist jetzt dort angekommen, wo er immer sein wollte. Er hat intern alles im Griff. Diese Europameisterschaft möchte Löw mit dem Titelgewinn zur finalen Imagekorrektur nutzen. Er, der Macher, der Erfolgsmensch, der Super-Joachim. So soll ihn die Welt, in aller Bescheidenheit, sehen.
Die Spieler haben seine Philosophie begriffen und erkennen ihn vollkommen als Leader an. Er kann durchregieren, also in einem Sinne Macht ausüben, wie das Angela Merkel, die regelmäßig in der deutschen Umkleidekabine zu Gast ist, so gern im Parlament tun würde. Es sind keine Quertreiber mehr in der Mannschaft. Das Team stellt vielmehr ein Abbild der Löw’schen Gedankenwelt dar: zielorientiert, ehrgeizig und besessen vom Erfolgsgedanken. „Wenn ich etwas wirklich will, dann versuche ich, es mit jeder Faser meines Körpers, meines Geistes auch durchzusetzen“, lautet Löws Credo. Er will den Titel. Sein Rezept: Zufälle eliminieren. Erfolg ist planbar, davon ist Löw überzeugt.
In der aktuellen Mannschaft herrsche eine „ehrgeizige Harmonie“, hat er dieser Tage gesagt. Es ist eine wunderbare Beschreibung der klimatischen Bedingungen des Erfolgs, an dem Löw und seine Mitstreiter seit 2004 gearbeitet haben. „Alles, was ich anstrebe, ist der Erfolg, alles andere blende ich aus, das sind Dinge, die mich nicht interessieren“, sagt Löw. Die Spieler bekommen die volle Dosis, das volle Programm an Zuwendung. Sie sind Erfüllungsgehilfen in Löws Welt, aber sie wissen auch, dass sie mit ihm eine einmalige Chance haben. Das macht sie gefügig.
Alles ist hochprofessionell: das Training, die Taktiklehre, das Hotel, das Essen, die Medizin- und die Physioabteilung. Auch ein Psychologe und ein Yogalehrer stehen bereit. Dafür verlangt Löw absolute Loyalität, Respekt und den Willen zum Sieg. Egotrips sind nicht erlaubt.
Selbst erfahrene Spieler wie Per Mertesacker, der derzeit nur auf der Ersatzbank Platz nehmen darf, ordnen sich den Planungen des Bundestrainers bedingungslos unter. „Wie er sich verhält, ist mustergültig“, lobt Löw. „Er sorgt absolut für den Zusammenhalt“, die Ersatzspieler täten es auf dem Trainingsplatz, indem sie die Konzentration der anderen hochhielten. Auch Lukas Podolski, Mario Gomez und Thomas Müller mucken nicht auf, obwohl sie in der Partie gegen Griechenland nicht von Anfang an spielen durften. Sicher können sich nur wenige sein.
Gesetzt fürs Halbfinale gegen Italien sind Keeper Manuel Neuer, die Verteidiger, zudem Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira und Mesut Özil. Offen ist die Offensivbesetzung. Spielen André Schürrle, Miroslav Klose oder Marco Reus? Löw sagt nichts Konkretes dazu, deutet nur vage an, Veränderungen seien „denkbar“. Das gehört zum Konzept der professionellen Verunsicherung im Team.
Konkurrenzkampf muss sein, davon ist Löw überzeugt. Ohne ihn geht es nicht, ohne ihn entstehen keine Spannung und Leistungsbereitschaft. Also hat er jede Position doppelt besetzt, manche sogar dreifach, um die Stammspieler herauszufordern. Da kennt der nette Herr Löw kein Pardon.
Noch lehnt Löw jedes Lob für seine Arbeit ab. „Wenn es ein Lob gibt, dann muss man das an die Mannschaft weitergeben, sie ist extrem positiv und extrem respektvoll.“ Erst nach dem Finale wird er bereit sein für Huldigungen jedweder Art. Er weiß, wie schnell es im Fußball gehen kann. Ein verlorenes Spiel, und er ist nicht mehr Super-Jogi, sondern nur noch der Vize-Jogi.
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Das Team: Aus den Stadien und dem Quartier der deutschen Mannschaft berichten die taz-Sport-Redakteure Andreas Rüttenauer und Markus Völker. In Warschau beobachten Gabriele Lesser und Uli Räther das Geschehen, in Kiew Juri Durkot. In Berlin sind dabei: Svenja Bednarczyk, Frauke Böger, Michael Brake, Jan Feddersen, Enrico Ippolito, Johannes Kopp, Katerina Mishchenko, Barbara Oertel, Erik Peter, Jan Scheper und Deniz Yücel.
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Leserkommentare
29.06.2012 16:35 | Sebastian
Wieso??!! ...