Kolumne von Andreas Rüttenauer

Das Ritzel. Nicht alle sind gleich, und nur wenige osymetrisch. Bild: imago/ HochZwei
Es war sein erstes Rennrad. Für das haben sie ihn ausgelacht damals. Dabei hat es ein Vermögen gekostet, ein ganzes, kein halbes. Und es war bearbeitet, so wie es sich damals gehörte.
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In die Schalthebel, die waren ja damals noch am Rahmen befestigt, hatte der Vorbesitzer Löcher gebohrt und sauber ausgefeilt, um noch ein paar Gramm Metall einzusparen. Dafür hatte er sich eigentlich Respekt erwartet. Und jetzt das?
Ob er den Berg zu Fuß hinaufgehen wolle, wurde er am Anstieg zum Kesselberg am Kochelsee gefragt. Da sei er sicher schneller als mit dem Ritzel, das er hinten montiert habe. 32 Zähne hatte der Größte der kleinen Zahnkränze an seinem Rad. Und noch bevor er das erste Mal mit dem Rennrad eine Straße bergauf gefahren ist, wusste er, dass ein solches Ritzel, als Rosenkranz, Rettungsring oder eben Rentnerritzel bezeichnet wird.

Andreas Rüttenauer
ist taz-Sportredakteur. Er berichtet während der Olympischen Spiele aus London.
Foto: tazMit so etwas konnte man sich richtig blamieren in der Szene. Man ist ja Rennradfahrer und kein Mountainbiker, und einer aus der Gruppe, mit der er bald begonnen hat zu trainieren, hat ihm gezeigt, was man tun kann, wenn man sich bergauf schwertut, und auf den Inhalt des Kulturbeutels verwiesen, ohne den er das Haus nie verlässt.
Er hat dann schnell gemerkt, wie gut er die höchsten Alpenpässe ohne Rentnerritzel hinaufgekommen ist. Sogar die Frau, die in ihrer Gruppe immer mitgeradelt ist, ist auf das Stilfser Joch immer problemlos hochgekommen. Nachdem sie gestorben ist, hat auch er die traurige Geschichte im Spiegel über sie gelesen, in der es um Medikamentensucht gegangen ist. Sie war eigentlich ganz nett.
Inzwischen denkt er sich nichts mehr, wenn er sich ein Rentnerritzel montiert und auch einen Teil der Medikamente hat er längst abgesetzt. Die Materialfrage war für ihn eigentlich geklärt. Aber warum niemand mitgelacht hat, als der Jüngste in ihrer Gruppe neulich mit einem Kettenblatt dahergekommen ist, das so ausgesehen hat, als sei es Ausschuss, das hat ihn zunächst schon gewundert. Es war weder rund, noch oval, noch elliptisch. Es war irgendwie verformt.
Osymetrisch sei das, hat ihr Jüngster gesagt und Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins sei damit Toursieger geworden, weil es, wie der Hersteller sagt, die Arbeit dort vereinfacht, wo das Bein schwach ist. Jetzt überlegt er doch, ob er sich eine neue Kurbel zulegen soll. Und einen Blick in den Kulturbeutel von Wiggins würde er auch gerne werfen. Im September geht es ja schließlich wieder in die Dolomiten.
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