Klischeehafte Berichterstattung

Ach du liebe Minderheit

Der Migrant als Täter, der Mensch mit Behinderung als Opfer. Die Berichterstattung orientiert sich an Merkmalen, nicht an Individuen.

Ein Mann filmt einen Menschen in einem Rollstuhl im Park

Der Verein „Rollenfang“ will Menschen mit Behinderung als wirkungsmächtigen Teil unserer Gesellschaft zeigen Foto: Piero Chiussi

Medien haben ein Problem mit Minderheiten. Vor allem was die Berichterstattung angeht. Ob Menschen mit Behinderung oder Migrationsgeschichte, über beide wird klischeehaft berichtet. Nur auf ganz unterschiedliche Art: Die einen sind Täter*innen oder Sozialschmarotzer, die anderen Opfer ihres Schicksals – oder Alltagshelden.

Diese Berichterstattung betrifft knapp 19 Millionen Migrant*innen und siebeneinhalb Millionen behinderte Menschen in Deutschland. Ob Migrant*innen als kriminell oder behinderte Menschen als hilfsbedürftig dargestellt werden – es ist das gleiche Schema: Ein Individuum wird aufgrund eines Merkmals in ein Narrativ gedrängt, die Person selbst gerät dabei in den Hintergrund.

Thomas Hestermann, Journalismusprofessor an der Hochschule Macromedia in Hamburg, hat 2017 untersucht, wie Migrant*innen in Medienberichten dargestellt werden. Ergebnis der Studie: vor allem als Straffällige oder Tatverdächtige. Doch die negative Berichterstattung mit positiven Geschichten auszubalancieren, ist nicht die Lösung. „Wenn die Nachricht nur darin besteht, dass diese Person trotz ihres Merkmals Erfolg hat, ist das ein Eigentor“, meint Margreth Lünenborg, Professorin für Publizistik an der FU Berlin. Damit zementiere man die Ausnahme.

Ein Problem, dass Menschen mit Behinderung nur zu gut kennen. Das Wort „trotz“, das immer wieder in Beiträgen mit ganz alltäglichen Dingen verknüpft wird. „Trotz ihres Schicksals meistert sie ihr Leben.“ oder „Trotz der Behinderung arbeitet er.“ Diese journalistischen Texte zeichnen sich durch Bewunderung und Mitleid aus. Anstatt der Person wird die Behinderung zum Mittelpunkt der Geschichte.

Ein strukturelles Problem

Der Text „Der Kriegstechniker“, der 2017 beim Unispiegel erschienen ist, zeigt, wie es richtig geht. Er handelt von Asem Hasna: behindert, geflüchtet, Unternehmer. Dem Autor Matthias Fiedler gelingt es, mit seiner persönlichen Bewunderung sparsam umzugehen. Fiedler erzählt über Hasnas Leben in Syrien und seine Flucht, doch das Hauptaugenmerk liegt auf seiner Arbeit – dem Versuch, Prothesen aus dem 3D-Drucker herzustellen. Asem Hasna ist ein Geflüchteter, der nicht als Bedrohung dargestellt wird, ein Mensch mit Behinderung, der nicht als Opfer gezeigt wird.

Fiedler rät: „Man muss in so einem Fall nur den Menschen darstellen. Da braucht man nichts zu schönen, überinterpretieren oder mit Attributen auszuschmücken.“ Das erfordert Zurückhaltung und Emotionskontrolle beim Autor. Und gleichzeitig, das ist paradox: Empathie. Die Voran­nahme, dass jemand beispielsweise an seiner/ihrer Behinderung nicht nur wörtlich leidet, ist allzu plausibel und wird deshalb so oft herangezogen. Doch Journalist*innen sollten nicht ihre persönlichen Annahmen über die eigenen Worte der Protagonist*innen stellen. Menschen mit Behinderung leben einfach mit ihnen, sie leiden nicht an ihr. Ihnen machen eher die Vorurteile in der Gesellschaft und die Barrieren in der Umwelt zu schaffen.

Es ist ein strukturelles Problem, dass viele Journalist*innen Schwierigkeiten haben, neutral über Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderung zu berichten. „Das ist sicherlich kein bewusster Entscheidungsprozess von Journalistinnen und Journalisten“, sagt Medienwissenschaftlerin Lünenborg. „Die Frage ist, welche Zugänge sie zu den unterschiedlichen Formen migrantischen Lebens haben.“ Oder zu unterschiedlichen Formen von Behinderung.

Die sensationalistische Grundhaltung

Wenn Autor*innen selbst keiner Minderheit angehören und auch wenig Berührungspunkte mit Mitgliedern einer Minderheit haben, neigen sie in der Regel dazu, sich der Thematik mit einer sensationalistischen Grundhaltung zu nähern. In deutschen Redaktionen sind beider Gruppen unterrepräsentiert oder gar nicht vertreten. Studien über Journalist*innen mit Migrationsgeschichte kommen zum Beispiel auf einen Anteil von zwei bis fünf Prozent. Höher ist die Anzahl unter Freiberufler*innen, niedriger bei Festangestellten. Der Prozentsatz an Journalist*innen mit Behinderung in den Redaktionen ist nicht bekannt. Nicht jede*r spricht gerne darüber und nicht jede Behinderung oder chronische Krankheit ist auf den ersten Blick erkennbar.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Der erste Schritt für eine ausgewogene Berichterstattung ist Selbstreflexion: „Man sollte nicht nur kritisch mit Quellen umgehen, sondern auch mit seinem Standpunkt“, rät Alice Lanzke von den Neuen Deutschen Medienmachern. Die Organisation versucht mit Workshops und Glossaren die Berichterstattung über Menschen mit Migrationsgeschichte zu ändern. Hin zu einer klischeefreien Erzählung. Ähnliche Organisationen gibt es auch für die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung.

Ganz viele Texte über warmherzige, selbstlose Migran­t*in­nen zu schreiben ist ebenso absurd wie plötzlich alle kriminellen Menschen mit Behinderung aufzusuchen. Die Lösung liegt darin, sich im Alltag mehr zu durchmischen. Eine vielfältige Redaktion mit vielfältigen Meinungen trägt zu vielfältigem Inhalt bei. Damit ist nicht gemeint, dass Journalist*innen mit Behinderung oder Migrationshintergrund automatisch besser darin sind, diese Themen abzubilden. Im Gegenteil: Wünschenswert wäre, wenn sie dafür nicht die Expert*innen sein müssten. Doch allein der Austausch innerhalb einer Redaktion kann alte Narrative und Stereotypen aufbrechen. Und so dem Ziel näher kommen: Eine Berichterstattung über Menschen mit Behinderung oder Migrationsgeschichte frei von Klischees.

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