Klimawandel und Popmusik

Alle singen übers Wetter

Michael Jackson hat’s versucht, Joni Mitchell und die Beatles auch – doch einen Hit über den Klimawandel zu schreiben, ist nicht möglich. Oder doch?

Die Beatles

In „Mother Nature’s Son“ von 1968 skizzierten die Beatles ein verschwindendes Idyll. (Archivbild) Foto: dpa

Es ist nicht möglich, einen guten Song über ökologische Probleme zu schreiben. Vielleicht sind Themen wie rauchende Schlote, steigende Meeresspiegel oder übersäuerte Böden einfach zu sperrig, um in drei unterhaltsame Minuten zu passen. Mag sein, dass der Klimawandel als thematischer Großkomplex in den Köpfen der Menschen allgegenwärtig ist. Trotzdem kann man heute sicher sein, im Radio damit nicht behelligt zu werden.

Es ist nicht möglich, einen guten Song über ökologische Probleme zu schreiben. Zumindest nicht solche, die im Radio gespielt werden.

In den Achtzigerjahren war das noch anders. Da standen Songs über den drohenden Atomkrieg (Nena: „99 Luftballons“) oder über radioaktive Verseuchung (Righeirea: „Vamos A La Playa“) auf Platz 1 der Hitparaden. Es war eine Zeit, in der die berüchtigte „Weissagung der Cree“ noch als Aufkleber am Heck von Dreckschleudern prangte, die heute kein Mensch mehr in die Innenstädte lassen würde.

„Mein Freund, der Baum“

Der Erde droht der Hitzekollaps. Deshalb wollen die Staatschefs der Welt Anfang Dezember in Paris einen globalen Klimaschutz-Vertrag vereinbaren. Die taz berichtete vom 28. November bis zum 14. Dezember 2015 täglich auf vier Seiten in der Zeitung und hier auf taz.de.

In die Ära von Waldsterben und Brokdorf fällt auch der letzte deutschsprachige Hit zum Thema. Dass es sich dabei um das ebenso larmoyante wie pastorale „Karl der Käfer“ (1983) von einer Gruppe namens Gänsehaut (!) handelt, macht das Problem nur noch deutlicher – und selbst dieses Lied schaffte es nur auf Platz 23 der Charts. Der einzige vergleichbare deutsche Song war 1968 das tränenreiche Rührstück „Mein Freund, der Baum“ von Alexandra.

Es ist nicht möglich, einen guten Song über ökologische Probleme zu schreiben. Zumindest dann nicht, wenn sich die Probleme nicht sentimentalisieren lassen.

In der Regel geht es im Pop um die Gezeiten der Liebe. Er ist aber potenziell ein Container für jedes nur denkbare Thema, sofern es nur die eigene Befindlichkeit wenigstens streift. Das öffnet Räume für die Politik, die von Krieg (Edwyn Starr: „War“) über Hunger (Band Aid: „Do They Know It’s Christmas“) bis zur Ausbeutung indigener Völker (Neil Young: „Cortez The Killer“) bereits mehr oder weniger überzeugend bespielt wurden.

Ein schmaler Grat

Es ist nicht möglich, einen guten Song über ökologische Probleme zu schreiben. Zumindest dann nicht, wenn man halt nicht kann.

Pop neigt, wo er nicht leidet, naturgemäß zum Hedonismus. Er eignet sich nicht dazu, Enthaltsamkeit zu predigen – auch wenn christlicher Pop in den USA das dergleichen in alkoholischer oder sexueller Hinsicht versucht. Plakativ darf alles sein, nur kein ausgestreckter Zeigefinger. Es braucht Kenner und Könner, um auf diesem schmalen Grat zwischen Predigt und Pop zu wandeln. Neil Young, dem das Thema seit Jahrzehnten am Herzen liegt, hat erst unlängst mit „The Monsanto Years“ ein ganzes Konzeptalbum über Gentechnik abgeliefert. Das war künstlerisch sicher kein Triumph, aber dem alten Herrn politisch sicher ein Bedürfnis.

Ein Gegenbeispiel ist „Earth Song“ (1995) von Michael Jackson, dem vielleicht erfolgreichsten Ökosong aller Zeiten. Plakativer ging’s nicht, pathetischer auch nicht. Man muss auf die Natur als solche zielen. Und das geht nicht, ohne ihre durchaus auch bedrohliche Erhabenheit ins Spiel zu bringen – zur Not auch mit sarkastischen Untertönen.

So wie Frank Zappa mit seinem halbstündigen Epos „Billy The Mountain“ (1970), das mit vordergründigem Klamauk von einem Berg namens Billy und dessen Frau Ethel erzählt, die ein Baum ist und aus seiner Schulter wächst. Als sich das Paar in Bewegung setzt, hinterlässt es eine Schneise der Verwüstung.

Das Schaumbad im Ozean

Ironie gelingt nur dem Größten, Tragödie den Großen – „and the song remains the same“. 1970 klagte Joni Mitchell in „Big Yellow Taxi“, das Paradies sei zugunsten eines Parkplatzes betoniert worden. Im selben Jahr schimpften die Kinks in „Apeman“ über die Luftverschmutzung, Neil Young in „After The Gold Rush“ über eine fliehende „Mother Nature“, während Cat Stevens fragte: „Where Do The Children Play“. 45 Jahre später besingt Joanna Newsom in „Sapokanikan“ das Indianerdorf, auf dem sich heute Manhattan erhebt.

In „Mother Nature’s Son“ von 1968 skizzierten die Beatles ein verschwindendes Idyll, die Konkurrenten aus den USA waren da schon direkter. Zahnpasta und Seife würden die Ozeane in ein Schaumbad verwandeln, warnten die Beach Boys in „Don’t Go Near The Water“. Und zuletzt waren es Gorillaz, die im Jahr 2010 mit „Plastic Beach“ dem Müll in den Ozeanen ein ironisches Denkmal setzten.

Besonders ergiebig ist auch der Metal mit seinem Interesse an der Dunkelheit, von Annihilator über Gamma Ray bis Iron Maiden. 1988 bellten Metallica in „Blackened“ gegen die Verschwendung von Ressourcen an: „Millions of our years in minutes disappears“. Und schon zehn Jahre vor seiner Entdeckung halluzinierten Black Sabbath 1975 von einem „Hole In The Sky“.

Tatsächlich verblüfft neben der Komplexität die Kontinuität des Themas. Songs über ökologische Probleme sind in Wirklichkeit so alt wie die Probleme selbst. Und sie sind vielleicht ebenso schwierig zu schreiben, wie die Probleme zu lösen sind. Es ist möglich.

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