Kolumne Darum

Sei verdammt, Pierre Bourdieu!

Verhalten sich meine Kinder „wie Bourgeois“ oder wie Päpste? Über Pausenbrote, Gurken und die Frage, was „mehr oder minder früh“ bedeutet.

Butterbrotdose

Hübsch anzusehen – kommt ohne Butterbrotpapier wieder ungegessen nach Hause. Foto: Imago / Westend61

Wenn ich die Pausenbrotdosen meiner Kinder sehe, verfluche ich neuerdings den französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Lange dachte ich, die Dankbarkeit der Kinder müsse groß sein, dass da jemand vor sieben Uhr morgens in der Küche steht, im Akkord Brote schmiert und Salatgurken schneidet, damit sie in der Schule was zu essen haben.

Denkste! Vor zwei Jahren bekam ich von den Kindern stattdessen eine Dienstanweisung: „Wenn du mir ein Brot machst, dann pack es in Butterbrotpapier ein, bevor du es in die Dose tust. Sonst berührt es die Gurkenstücke und weicht auf. Das können wir nicht leiden.“

Debatten an dieser Stelle sind zwecklos, denn ich weiß: Ein angeweichtes Brot kommt nachmittags zurück nach Hause, dann ist es durchgeweicht und selbst für mich kaum genießbar. Mit viel Vaterliebe kann ich zugestehen: Faktisch haben die Kinder zumindest im Ansatz Recht.

Und doch ärgere ich mich jeden Morgen wieder, wenn ich in Eile bin und noch das verdammte, verfluchte Butterbrotpapier rauskramen muss. Woher kommt diese Wut? Es liegt wohl am kompromisslosen Kommunikationsstil. „Nimm gefälligst Butterbrotpapier!“ bedeutet nichts Anderes als: „Mach es einfach so, wie wir es dir sagen!“

Da ist er wieder, der diktatorische Sound der Kinder, von dem ich glaubte, er liege hinter uns. Als sie klein waren, haben sie, ohne es zu wollen, vieles bestimmt: wann aufgestanden und gegessen wird, wer wann welches Buch vorzulesen hat und was danach zu tun ist. Wir Eltern hatten zu springen und konnten allenfalls abends ein wenig Gegenmacht ausüben: „Nun geht es aber ins Bett!“

Leben wie ein Bourgeois

Oft haben wir uns damals darüber unterhalten, was für ein populistischer Krakeeler Herbert Grönemeyer sein muss, wenn er sich „Kinder an die Macht“ wünscht und welcher Art die Diktatur denn wäre, wenn er seinen grauenvollen Willen bekäme.

Uns war klar: Je kleiner ein Kind ist, desto abhängiger ist es von anderen. Damit ließen sich Diktaturformen wie Nationalsozialismus, Faschismus, Stalinismus und Militärherrschaft ausschließen. Wir dachten eher an mittelalterliche Feudal- oder Klerikaldynastien, wo auch Minderjährige mal König oder Papst werden konnten, ihre Macht sich aber auf erwachsene Helfer stützte.

Diktatur ist wohl der falsche Begriff und der Zufall will es, dass ich neulich Pierre Bourdieus Studie „Die feinen Unterschiede“ las. Darin fand ich einen Satz, der mein Denken über kindliche Autorität vom Mittelalter in die Neuzeit transformierte: „Jedes Kind beginnt sein Leben wie ein Bourgeois: in einem Verhältnis magischer Gewalt über die anderen und vermittels ihrer über die Welt, tritt dann aber, mehr oder minder früh, aus dem Stadium der Kindheit heraus.“

Da stehe ich nun morgens in der Küche und in den zwei Brotdosen sind die Salatgurken wieder einmal kurz davor, die Pausenbrote unsittlich zu berühren. Verzweifelt suche ich das Butterbrotpapier, hebe mir aber den Fluch, den es sonst abbekommt, diesmal für einen anderen auf: Was genau, verdammter und verfluchter Pierre Bourdieu, bedeutet denn „mehr oder minder früh“? Wer das nicht exakter sagen kann, sollte von „feinen Unterschieden“ schweigen.

 

Jahrgang 1969, ist seit 2010 Chef vom Dienst bei taz.de. Kartoffeldruck, Print und Online seit 1997.

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