Kolumne von Ambros Waibel

Früher war die Bundeswehr etwa so aggressiv wie die AOK. Bild: dapd
Ich bin ein Kind der Bundeswehr. Vielleicht hat mich deswegen ein gewisser Vulgär-Antimilitarismus à la „Soldaten sind Mörder“ schon in den späten Achtzigern, als man keine Freundin abbekam, wenn man nicht den Wehrdienst verweigerte, nicht so ganz eingefangen.
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Ich wollte eine Freundin, aber ich kannte die Bundeswehr von innen, und ich wusste, dass sie ungefähr so aggressiv war wie die AOK. Wer den Bund als Arbeitgeber wählte, wollte eine ruhige Kugel schieben, rechnete nicht wirklich mit dem Russen und ging mit 62 und ärztlich attestiertem Rücken bei fast vollen Bezügen in Frühpension.
Heute stellt die Bundeswehr in Berlin das letzte Krankenhaus, das man noch aufsuchen kann ohne Amok zu laufen. Nach dem, was man seit dem Betrüger zu Guttenberg aus dem Verteidigungsministerium hört, wird allerdings auch damit bald Schluss sein, es soll rationalisiert und verschlankt werden oder wie der gerade aktuelle Betrügerslang halt geht, ich verfolge das nicht so genau.

AMBROS WAIBEL
ist Meinungs- und tazzwei-Redakteur der taz.
Foto: Alexander JenetzkoDie alte Bundeswehr war sozusagen ein Tiefdruckgebiet, in das dann eben auch irgendwann der Sturm der Dränger und Leistungsprolls einziehen musste. Ein bisschen erging es ihr in den letzten Jahren so wie jetzt der Fußballnationalmannschaft: Bevor die Deutschen Europa beherrschten, war der Auftrag an Löws Elf, den lockeren, den nichthässlichen und nicht alpinaweißen neuen Deutschen zu repräsentieren. Jetzt ist das wurscht, der Euro gehört uns. Aber Weltmeister sind immer noch die Bankrottspanier.
Dass man Löw eher für seine leicht eklige Angewohnheit, öffentlich an den Achseln seiner taillierten Hemden zu riechen, hätte kritisieren können – geschenkt. Ästhetik, gutes Benehmen, ich sage es einfach mal: eine Adorno’sche Zartheit, ein „auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen („Sur l’eau“, Minima Moralia) – das darf nicht mehr sein, schon gar nicht beim brisanten Thema „Lesen lernen im Bundesvergleich“, zu dem der Tagesspiegel-Kolumnist Matthias Harald Martenstein-Sammer am Wochenende seine übervolle Druck-Druck-Druck-Blase nicht mehr halten konnte: Als ob er nicht selbst die beste Mahnung abgäbe, die zarten Kleinen doch bitte nicht zu früh mit den Buchstaben vertraut zu machen.
Ein Druck also zieht durchs Land, und insofern ist es zu begrüßen, dass Nadja Drygalla nun Sportsoldatin geworden ist. Nachdem ich eine Kolumne über sie und die deutsche Liebe zu Nazihascherln und die entsprechende Eiseskälte allen fremdartigen menschlichen Lebewesen gegenüber veröffentlicht hatte, schrieb mir das Büro der Landtagspräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern einen Brief, in dem meine allgemein-antifaschistischen und gut katholisch auf die Verantwortung des Einzelnen abhebenden Thesen Anerkennung fanden, Frau Drygalla aber als „vulnerabel“ bezeichnet wurde.
Heißt wohl auf Deutsch, dass sie von Haus aus und klein auf gewohnt ist, zu tun, was Männer ihr sagen. Da sie vor allem Rudern will, ist übermäßiges Engagement für die eigentlichen dienstlichen Belange nicht zu erwarten – noch ein Kind der guten alten Bundeswehr.
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Leserkommentare
29.10.2012 15:45 | Rainer B.
"in den späten Achtzigern, als man keine Freundin abbekam, wenn man nicht den Wehrdienst verweigerte". ...
26.10.2012 11:34 | Falmine
Die Kolumne ist höchst lesenswert und hat mich gut unterhalten! Die Kommentare allerdings mindestens ebenso. Jetzt ahne ich ...
25.10.2012 18:07 | lowandorder
@von Ottmar: ...