Jugendheimforscher über Haasenburg-Heime

„Das erinnert an die DDR“

Forscher Christian Sachse fordert, die Einrichtungen der Haasenburg GmbH aufzulösen. Dort gebe es zu viele Ähnlichkeiten mit den ehemaligen Jugendwerkhöfen.

Eine Fotografie des Innenhofes des ehemaligen Jugendwerkhofes Torgau.  Bild: dpa

Herr Sachse, Sie haben die Jugendheime und Jugendwerkhöfe der DDR untersucht. Fallen Ihnen Parallelen zu den Heimen der Haasenburg GmbH in Brandenburg auf?

Christian Sachse: Vieles, etwa die Isolation und das Stehen im Zimmer, die Ausstattung der Räume mit nur einem Tisch und Matratze: Das erinnert frappierend an die Jugendwerkhöfe in der DDR.

Gab es auch ein entsprechendes Belohnungssystem?

Ein Chip-System gab es nicht, allerdings mussten sich die Kinder wie in dem Heim der Haasenburg GmbH die einfachsten Dinge verdienen. Es gab ein sehr differenziertes Belohnungs- und Bestrafungssystem in den Jugendwerkhöfen. Etwa die Reglementierung der Kontakte zu den Eltern oder von Urlauben.

Das erinnert an Dressur?

Ja, es gab auch eine Theorie, die sich an das Pawlow’sche Reflexschema anlehnte. Sie gingen davon aus: Bestrafung führt auf zu Vermeidungsverhalten und Belohnung verstärkt gewünschtes Verhalten. Da wurde ein sehr simples Schema angewandt und das scheint mir auch hier der Fall gewesen zu sein.

59, ist Politikwissenschaftler und Theologe und hat mehrere Studien zu Jugendheimen und Werkhöfen in der DDR verfasst. Er lebt als freier Publizist in Berlin.

Geht es darum, Kinder zu brechen, um sie danach wieder neu zu konstruieren?

Genau das ist das Konzept. Es wird versucht, die Verhaltensweisen und den Willen des Einzelnen zum Widerspruch zu brechen. Dann bearbeitet man die einzelnen Verhaltensweisen so lange, bis der Betroffene „erziehungsbereit“ ist. Das war in Torgau im Jugendwerkhof die Standardformulierung: „Die Erziehungsbereitschaft herstellen.“

Welche Spätfolgen hatte diese Behandlung?

Ein Großteil der Betroffenen ist schwer traumatisiert aus diesen Anstalten herausgekommen. Die Brechung des Willens ist zwar gelungen, aber nicht der Aufbau einer neuen Persönlichkeit. Das haben wir fast als Standardbild, wenn wir mit den Geschädigten sprechen.

Wie äußert sich das?

Die haben schwere Depressionen, Nichtigkeitsgefühle, ihr eigene Selbstwertschätzung ist auf null – und zwar dauerhaft. Ähnliche Folgen würde ich in diesem Heim der Haasenburg GmbH befürchten. Auch dort wird der Wille gebrochen. Es wird zu schweren Depressionen kommen und zur Unfähigkeit, mit normalen Lebenssvollzügen zurechtzukommen. Auch Beziehungsunfähigkeit muss befürchtet werden.

Hängt das damit zusammen, dass in Brandenburg die Vergangenheit nicht aufgearbeitet wurde, was sich schon darin äußert, dass es erst seit 2010 erstmals eine Landesbeauftragte für die Aufarbeitung gibt?

Diesen Zusammenhang sehe ich ganz eindeutig. Es gab ja diese verhaltenstherapeutisch orientierten vier Sonderheime der DDR. Da warten wir seit 25 Jahren darauf, dass sich das Land Brandenburg dieser Geschichte stellt.

Ist die Situation im Heim der Haasenburg GmbH durch erneute Auflagen durch das Land heilbar?

Ich weiß aus Erfahrung, wie schwer es ist, solche Heime wie die der Haasenburg GmbH zu reformieren. Da wäre am besten ein richtiger Schnitt. Vielleicht kann es eine Nachfolgeeinrichtung geben, die eine neue Führung und ein neues Konzept bekommt. Da bin ich klar für die Auflösung dieser Einrichtung.

 

In Kinder- und Jugendheimen der Haasenburg GmbH herrschte brutaler Drill, die taz berichtete. Eine Klage der Haasenburg GmbH gegen die taz hat das Landgericht Berlin zurückgewiesen.

17. 6. 2013

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