Nullen und Einsen

Tausend Tonnen Hass

Kommentare im Internet fördern das Niederste im Menschen zutage. Doch wie gehen wir damit um? Einfach abschalten wäre zu leicht.

Bitte nicht füttern!  Bild: serraboten | CC-BY

Jetzt hat es endlich mal jemand gesagt, dem man nun wirklich nicht vorwerfen kann, dass er das Internet und seine Mitrede-Möglichkeiten als Schwachsinn abkanzeln wollen würde: Blogger Markus Beckedahl hat sich vergangene Woche ausgekotzt. Über die Kommentare auf seinem Blog netzpolitik.org. Darüber, wie Leute dort immer wüster pöbeln, krude Verschwörungstheorien ausbreiten und damit die Leute vergrätzen, die wirklich mitdiskutieren wollen.

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Es war wohl das erste Mal, dass ich Markus Beckedahl und Bunte.de in einem Gedanken zusammengebracht habe – hatte doch Letztere kürzlich ihre Kommentarfunktion sogar zwischenzeitlich dicht gemacht, weil Rechtsextreme ihnen die Seite vollkotzten.

Und jetzt fragt sich Beckedahl, der seit Jahren unermüdlich für das freie Netz trommelt, frustriert, ob er nicht einfach die Kommentarfunktion auf seinem Blog dichtmachen soll. Weil er keine Lust mehr hat.

Das ist nur allzu verständlich – Probleme mit dem Troll- und Hater-Zoo gibt es auf wahrscheinlich allen größeren Blogs und Nachrichtenseiten. Aber es nervt mich. Weil es auch bedeutet, dass man all diesen Internet-Antis, die eh schon immer gewusst haben, dass die Leute im Netz ohnehin nur dummes, beleidigendes Zeug verzapfen, ein bisschen Recht geben muss.

Natürlich, das betont auch Beckedahl, sind Kommentarfunktionen eigentlich toll. Aber sie können die Pest sein. Das darf ich sagen, weil ich einst als taz.de-Redakteurin vormittagelang durch Moore von „Schlimmer als die Bild-Zeitung“- und „Alles islamistische Bombenleger“-Kommentare gewatet bin.

Es kommt raus, was in den Köpfen ist

All das Konstruktive, das Korrektiv, das Leserkommentare sein können, wird zugeschmissen mit riesigen Batzen Dreck aus Nazivergleichen, Ausländerfeindlichkeit und sonstigem Hass. Technische Lösungen, Kommentarratings durch andere Leser, eine Anmeldepflicht oder das mühevolle händische Freischalten von Kommentaren können das Problem etwas dämpfen. Beseitigen können sie es nicht.

Mit den Äußerungsmöglichkeiten im Netz werden jetzt Dinge deutlicher sichtbar, die immer schon in den Köpfen der Menschen waren, hat die kluge Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg kürzlich im Interview gesagt. Andererseits kann ich verstehen, dass es Schmähungen und persönliche Anwürfe gibt, die man auf seinen Seiten nicht stehen haben will – weil es justiziabel ist, Dritte verleumdet werden oder um nicht noch mehr Trolle anzulocken.

Meinen persönlichen Lieblingsumgang mit aggressiven oder einfach blöden Kommentaren hat übrigens die YouTuber-Quatschtruppe Y-Titty erfunden: Sie lesen eine Auswahl davon in ihrer wöchentlichen „Kommentare-Kommentiershow“ vor und parodieren sie. Eine ähnliche Idee haben die Hate-Poetry-Lesungen des Kollegen Yücel und seiner Mitstreiter: Sie tragen die schlimmsten Leserkommentar-Beleidigungen unter ihren Texten öffentlich vor.

Vielleicht sollte man denen mal einen YouTube-Kanal einrichten. Da wäre ich gespannt auf die Kommentare.

 

Jahrgang 1980. Schreibt vor allem Netzpolitik, -kultur und digitale Gesellschaft. Studierte Politikwissenschaften in Berlin und Prag, Ausbildung an der Berliner Journalistenschule, anschließend Freie fürs Radio, Print- und Onlinemedien. Seit 2007 bei der taz – mit Zwischenstationen bei taz.de und der Sonntaz.

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